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Ärzteschaft

„Die Fleischarbeiter lehnen AU-Bescheinigung aus Angst oft völlig ab“

Donnerstag, 25. Juni 2020

Goldenstedt/ Berlin – Der Ausbruch von SARS-CoV-2 im Schlachtbetrieb Tönnies in Nord­rhein-Westfalen ist kein Einzelfall: In einem Schlachthof der PHW-Gruppe, besser bekannt unter der Kernmarke Wiesenhof, im Landkreis Oldenburg in Niedersachsen gibt es aktuell ebenfalls Infektionsfälle. Diese Woche sollen dort alle rund 1.100 Mitarbeiter auf SARS-CoV-2 getestet werden. Bislang wurden 35 Infektionen bei Beschäftigten des Unterneh­mens gemeldet. Einige von ihnen wohnen im benachbarten Landkreis Vechta.

Florian Kossen ist niedergelassener Internist im Landkreis Vechta. Er und sein Bruder, der Pfarrer Peter Kossen, beschäftigen sich seit Jahren mit den Arbeitsbedingungen in diesen Unternehmen und machen auf Probleme für die Mitarbeiter aufmerksam. Zum Thema der medizinischen Versorgung von Beschäftigten in der Fleischindustrie sprach er mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ).

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5 Fragen an Florian Kossen, Internist

: Es gibt immer wieder Berichte von unhygienischen Lebens- und Arbeitsbedingungen bei Mitarbeitern in Schlachthöfen. Als Arzt, der im Landkreis Vechta arbeitet: Welche ge­sundheitsrelevanten Probleme sind Ihnen aus ihrer Praxis bekannt?
Kossen: Wenn man die Videoaufnahmen aus den Frühstücksräumen der Firma Tönnies ge­sehen hat, dann sprechen diese Bilder für sich. Die hygienischen Verhältnisse in Arbei­ter­unterkünften kann ich sehr gut beschreiben, da ich diese teilweise im Rahmen von Hausbesuchen selbst in Augenschein genommen habe. Es sind oft heruntergekommene Häuser mit kleinen, schlecht belüfteten, schlecht beheiz­ten Zimmern, die völlig überbe­legt sind.

Ich habe in Schlafzimmern ausgeprägte Schimmel­beläge vorgefunden, direkt neben Prit­schen, die als Schlaflager dienen. Sanitäre Anlagen sind oft zu wenig vorhanden und in einem desolaten Zustand. Diese Zustände waren vor Corona schon gesundheitsschädi­gend und sind es sicherlich auch weiterhin.

: Haben die Angestellten in den Betrieben überhaupt Zugang zu medizinischer Versor­gung?
Kossen: Aus meiner Erfahrung haben die Arbeiter Zugang zu medizinischer Versorgung, obwohl zu befürchten ist, dass nach all den Jahren auch immer noch und immer wieder Werksvertragsarbeiter illegal beschäftigt sind und damit auch keinen gesetzlichen Versi­cherungsschutz besitzen.

: Kommen die Mitarbeiter aus den Schlachthöfen zu Ihnen bei gesundheitlichen Prob­lemen oder gibt es eine größere Angst, wegen Krankheit bei der Arbeit zu fehlen?
Kossen: Arbeiter kommen schon zu mir wegen gesundheitlicher Probleme, aber immer noch lehnen sie oft eine Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung (AU) völlig ab oder wenn, dann nur für maximal zwei Tage, weil ihnen vom Chef eindeutig signalisiert worden ist, dass ein Überschreiten dieser zwei Tage eine sofortige Kündigung nach sich zieht.

: Fleischbetriebe hatten schon in den ersten Wochen der Pandemie versprochen, die Wohn- und Arbeitsverhältnisse zu verbessern. Wenn es nun so viele Ausbrüche gibt, hat sich da überhaupt etwas verändert?
Kossen: Das Problem der Werksvertragsarbeiter ist ja seit vielen Jahren bekannt und in dieser Zeit wurde von Seiten der Politik und Wirtschaft immer wieder angekündigt und versprochen, dass sich etwas ändern muss und ändern soll.

Leider hat sich aus meiner Sicht aber wenig oder gar nichts geändert. Es gibt weiterhin Arbeiterunterkünfte in desolatem Zustand, Patienten berichten auch weiterhin von Ar­beits­zeiten von bis zu 16 Stunden pro Tag mit einem daraus resultierenden Netto-Stun­den­lohn von unter fünf Euro.

: Wie können Sie oder ärztliche Kollegen anderswo diese Menschen auch in medizini­schen Fragen unterstützen?
Kossen: In meiner täglichen Arbeit versuche ich, den Arbeitern mit meinen mir zur Verfü­gung stehenden Mitteln zu helfen. Diese Menschen erwarten nicht viel, sie sind oft schon dankbar und glücklich über eine Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung von wenigen Tagen, damit sie dem täglichen Wahnsinn bei der Arbeit zumindest vorübergehend entkommen können. © jff/aerzteblatt.de

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