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Schutzschirm für Vertragsärzte in Nordrhein

Montag, 22. Juni 2020

/v.poth, stockadobecom

Düsseldorf – Der Corona-Schutzschirm für die mehr als 19.500 nordrheinische Vertrags­ärzte und -psychotherapeuten ist aufgespannt. Die Ver­tre­ter­ver­samm­lung (VV) der Kass­en­ärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNo) hat einer entsprechenden Änderung des Ho­norarverteilungsmaßstabs (HVM) zugestimmt.

Demnach sind ihnen 90 Prozent des Honorars im Vergleich zum Vorjahresquartal sicher, auch wenn sie während der Pandemie mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 in ihren Praxen sinkende Fallzahlen und damit Einnahmerückgänge verzeichnet haben.

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„Im Großen und Ganzen sind wir in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern glimpflich durch die Krise gekommen“, betonte Frank Bergmann mit Blick auf den bisheri­gen Verlauf der Pandemie.

„Zu keiner Zeit gab es die Gefahr, dass das Gesundheitswesen überfordert wurde“, so der Vorstandsvorsitzende der KVNo bei der kurzfristig anberaumten Sondersitzung der VV, die erneut als Videokonferenz stattgefunden hat. Im Haus der Ärzteschaft in Düsseldorf wa­ren lediglich der Vorstand der KVNo, der Vorsitzende der VV und sein Stellvertreter sowie einzelne Mitarbeiter der Verwaltung.

„Dass das Ganze in Deutschland so glimpflich verlaufen ist, ist auch und vor allem der Ar­beit und des Einsatzes der niedergelassenen Ärzte geschuldet“, führte Bergmann weiter aus. Ein so dichtes Netz an Vertragsärzte und -psychotherapeuten gebe es „nirgendswo auf der Welt wie in Deutschland“. Sechs von sieben COVID-19-Erkrankte seien durch nieder­ge­lassene Ärzte versorgt worden. Dadurch seien Krankenhäuser und Krankenhaus­ambu­lanzen entlastet worden.

Rolle der Vertragsärzte entscheidend

Vor diesem Hintergrund beschloss die VV einstimmig eine Resolution, die die besondere Rolle der Vertragsärzte und -psychotherapeuten hervorhebt und unter anderem feststellt, dass „das Aufrechterhalten der Regelversorgung neben dem Lockdown die entscheidende Maßnahme zur Begrenzung der Pandemie in Deutschland“ war.

Dieses Engagement haben Bergmann zufolge auch die Fraktionen des nordrhein-westfä­li­schen Landtags gewürdigt. „Anerkennung muss allerdings auch in konkrete Verbesse­run­gen münden“, forderte er mit Blick auf das von der Bundesregierung Anfang Juni ver­abschiedete Konjunkturpaket.

Eine Schieflage zu Ungunsten der Vertragsärzte hat sich nach Auffassung des KVNo-Chefs gleich zu Beginn der Pandemie abgezeichnet. „Das Krankenhauswesen hatte seine Kapa­zi­täten drastisch reduziert, zum Teil auf 50, zum Teil auf 30 Prozent. Alle anderen Betten waren zu, auch in Krankenhäusern, die nicht an der Versorgung von COVID-19-Patienten teilgenommen haben.“

Jedes freigehaltene Bett sei mit rund 600 Euro pro Tag vergütet worden. Außerdem hätt­en Ärzte und Pflegekräfte Überstunden abgebaut. „Es war schon ein sehr großzügiger Schutzschirm für den stationären Sektor da, der jetzt nach weiteren strukturellen Verän­de­rungen ruft“, stellte Bergmann fest.

Das COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz ist aber zugleich auch die Grundlage für den Schutzschirm der niedergelassenen Ärzte, auf den sich die KVNo und die nordrheini­schen Krankenkassen verständigt haben.

Demnach soll das Honorar von Praxen, die während der Pandemie Einnahmerückgänge verzeichnet haben, vom ersten Quartal dieses Jahres an auf bis zu 90 Prozent ihres Ho­norars im jeweiligen Vorjahresquartal aufgestockt werden. „Wir sind hier zu einem ak­zeptablen Ergebnis gekommen, das die Liquidität der Praxen auf Dauer sichern kann“, sagte Bergmann.

