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Medizin

Studie: Psychosoziale Lebenskrisen können das Sterberisiko erhöhen

Dienstag, 7. Juli 2020

/TheVisualsYouNeed, stock.adobe.com

Vancouver – Eine Scheidung, Arbeitslosigkeit oder finanzielle Schwierigkeiten können das Leben verkürzen. In einer Beobachtungsstudie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS 2020; DOI: 10.1073/pnas.1918455117) waren die Auswirkungen von psychosozialen Krisen teilweise sogar größer als die bekannten Risikofaktoren.

Rauchen, Alkohol, ungesunde Ernährung, Adipositas und Bewegungsmangel sind die häufig genannten Bestandteile eines ungesunden Lebensstils. Ihr Einfluss auf die Lebenserwartung wurde in zahlreichen epidemiologischen Studien belegt. Tatsächlich erklären diese Faktoren in den USA etwa ein Drittel der Unterschiede in der Lebens­erwartung.

Ein zunehmend ungesunder Lebensstil der Bevölkerung wird dafür verantwortlich gemacht, dass im Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Lebenserwartung niedriger ist als in vielen anderen Ländern und zuletzt sogar leicht zurück ging.

Weniger untersucht sind die Auswirkungen von sozioökonomischen Krisen wie Arbeits­losigkeit, Armut oder auch Bildungsmangel. Sie könnten durch den Stress die Gesundheit zerrütten, oder den Menschen fehlt es an materiellen oder kognitiven Ressourcen zur Vermeidung von Krankheiten. Auch soziale Faktoren wie Ehelosigkeit, Familienprobleme und Scheidung wirken sich ungünstig auf die Gesundheit aus.

Ebenso können Psyche und Persönlichkeit eines Menschen die Lebenserwartung beein­flussen, etwa wenn sie zu unklugen Entscheidungen verleiten. Eine weiter diskutierte Domäne sind negative Erfahrungen in der Kindheit, die nach neueren Forschungen langfristig die Aktivierung der Gene (Epigenetik) beeinflussen.

Eli Puterman von der Universität von British Columbia in Vancouver und Mitarbeiter haben den Einfluss von 57 ökonomischen, verhaltensbezogenen, sozialen und psychologischen Faktoren auf die Sterblichkeit untersucht. Sie griffen dabei auf die Daten der „Health and Retirement Study“ zurück, die in den USA 13.611 Erwachsene in Alter von 54 bis 102 Jahren begleitet hat.

Die Teilnehmer wurden intensiv zu ihrer Lebensgeschichte und ihren Lebensgewohn­heiten befragt. Puterman setzte die Antworten mit dem Sterberisiko in den folgenden 6 Jahren in Beziehung.

Das Ergebnis ist eine überraschende Hierarchie der Risikofaktoren. Am Anfang steht das aktive Tabakrauchen, das mit einer Hazard Ratio (HR) von 1,91 das Sterberisiko fast verdoppelte und mit Abstand der größte Risikofaktor für einen vorzeitigen Tod war. An zweiter Stelle folgte mit einer HR von 1,45 bereits eine Ehescheidung noch vor einem Alkoholmissbrauch (HR 1,36). Aktuelle finanzielle Schwierigkeiten (HR 1,32), Arbeits­losigkeit (HR 1,32) und eine geringere Lebenszufriedenheit (HR 1,31) waren ebenso mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden wie eine Ehelosigkeit (HR 1,30).

Menschen, die bereits einmal auf Lebensmittelmarken, sprich Sozialhilfe (HR 1,28) angewiesen waren, hatten ebenfalls eine erhöhte Mortalität. Zu den Risikofaktoren zählten auch negative Affektivität (HR 1,23), ein Persönlichkeitsmerkmal mit erhöhter Gereiztheit, oder Probleme in der Familie (HR 1,23) oder mit den Kindern (HR 1,22).

Die Liste setzt sich mit verschiedenen Komponenten der einzelnen Domänen fort, wobei die frühkindlichen Faktoren den geringsten Einfluss hatten. Am Ende gab es sogar einen überraschenden protektiven Faktor. Ein niedriges Bildungsniveau der Mutter scheint mit einer Hazard Ratio von 0,86 die Chancen auf eine längeres Leben zu erhöhen.

Die Forscher konnten die Ergebnisse in einer weiteren Kohorte, der MIDUS-Studie („Midlife in the United States“) weitgehend bestätigen, was die Beweiskraft der Studie stärkt, auch wenn sich der Haupteinwand gegen alle epidemiologischen Studien, dass sie keine Kausalität herstellen können, weiter bestehen bleibt. © rme/aerzteblatt.de

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