NewsÄrzteschaftÄK Westfalen-Lippe will Pakt für Öffentlichen Gesundheitsdienst
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

ÄK Westfalen-Lippe will Pakt für Öffentlichen Gesundheitsdienst

Dienstag, 23. Juni 2020

/picture alliance, Marijan Murat

Münster – Die Kammerversammlung der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) fordert die politisch Verantwortlichen in Bund, Land, Städten und Landkreisen auf, die von der Bundesregierung vorgesehenen Maßnahmen zur Stärkung des Öffentlichen Gesundheits­wesens (ÖGD) so schnell wie möglich zu realisieren und dazu einen „Pakt für den Öffent­lichen Gesundheitsdienst“ zu schließen und umzusetzen.

Ziel sei, eine Mindestpersonalausstattung bei den Gesundheitsämtern festzulegen und die ärztlichen Gehälter an die Entwicklung in anderen Bereichen des Gesundheitswesens anzupassen. Dies sei verbindlich über die Tarifverträge des öffentlichen Dienstes zu ge­währleisten, heißt es in dem entsprechenden Beschluss, den die Kammerversammlung in ihrer jüngsten Sitzung getroffen hat.

Anzeige

Der Bund habe erklärt, dass er die Kosten refinanziert, betonte Hans-Albert Gehle. „Des­halb ist es unglaublich, dass es nicht passiert, der ÖGD ausblutet und damit die Bevölke­rung in Gefahr gebracht wird“, kritisierte ÄKWL-Präsident. Seiner Ansicht nach kann nur so das Ziel erreicht werden, die Gesundheitsämter qualifiziert und personell ausreichend zu besetzen, damit sie ihre Aufgaben vor allem im Infektionsschutz erfüllen können.

Es gehe nicht nur um Entgelt, sondern auch um würdige Arbeitsbedingungen. „Die Ärzte in den Gesundheitsämtern kämpfen aktuell nicht nur gegen die Coronapandemie, son­dern auch mit den bekannten Strukturproblemen des ÖGD“, sagte Gehle. Dabei sei er eine „unverzichtbare Säule unseres Gesundheitswesens“ und müsse dringend gestärkt werden.

Mit dem Beschluss hat die Kammerversammlung auch eine Forderung aus ihrer vorigen Sitzung am 25. Januar dieses Jahres bekräftigt, in der sie dafür plädiert hatte, die Struktu­ren des Infektionsschutzes in NRW neu aufzustellen und dabei die Vorschläge der „Initia­tive zur Optimierung des Infektionsschutzes in NRW" aufzugreifen.

Berichterstattung über SARS-CoV-2-Pandemie in der Kritik

Befasst hat sich die Kammerversammlung in ihrer jüngsten Sitzung auch mit Berichter­stattung in der Pandemie. „Wir werden auch weiterhin mit Einschränkungen, Abstandsge­boten, Hygieneregeln leben müssen, jedenfalls solange es keinen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 und keine wirkungsvolle Therapie gegen COVID-19 gibt“, ist Gehle überzeugt.

Nötig sei daher eine „neue Normalität“, wie sie derzeit in vielen Bereichen des öffentli­chen Lebens versucht werde. Das werde sich immer so ein bisschen wie „das Fahren mit angezogener Handbremse anfühlen“, lasse sich aber nicht verhindern, da es auch hier­zulande „immer wieder aufkeimende Hotspots mit Masseninfektionen“ gebe wie etwa jetzt bei Mitarbeitern eines großen Schlachtbetriebs in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh.

„Allerdings sollten wir nicht um jeden Preis jeden Tag eine neue Nachricht erzeugen“, be­tonte er mit Blick auf die Berichterstattung über die Pandemie. Seiner Ansicht nach hat der „Medienhype“ rund um das Virus eher zur Verunsicherung als zur sachlichen Informa­tion der Menschen geführt.

