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Medizin

Cochrane-Review: Timing bestimmt den Nutzen von Antikörpertests auf SARS-CoV-2

Freitag, 26. Juni 2020

/picture alliance, Marijan Murat

Birmingham – Infektionen mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 lassen sich mit Antikörpertests am besten 2 bis 3 Wochen nach dem Beginn der Symptome nachweisen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Übersicht in Cochrane Systematic Review (2020; DOI: 10.1002/14651858.CD013652). Die Autoren kritisieren, dass viele Tests nicht auf ihre Zuverlässigkeit hin überprüft wurden. Auch bei validierten Tests müsse mit falsch-positiven und falsch-negativen Ergebnissen gerechnet werden.

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Die Antikörper-Produktion setzt nach einer Infektion mit einer Verzögerung von Tagen und Wochen ein. Da die Aufgabe der Antikörper die Abwehr der Krankheitserreger ist, haben viele Patienten die Erkrankung bereits überwunden, wenn ein Antikörpertest durchgeführt wird. Die Tests sind deshalb in erster Linie ein Instrument für Seroprä­valenz-Studien, in denen ermittelt wird, wie viele Einwohner bereits immun sind.

In den letzten Wochen und Monaten wurden vielerorts Antikörpertests entwickelt. Die „Foundation for Innovative Diagnostics“ listete zuletzt insgesamt 279 Antikörpertests auf, von denen die wenigsten in Studien untersucht wurden.

Das Cochrane-Team um Jonathan Deeks von der Universität Birmingham konnte 54 Studien identifizieren, von denen viele methodische Schwächen aufwiesen, was aufgrund der Eile, in der sie entwickelt wurden, nicht verwunderlich sein dürfte.

Ein wichtiger Einwand ist, dass die meisten Tests in Kliniken validiert wurden, was die Situation auf Bevölkerungsebene nicht genau wiedergeben muss. Es fehlen laut Deeks zudem Studien, die ausschließlich an asymptomatischen Personen durchgeführt wurden.

Abgesehen von den grundsätzlichen Einwänden dürften die meisten Tests in der Lage sein, Antikörper gegen SARS-CoV-2 nachzuweisen. Bei der Anwendung ist zu bedenken, dass der Test in der Anfangsphase der Infektion noch negativ ausfällt. Dies gilt auch für Personen, die bereits Symptome zeigen.

Die Cochranegruppe geht davon aus, dass mit den derzeitigen Tests in der ersten Woche nach dem Beginn von Krankheitssymptomen bei weniger als 30,1 % der Infizierten bereits Antikörper vorhanden sind (95-%-Konfidenzintervall 21,4 bis 40,7 %). In der zweiten Woche steigt die Sensitivität auf 72,2 % (63,5 bis 79,5 %), in der dritten Woche werden bereits 91,4 % (87,0 bis 94,4 %) und in der vierten Woche 96,0 % (90,6 bis 98,3 %) aller Erkrankten positiv getestet.

Zu diesem Zeitpunkt bestehen demnach gute Chancen, eine Infektion nachzuweisen. Wie lange der Antikörpertest positiv bleibt, sei derzeit nicht bekannt. Entscheidend bei der Anwendung sei das Timing. Zum falschen Zeitpunkt eingesetzt, würden die Tests nicht funktionieren, warnt Deeks.

Die Spezifität des Tests ist hoch. Sie liegt laut dem Review bei 98 %. Die Gefahr, dass ein gesunder Mensch fälschlicherweise als infiziert eingestuft wird, ist demnach mit 2 % gering.

Die Beurteilung eines Tests hängt stark von der Vortestwahrscheinlichkeit ab. Die Chochrane-Reviewer verdeutlichen dies in 2 Szenarien mit jeweils 1.000 Personen. Im ersten Szenario sind 50 (5 %) tatsächlich an COVID-19 erkrankt. Wird der Antikörpertest 3 Wochen nach Beginn der Symptome durchgeführt, dann wäre das Ergebnis bei 58 Personen positiv. Von diesen wären 12 Personen (21 %) in Wirklichkeit nicht mit SARS-CoV-2 infiziert (falsch positives Ergebnis). Die anderen 942 Personen würden negativ getestet. Darunter wären 4 Personen (0,4 %), die trotzdem mit SARS-CoV-2 infiziert wären (falsch negatives Ergebnis).

In einem Szenario mit hohem Risiko wären 200 Personen (20 %) tatsächlich an COVID-19 erkrankt. Diese Situation könnte sich laut Deeks in einem Ausbruchsgeschehen für die Mitarbeiter eines Krankenhauses ergeben, in dem COVID-19-Patienten behandelt wurden.

Nach den Cochrane-Ergebnissen hätten 193 Personen ein positives Testergebnis, von denen 10 (5 %) aber in Wirklichkeit nicht mit SARS-CoV-2 infiziert waren (falsch positives Ergebnis). Die übrigen 807 Personen würden ein negatives Testergebnis erhalten. Unter ihnen wären 17 Personen (2 %), die trotzdem mit SARS-CoV-2 infiziert waren oder sind (falsch negatives Ergebnis). Bei einer starken Verbreitung von SARS-CoV-2 gäbe es demnach vermehrt falsch-negative und weniger falsch-positive Ergebnisse. © rme/aerzteblatt.de

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