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Medizin

Studie: Azithromycin kann Herz-Kreis­lauf-Todesfälle provozieren

Donnerstag, 2. Juli 2020

/Soni's, stock.adobe.com

Oakland/Kalifornien – Werden die Risiken von Makrolid-Antibiotika weiter unterschätzt? Obwohl seit langem bekannt ist, dass die Mittel über eine Verlängerung des QT-Intervalls das Risiko auf tödliche Herzrhythmusstörungen erhöhen, kommt es in den Tagen nach einer Behandlung mit Azithromycin, dem derzeit am häufigsten verordneten Makrolid, weiterhin zu einem Anstieg der kardiovaskulären Todesfälle, wie die Auswertung von Krankenakten eines US-Versicherers in JAMA Network Open (2020; DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2020.8199) zeigt.

Dass Makrolide das QT-Intervall verlängern und tödliche Herzrhythmusstörungen auslösen können, wurde vor mehr als 2 Jahrzehnten für Erythromycin beschrieben, einem der ersten Makrolid-Antibiotika. Später wurde erkannt, dass das Risiko auch bei Clarithro­mycin und Azithromycin besteht.

Eine vor 8 Jahren publizierte Auswertung von Medicaid-Patienten zeigte, dass sich die kardiovaskulären Todesfälle in den ersten 5 Tagen nach der Verordnung von Azithromycin fast verdreifachen (NEJM 2012; DOI: 10.1056/NEJMoa1003833). Die Arzneimittel­behörden warnen seither vor dem Einsatz der Antibiotika bei Patienten mit bekannten Risikofaktoren für ventrikuläre Arrhythmien.

Ein Team um Jonathan Zaroff vom Forschungszentrum des kalifornischen Krankenversich­erers Kaiser Permanente in Oakland hat den Zusammenhang jetzt erneut untersucht. Die Forscher verglichen 1,7 Millionen Patienten, denen im ambulanten Bereich zwischen 1998 und 2014 Azithromycin verordnet wurde, mit 6,1 Millionen Patienten, die ein Rezept für Amoxicillin erhalten hatten.

Die beiden Antibiotika werden im ambulanten Bereich häufig zur Behandlung von schweren bakteriellen Infektionen eingesetzt. Azithromycin wurde häufiger bei Lungen­ent­­zündungen verordnet, während Amoxicillin häufiger bei Infektionen der Ohren, der Nase und des Rachens eingesetzt wird.

Obwohl die kardialen Risiken bekannt sind, wurde Azithromycin häufiger bei Patienten eingesetzt, die kardioprotektive Medikamente erhielten wie ACE-Hemmer (17,5 versus 14,7 %), Angiotensin-II-Antagonisten (5,8 versus 3,4 %), Statine (24,9 versus 19,6) und Betablocker (15,3 versus 13,8 %).

Wie Zaroff ermittelte, starben insgesamt 485 Patienten innerhalb von 10 Tagen nach der Verordnung der Antibiotika, darunter waren 256 Herz-Kreislauf-Todesfälle, von denen wiederum 112 auf einen plötzlichen Herztod zurückzuführen waren.

Die Berechnungen zeigen, dass Patienten, die Azithromycin erhielten, innerhalb der ersten 5 Tage der Verordnung ein signifikant höheres Risiko auf einen kardiovaskulären Tod (Hazard Ratio 1,82; 95-%-Konfidenzintervall 1,23 bis 2,67) hatten. Auch ein plötz­licher Herztod war häufiger. Die Hazard Ratio von 1,59 war jedoch mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,90 bis 2,81 nicht signifikant. Im Zeitraum von 6 bis 10 Tagen nach der Verordnung war das Risiko nicht mehr erhöht.

Ähnliche Ergebnisse wurden bei Patienten im oberen Zehntel der kardiovaskulären Risiken beobachtet. Zaroff ermittelte eine Hazard Ratio von 1,71 (1,06 bis 2,76) für einen kardiovaskulären Tod.

In den ersten 5 Tagen nach der Verordnung von Azithromycin kam es auch zu einem Anstieg der nicht-kardiovaskulären Todesfälle (Hazard Ratio 2,17; 1,44 bis 3,26) und der Gesamtmortalität (Hazard Ratio 2,00; 1,51 bis 2,63).

Eine retrospektive Studie kann laut Zaroff zwar nicht beweisen, dass die QT-Verlängerung für die Übersterblichkeit verantwortlich ist. Die Ärzte sollten sich nach Ansicht des Forschers jedoch der Risiken bewusst sein. © rme/aerzteblatt.de

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Puls123
am Freitag, 3. Juli 2020, 10:38

Grammatik

Das Risiko erhöht sich immer noch FÜR kardiale Todesfälle, nicht AUF... - Problem der automatisierten Übersetzungen?
LNS

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