NewsÄrzteschaftGut eingestellte chronisch Kranke gegen COVID-19 am besten gewappnet
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Gut eingestellte chronisch Kranke gegen COVID-19 am besten gewappnet

Donnerstag, 25. Juni 2020

/felipecaparros, stock.adobe.com

Berlin – In Zeiten der COVID-19 Epidemie machen sich nicht zuletzt jene Patienten große Sorgen, die aufgrund einer chronischen Erkrankung dauerhaft Medikamente einnehmen müssen, die die Abwehrfunktionen schwächen. Zu Unrecht, wie Andreas Stallmach, Direk­tor der Klinik für Innere Medizin IV für Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Interdisziplinäre Endoskopie am Universitätsklinik in Jena feststellt.

Er erläuterte auf der Jahres-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gastroentero­logie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen (DGVS) den derzeitigen Kenntnisstand dazu: „Je schlechter die Grunderkrankung behandelt ist, desto höher ist das Risiko für schwere Verläufe“. Es ist offenbar so, dass der Organismus umso eher mit der Infektion fer­tig wird, wenn er nicht auch noch an einer zweiten Front – der Grunderkrankung – kämpfen muss.

Anzeige

Stallmach betonte, dass infolgedessen kein Grund bestehe, bei Patienten, die wegen chro­nisch entzündlichen Darm­er­krank­ungen (Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa), nach einer Lebertransplantation oder wegen einer autoimmunvermittelten Lebererkrankung mit immunsupprimierenden Medikamente wie Azathioprin oder Steroiden behandelt würden, die Dosis zu reduzieren oder gar die Therapie zu unterbrechen.

Der Experte für Infektionskrankheiten bei immunsupprimierten Patienten weiß, von wel­chen Ängsten diese Patienten derzeit geplagt sind. Denn von seiner Arbeitsgruppe wur­den soeben die Ergebnisse einer Umfrage unter Patienten mit chronisch-entzündlichen Darm­er­krank­ungen ausgewertet (JCC, 2020; DOI: 10.1093/ecco-jcc/jjaa126).

Es zeigte sich, dass Patienten mit diesen Erkrankungen häufiger Sorgen haben, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren – ausgeprägt sind diese Ängste vor allem bei jenen, die Immun­suppressiva einnehmen. Ihre Befürchtungen erstrecken sich auf Krankenhäuser, Arztpra­xen aber auch auf öffentliche Plätze wie Supermärkte. Die Patienten bleiben aus diesem Grund eher zu Hause und bitten um „Krankschreibungen“, um sich nicht am Arbeitsplatz zu infizieren.

Ihre Kenntnisse beziehen sie aus der Presse, aber vor allem aus dem nahen Umfeld. „Das private Gespräch steht im Vordergrund als Informationsquelle“, so Stallmach, der darin auch den Grund für die oft übergroßen Ängste sieht. Denn medizinische Informationen von Fachgesellschaften oder Selbsthilfeorganisationen würden leider vergleichsweise selten genutzt. Immerhin haben aber fast alle Befragten (96,4 Prozent) ihre Medikation fortgeführt.

Dies ist nicht allein deshalb zu empfehlen, weil die Betroffenen damit einem Rückfall der Grunderkrankung vorbeugen. „Wir können davon ausgehen, dass die bei Autoimmun­er­kran­kungen eingesetzten Substanzen im Falle einer Infektion sogar eher nutzen als scha­den“, kann Stallmach diese Gruppe von Patienten beruhigen.

Dies hat mit der Entzündungskaskade, dem Zytokinsturm, zu tun, der sich bei manchen In­fizierten im Verlauf einer COVID-19 Erkrankung entwickelt und der dann offenbar mit­bestimmend sei für Komplikationen. Dazu passt, dass sich Medikamente, die der Inflam­ma­tion entgegenwirken, als hilfreich erweisen.

Das Risiko für einen schweren Verlauf dieser Infektion sei nämlich unter einer Biologika-Therapie gerade nicht erhöht, und die aktuellen Daten zum Nutzen von Dexamethason als hochpotenten Kortisonpräparat bei COVID-19 Patienten könnten diese Überlegungen ebenfalls stützen, hieß es in der Pressemitteilung der Gesellschaft.

Die Frage, ob eine SARS-CoV-2 Infektion – ob nun schwerwiegend oder blande – wo­mög­lich vermehrt Schübe etwa von Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa auslösen könnte, ließe sich derzeit, so der Experte, noch nicht endgültig beantworten. Auch die Virusinfek­tion könne manchmal mit gastroenterologischen Symptomen wie Durchfall, Übelkeit und Erbrechen einhergehen und somit einen Schub imitieren. Dies müsse dann diagnostisch abgeklärt werden.

