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Medizin

IVF: Vitrifikation der Embryonen könnte zu weniger Schwangerschaften führen

Donnerstag, 9. Juli 2020

Anbringung einer Eizelle auf eine Halterung zur ultraschnellen Einfrierung in flüssigem Stickstoff (Vitrifikation). /picture alliance, KEYSTONE, Gaetan Bally

Shanghai – Die sogenannte Vitrifikation, die an vielen Kliniken das langsame Tiefge­frieren der Embryonen abgelöst hat, war an einem großen chinesischen Zentrum mit einem deutlichen Rückgang der Erfolgsrate bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) verbunden. Dies geht aus einer retrospektiven Studie in Human Reproduction (2020; DOI: 10.1093/humrep/deaa136) hervor, die allerdings bei europäischen Experten auf Vorbehalte stößt.

Die Vitrifikation („Verglasung“) ist ein Verfahren zur Kryokonservierung von Embryonen, das Mitte der 1990er Jahre eingeführt wurde. Die Embryonen werden dabei relativ rasch abgekühlt und in flüssigem Stickstoff gelagert. Um eine Kristallbildung zu verhindern, die die Zellstrukturen zerstören würde, werden die Embryonen vor dem Abkühlen kurz in ein hoch-konzentriertes Kryoprotektivum getaucht.

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Die Vitrifikation hat sich an vielen IVF-Zentren durchgesetzt, weil sie einfacher, kosten­günstiger und schneller ist als die konventionelle langsame Tiefkühlung. Es gibt jedoch Bedenken, dass die Kryoprotektiva und der flüssige Stickstoff den Embryo beschädigen könnten.

Forscher von der 9. Volksklinik in Shanghai haben jetzt in einer retrospektiven Studie die Erfahrungen an 24.698 Frauen ausgewertet, denen in den Jahren 2011 bis 2017 erstmals Embryonen übertragen wurden, die zuvor per Vitrifikation tiefgekühlt worden waren. Sie verglichen dabei die Implantations-, Schwangerschafts- und Lebendgeburtraten nach einer Kryokonservierungsdauer von bis zu 3 Monaten (Gruppe 1), 3 bis 6 Monaten (Gruppe 2), 6 bis 12 Monaten (Gruppe 3) und 12 bis 24 Monaten (Gruppe 4).

Wie das Team um Qianqian Zhu berichtet, kam es in allen 3 Parametern mit zunehmender Kryokonservierungsdauer zu einer Verschlechterung. Die Implantationsrate fiel von 39,8 % in Gruppe 1 auf 25,9 % in Gruppe 4 (adjustierte Odds Ratio aOR 0,68; 95-%-Konfidenzintervall 0,56 bis 0,81). Die klinische Schwangerschaftsrate sank von 55,6 % in Gruppe 1 auf 25,8 % in Gruppe 4 (aOR 0,65; 0,54 bis 0,79). Die Lebendgeburtenrate ging von 47,2 % in Gruppe 1 auf 25,8 % in Gruppe 4 zurück (aOR 0,59; 0,48 bis 0,72).

Die Häufigkeit von Fehlgeburten und Eileiterschwangerschaften nahm ebenfalls mit zunehmender Lagerzeit zu. Die Assoziationen waren jedoch statistisch nicht signifikant, nachdem andere Einflüsse wie das Alter der Mutter, der Body-Mass-Index der Mutter, die Ursache für die Unfruchtbarkeit, Parität und Embryoqualität sowie das Entwicklungsstadium des Embryos bei der Implantation berücksichtigt wurden.

Es gab zudem keine Hinweise, dass die Lagerzeit die Gesundheit des Neugeborenen beein­trächtigt: Ein Anstieg von Fehlbildungen, Makrosomien, Geburtsgewicht und Frühgeburten war nicht erkennbar.

Die Studie würde bedeuten, dass die Vitrifikation die Erfolgsrate der IVF deutlich herabsetzt, ohne allerdings dem Neugeborenen zu schaden. Wie immer in retrospektiven Studien lässt sich nicht ausschließen, dass es andere Gründe für die schlechteren Ergebnisse gibt. Dies könnte das höhere Alter der Frauen in den Gruppen 3 und 4 sein.

Die Forscher haben die Analysen deshalb in einer Gruppe von 7.270 Frauen im Alter von unter 36 Jahren wiederholt. Dies führte zu ähnlichen Ergebnissen. Bei Frauen in Gruppe 1 lag die Lebendgeburtenrate bei 50 %, in der Gruppe 4 nur bei 38 %.

Dennoch gibt es weiter offene Fragen. Die vom Londoner Science Media Center befragten Experten äußerten sich kritisch zu der Studie. Die Einwände betreffen die Aktualität der Ergebnisse, da sich die Vitrifikation in den letzten Jahren weiter entwickelt habe. Auch die Übertragbarkeit auf europäische Verhältnisse ist unklar. In China werden weiterhin befruchtete Eizellen übertragen, während in Europa heute in der Regel gewartet wird, bis die Embryonen das Blastozysten-Stadium erreicht haben.

Die Experten vermissten Angaben zu den Gründen für die längeren Kryokonservierungs­zeiten und vermuteten, dass hier Embryonen mit einer geringen Chance auf eine Implantation selektioniert wurden.

Einige Antworten werden von der prospektiven E-Freeze-Studie erwartet, die derzeit an 12 IVF-Zentren in Schottland und England die Erfolgsrate der IVF bei der Verwendung von „frischen“ oder zwischenzeitige tiefgefrorenen Embryonen vergleicht. Die Studie soll in diesem Sommer abgeschlossen sein, so dass bald mit Ergebnissen zu rechnen ist. © rme/aerzteblatt.de

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