Voraussetzung für den Erhalt der Ausgleichszahlung ist ein Rückgang beim Gesamthono­rar um mehr als zehn Prozent und einem nachweislich mit der Pandemie zuhängenden Rückgang der Fallzahlen. Bei Psychotherapeuten wird nicht die Fallzahl, sondern die Be­handlungszeit als Vergleich für einen Rückgang herangezogen.

Die Ausgleichszahlung erfolgt getrennt für die morbiditätsbedingte Gesamtvergütung (MGV) und die extrabudgetäre Gesamtvergütung (EGV) und wird automatisch veranlasst. Ob die Praxen durchgängig während der Pandemie ihren Sicherstellungsauftrag erfüllt haben, sollen sie durch eine Selbsterklärung darlegen. Zusätzlich soll stichprobenhaft geprüft werden, ob der Sicherstellungsauftrag tatsächlich erfüllt wurde. Die VV stimmte dem so geänderten HVM bei wenigen Enthaltungen zu.

Umsatzverluste in fast allen Praxen

Wie wichtig die Ausgleichzahlungen sind, belegen die Ergebnisse einer Umfrage der KVNo unter 1.415 Praxisinhabern. „Sie zeigen, dass die Pandemie in fast allen Praxen und allen Fachgruppen zu Umsatzverlusten geführt hat“, erläuterte Bergmann. Demnach sind die Fallzahlen und Leistungsmengen fachgruppenübergreifend um rund ein Viertel zu­rück­gegangen. „Es gab auch in allen Fachgruppen vereinzelt Praxen mit einem Fallzahl­rück­gang von über 50 Prozent.“

Am stärksten betroffen seien die Augenärzte. Sie behandelten der Umfrage zufolge nur noch halb so viele Fälle wie vor der Coronavirus-Pandemie. HNO-Ärzte, Orthopäden, hausärztliche Kinder- und Jugendärzte sowie Chirurgen hätten über ein Drittel weniger Fälle.

Ein ähnliches Bild zeige sich auch beim Rückgang der Leistungsmengen. Er falle in ope­ra­tiv tätigen Fachgruppen deutlich höher aus als bei ausschließlich konservativ behan­deln­den Fachgruppen. Bei den Leistungsarten seien die Rückgänge bei der Vorsorge, den Früherkennungsuntersuchungen, den individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) und den operativen Leistungen am stärksten.

Außerdem hätten fast alle Praxen angegeben, dass sie pandemiebedingt höhere Ausga­ben hatten als sonst. Drei Viertel aller Praxen hätten angegeben, eine höhere Arbeitsbe­lastung gehabt und dementsprechend Überstunden gemacht zu haben. Unterstützungs­leistungen wie staatliche Soforthilfen und Kurzarbeitergeld hätten hingegen nur wenige Praxen in Anspruch genommen.

Wie groß die Umsatzverluste der Praxen tatsächlich sind, lässt sich nach Angaben Berg­manns zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. „Belastbare Zahlen haben wir erst, wenn die Quartalsauswertungen vorliegen.“ Der KVNo-Chef geht davon aus, dass es im zweiten Quartal zu einem Ansturm auf den Schutzschirm kommen wird.

Kostenerstattung für Schutzausrüstung noch unklar

Außerdem sollen die Vertragsärzte zusätzliche Kosten, die ihnen während der Pandemie etwa für die Beschaffung von Schutzausrüstung entstanden sind, von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet bekommen. „Das ist der zweite Teil des Schutzschirms“, betonte Bergmann.

„Dafür gibt es ja auch eine gesetzliche Grundlage und auf dieser Basis verhandeln wir das auch“, ergänzte er mit Blick auf das COVID-19-Krankenentlastungsgesetz. Es zeichne sich bereits ab, dass man in Nordrhein zu ähnlichen Ergebnissen kommen werde wie in West­falen-Lippe.

Allein der KVNo sind durch die Beschaffung von Schutzausrüstung, ihren Transport und ihre Ausgabe, durch die IT-Unterstützung der Diagnosezentren und die Honorare für ärztliche Beratungsdienste am Telefon und in den Diagnosezentren Ausgaben in Höhe von mehr als sieben Millionen Euro entstanden. © ts/aerzteblatt.de

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