Der Experte für Infektionen der Verdauungsorgane adressierte nicht zuletzt die derzeit kursierenden, durchaus für diese Patientengruppen beunruhigenden Nachrichten aus Ita­lien und Großbritannien. Studien aus diesen Ländern hätten gezeigt, dass dort jeder dritte COVID-19-Patient mit einer Lebererkrankung verstarb.

Allerdings spiegele sich in diesen Zahlen, die so nicht auf deutsche Verhältnisse übertra­gen werden dürften, die Überforderung des Gesundheitssystems der beiden Länder. Hier­zulande sei sichergestellt, dass auch infizierte Patienten mit chronischen Lebererkrankun­gen eine exzellente Behandlung in der Klinik erhielten und dementsprechend die Prog­nose deutlich besser sei.

Überhaupt warnte Stallmach eher vor den „stillen Toten“ der aktuellen Pandemie, wie sie unlängst von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) genannt wurden: Pa­tienten, die nicht „an“, sondern vielmehr „wegen“ COVID-19 versterben, weil sie aus Angst nicht rechtzeitig einen Arzt oder eine Klinik aufsuchen.

Das gelte für notwendige Therapien, diagnostische Abklärungen aber auch für Vorsorge­un­tersuchungen, die von der DGVS ebenfalls als besonders wichtig angesehen werden: Derzeit seien allein 20.000 Koloskopien zur Früherkennung – „hoffentlich nur“ – verscho­ben worden, sagte Stallmach.

Mancherorts seien die Kapazitäten noch eingeschränkt, aber das Angebot an endoskopi­schen Untersuchungen sei in der Regel nicht mehr reduziert. Zudem seien Schutzkon­zep­te etabliert, die ausreichend gewährleisteten, dass sich die Patienten in den Kliniken und Praxen sicher fühlen dürften.

© mls/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #683778
Freudi
am Freitag, 26. Juni 2020, 02:02

"Gut eingestellt"?

Ich kann vielleicht einen Diabetes "gut einstellen", auch einen Blutdruck, ggf. auch einen Motor - aber bitte, bitte keinen Patienten. Den sollten wir immer eher "gut/optimal behandeln". Das klingt einfach wertschätzender.
LNS

Nachrichten zum Thema

6. Juli 2020
Berlin – Im Kampf gegen die Coronapandemie dauert die Kontroverse um deutschlandweite kostenfreie Tests nach bayerischem Vorbild an. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) pflichtete in der Welt am
SARS-CoV-2: Weiter Diskussion um kostenfreie Tests
6. Juli 2020
Berlin – Die Maskenpflicht im Kampf gegen die Coronakrise wird in Deutschland vorerst weiterhin gelten – auch im Einzelhandel. Die 16 Ge­sund­heits­mi­nis­ter der Länder einigten sich heute darauf, die
Maskenpflicht im Handel: Kontroverse Diskussion entbrannt
6. Juli 2020
Gütersloh/Rheda-Wiedenbrück – Das nordrhein-westfälische Oberverwaltungsgericht hat die Coronabeschränkungen für das öffentliche Leben im Kreis Gütersloh vorläufig außer Vollzug gesetzt. Das Land
Gericht hebt Einschränkungen im Kreis Gütersloh auf
6. Juli 2020
Berlin – Die deutsche Corona-Warn-App hat nach knapp drei Wochen die Schwelle von 15 Millionen Downloads erreicht. Das teilte das Robert Koch-Institut auf Twitter mit. Die App soll helfen,
Corona-Warn-App erreicht 15 Millionen Downloads
6. Juli 2020
Berlin – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat älteren Bürgern für ihre Haltung und ihr Verständnis in der Pandemie gedankt. Für die Älteren, die allein in ihren Wohnungen oder in Pflegeheimen
Merkel dankt älteren Menschen für Verständnis
6. Juli 2020
München - Eine flächendeckende Langzeitstudie in Bayern soll die SARS-CoV-2-Ansteckungsgefahr bei Kindern klären helfen. Außerdem soll die Studie Aufschluss über die Auswirkungen der Pandemie auf die
Langzeitstudie zu Infektiosität und psychischer Gesundheit bei Kindern startet
6. Juli 2020
Frankfurt am Main – Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hat an die Europäische Union (EU) appelliert, als Lehre aus der Pandemie ihre Abhängigkeit von globalen Lieferketten zu reduzieren. Die
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER