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Politik

Krankenhäuser sollen Umstrukturierung selbst in die Hand nehmen

Dienstag, 23. Juni 2020

/leowolfert, stockadobecom

Mannheim/Ismaning/Essen/Chicago – Der Medizinische Geschäftsführer und Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Mannheim, Hans-Jürgen Hennes, hat die Kranken­häu­ser in Deutschland dazu aufgerufen, die Umstrukturierung der Krankenhauslandschaft selbst in die Hand zu nehmen.

„Wir sollten davon Abstand nehmen zu hoffen, dass die Infrastruktur, die wir derzeit ha­ben, jemals flächendeckend mit Investitionsmittel ausgestattet werden wird“, sagte Hen­nes kürzlich bei der virtuellen Präsentation des Krankenhaus Rating Reports. Es sei auch die Aufgabe der Krankenhäuser untereinander, sich eine moderne Versorgung zu überle­gen und sie in Pilotmodellen zu praktizieren.

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„Wir streben an, uns wesentlich mehr zu verzahnen und die Universitätsmedizin in die Fläche zu bringen“, sagte Hennes. „Dabei wollen wir nicht alles selbst machen, sondern in der Verzahnung der Versorgungsteilnehmer eine Steuerungsfunktion übernehmen.“ Dazu gebe es bereits Pilotmodelle, die den hausärztlichen Bereich ebenso wie den Lehrstuhl für Allgemeinmedizin mit einbezögen.

Eine Grundvoraussetzung dafür sei die Nutzung der Telemedizin. „Wir müssen aufeinan­der zugehen, auch auf die anderen Leistungserbringer, und Lösungen für die Zukunft fin­den – jeweils auf Augenhöhe“, sagte Hennes. Ein Instrument, um die sektorenübergrei­fen­de Versorgung zu finanzieren, könnten regionale Gesundheitsbudgets sein.

Kritik an zu engem Ordnungsrahmen

Dafür plädierte auch Boris Augurzky vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, einer der Autoren des Krankenhaus Rating Reports. „Die Versorgung muss aus Patienten­sicht aus einem Guss angeboten werden“, sagte er. Das funktioniere nur mit einer sekto­ren­übergreifenden Versorgung, die zum Beispiel auch die Altenhilfe mit einbeziehe. Zur Finanzierung „helfen vielleicht regionale Gesundheitsbudgets“, meinte er.

Dabei kritisierte Augurzky den engen gesetzlichen Ordnungsrahmen, der die Gestaltungs­freiheit der Krankenhäuser reduziere. „Wenn man effizienter werden will, braucht man aber mehr Innovationen. Und das geht nur über Gestaltungsfreiheit“, betonte Augurzky.

„Wir brauchen einen Schock“

Über die sektorenübergreifende Versorgung werde bereits seit 30 Jahren geredet. „Um sie umzusetzen, brauchen wir einen Schock“, meinte er. „Den haben wir jetzt mit der Corona­pandemie.“

Hinzu komme der schleichende Schock durch die voranschreitende demografische Ent­wick­lung. „Beides wird den Druck so sehr erhöhen, dass es eine Chance gibt, die sekto­renübergreifende Versorgung voranzutreiben.“ Im Bereich der Digitalisierung geschehe dies gerade.

Sebastian Krolop von der Healthcare Information and Management Systems Society (HIMSS), ein weiterer Mitautor des Reports, betonte dabei, dass es sich bei der Digitali­sie­rung nicht um eine Software, sondern um eine Managementaufgabe handle. „Die techni­schen Lösungen sind vorhanden“, betonte Krolop. „Sie sind teuer.“ Und das Management müsse entscheiden, ob es die Digitalisierung haben wolle. Der Patient fordere sie in je­dem Fall ein.

„Der Patient hat sich an sie gewöhnt“, sagte Krolop, „zum Beispiel im Bereich der Video­konferenzen.“ Und die Entwicklung gehe weiter. Irgendwann würden nicht mehr die Men­schen Alexa bei gesundheitlichen Problemen um Rat fragen – irgendwann werde es Ale­xa sein, die erkläre: „In den letzten Tagen hast du dich übernommen. Ich mache dir jetzt einen Vorschlag, wie du dich erholen kannst.“ Für das Gesundheitssystem könne das zu einem bösen Erwachen führen.

Jens Schick von der Sana Kliniken AG betonte, die Krankenhäuser sollten weniger in Be­ton und Steine investieren und mehr in die Digitalisierung. Dafür bedürfe es allerdings einer Digitalisierungsinitiative. Denn aus den Betriebsmitteln könnten die Krankenhäuser die Investitionen nicht zahlen.

Klar sei, dass sich die Strukturen in der Krankenhauslandschaft verändern müssten. „In der Coronapandemie gab es einen deutlichen Fallzahlrückgang“, sagte Schick. „Ich glaube nicht, dass wir schnell wieder auf Vor-Corona-Niveau kommen. Die Frage ist, ob wir das überhaupt erreichen.“

Bei der Leistungsentwicklung gehe es im Krankenhaus seit- bis rückwärts. Beim Thema Produktivitätsfortschritt seien die Stellschrauben kleiner geworden. Im Fokus stehe dabei zunehmend die Verweildauersteuerung. „In Skandinavien liegt die Verweildauer zum Bei­spiel in der Orthopädie deutlich unter der in Deutschland“, sagte Schick. „Da gibt es auch in Deutschland Potenzial.“ Das müsse allerdings mit einer Vergütungsänderung korrelie­ren.

Trägerübergreifend Versorgungsmodelle finden

Die ambulante Versorgung könne zudem um 20 bis 30 Prozent ausgebaut werden. Da­durch werde das stationäre Grundgerüst allerdings noch einmal kleiner und Leistungen würden aus den kleinen Krankenhäusern herausgenommen. „Da kann man nur in ländli­chen Regionen ambulant, stationär und die Pflege zusammenpacken“, meinte Schick. „Dann braucht es kluge Ideen, wie das zu finanzieren ist.“

Auch Schick befürwortete, dass „alle miteinander trägerübergreifend Versorgungs­modelle finden“. Ohne Abstimmung werde das nicht funktionieren. „Ich werbe dafür, dass wir uns gemeinsam auf den Weg machen“, sagte er. © fos/aerzteblatt.de

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