Der Kammerpräsident kritisierte in diesem Zusammenhang scharf, dass sich auch „der ei­ne oder andere Arzt“ an dem Medienrummel beteiligt hat. „Wir sollten als Ärzte ernsthaft bleiben“, mahnte er. „Meines Erachtens ist es nicht unsere Aufgabe, in täglichen Talk­shows unsere Vermutungen und unbewiesenen Hypothesen darzustellen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.“

Von seiner Kritik nahm er auch das Robert-Koch-Institut (RKI) nicht aus. „Was da jeden Tag an angeblich neuen Nachrichten vom RKI gekommen ist, war zum Teil nicht wissen­schaftlich belegt und hat nicht dazu gedient, die Menschen zu beruhigen.“

Seelische Schäden durch Pandemie: Auch Ärzte gefährdet

Bislang unbeantwortet sei sein „Brandbrief“ an NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und NRW-Ge­sund­heits­mi­nis­ter Karl Josef Laumann (CDU), berichtete Gehle. Darin habe er unter anderem das Fehlen eines zentralen Krisenmanagements und die Entwick­lung regionaler Notstandskonzepte angemahnt.

Nach Ansicht des Ärztepräsidenten sind jetzt ein breiter wissenschaftlicher Diskurs aus virologischer und epidemiologischer Sicht und entsprechende Forschung nötig, um das Virus und seine Ausbreitung besser verstehen zu können. „Wir müssen das Gesundheits­we­sen jetzt infektionsfest machen“, forderte er. Dazu gehöre auch, beim Infektionsschutz „aufzurüsten“.

Rüdiger Saßmannshausen warnte davor, die seelischen Schäden und Kollateralschäden, die durch die Pandemie entstanden sind, zu unterschätzen. „Wir erleben auch, dass Men­schen aus Gesundheitsberufen dekompensieren“, berichtete der in Bad Berleburg nieder­gelassene Facharzt für Psychiatrie, der der Facharztliste angehört. Die Zahl der Betroffe­nen könnte in den kommenden Wochen deutlich steigen. „Wir müssen daher ein Auge auf die Kollegen haben.“

Uwe Büsching forderte, auch auf die Fehler zu schauen, die während der Pandemie ge­macht wurden. „Das muss vor dem Hintergrund einer möglichen neuen Pandemie unbe­dingt passieren“, forderte der in Bielefeld niedergelassene Facharzt für Kinder- und Ju­gendmedizin.

Die Fehler, die jetzt gemacht wurden, belegten, dass der Pandemieplan, der nach dem Infektionsgeschehen mit dem Coronavirus SARS im Jahr 2012 erstellt worden war, nicht ernst genommen worden ist. Das dürfe sich nicht wiederholen. © ts/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

15. Juli 2020
Berlin – Die Bundesregierung geht davon aus, dass „der umfassende Zugang zu Genomdaten und anderen medizinischen Daten die Behandlung und Erforschung von Krankheiten entscheidend voranbringen“ kann.
EU-Genomregister soll Informationen über COVID-19-Verläufe liefern
15. Juli 2020
Bonn – Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat gestern einen gemeinsamen „Rahmen für aktualisierte Infektionsschutz- und Hygienemaßnahmen“ für die Länder beschlossen. Dieser soll als Orientierung bei
COVID-19: KMK beschließt Hygienemaßnahmen für kommendes Schuljahr
15. Juli 2020
Berlin – Die von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) befürworteten Ausreisesperren für Regionen mit akutem SARS-CoV-2-Ausbruch stoßen auf Widerstand in den Ländern. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident
Widerstand aus Bundesländern gegen Ausreisesperren
15. Juli 2020
Halle – Weltweit sind verschiedene Ansätze zur digitalen Kontaktnachverfolgung im Zusammenhang mit der Coronapandemie im Einsatz. Die bislang aus wissenschaftlicher Perspektive gesammelten Erfahrungen
COVID-19: Leopoldina diskutiert Rolle der Tracing-Apps
15. Juli 2020
Köln – Die Coronapandemie hat ein Schlaglicht auf die Kran­ken­haus­struk­tu­ren in Deutschland geworfen und die Diskussion darüber weiter entfacht, wie das System umgestaltet werden sollte. Das Deutsche
„Es fehlt der Anreiz, in die Ausbildung junger Ärzte zu investieren“
15. Juli 2020
Washington – Die US-Biotech-Firma Moderna plant noch in diesem Monat mit einer Phase-III-Studie ihres SARS-CoV-2-Impfstoffkandidaten mRNA-1273 zu starten. Die gestern im New England Journal of
SARS-CoV-2-Impfung: Weitere Phase-III-Studien sollen noch im Juli starten
15. Juli 2020
Regensburg – Viele SARS-CoV-2-Infizierte berichten von neurologischen Beeinträchtigungen wie Kopfschmerzen oder einem Verlust des Geruchssinns. Bei leichten bis mittelschweren Verläufen konnte jedoch
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER