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Politik

Debatte um Immunitätsausweis hält an

Freitag, 26. Juni 2020

/Liudmyla, stock.adobe.com

Berlin – Sollen Bürger, die eine Coronainfektion überstanden haben, künftig einen Immunitätsausweis erhalten? Dieser Vorschlag von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) wird weiter heftig diskutiert.

Der Deutsche Ethikrat hat gestern erstmals darüber beraten und am Abend mitgeteilt, man wolle dem Thema noch mehr Zeit widmen. Dies sei „als Wertung der Komplexität der Lage zu verstehen, die noch intensivere und umfänglichere Abwägungen verlangt“.

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Unterdessen rät der Lübecker Mikrobiologe Werner Solbach von der Einführung ab. „Wir wissen nicht, ob der Mensch, der Antikörper hat, wirklich geschützt ist“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland heute. Eine jüngst von ihm in Lübeck abgeschlossene Studie an 110 Infizierten habe viele Uneindeutigkeiten zu Tage gefördert.

Zahlreiche Patienten hätten zwar eine deutlich spürbare COVID-19-Erkrankung durch­gemacht, aber keine Antikörper aufgewiesen. Umgekehrt habe es Infizierte gegeben, die zwar keine oder fast keine Symptome hatten, aber später deutlich messbare Antikörper im Blut zeigten. Die Ergebnisse legten es daher nicht nahe, jemandem aufgrund von Antikörpertests Immunität zuzusagen.

Spahn hatte nach Protesten Anfang Mai das Thema auf Eis gelegt und den Ethikrat eingeschaltet, um die ethischen Konsequenzen eines solchen Ausweises überprüfen zu lassen. Befürworter argumentieren, für Bürger, die die Krankheit überstanden hätten, könnten möglicherweise Kontaktverbote aufgehoben werden.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation hatte allerdings betont, es gebe derzeit keinen Nach­weis, dass Menschen, die sich von COVID-19 erholt und Antikörper haben, vor einer zweiten Infektion geschützt seien.

Spahn hatte außerdem selbst die Frage gestellt, ob man so gravierende Unterschiede zwischen den Menschen machen darf, die schon immun sind, und denen, die die Krank­heit noch nicht gehabt haben. Immerhin gehe es um Einschränkungen von Grund­rechten.

Kritiker befürchten, dass durch den Immunitätsausweis eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstehen könnte: Menschen, die von Corona genesen sind, dürften Partys feiern. Diejenigen, die sich an alle Regeln gehalten haben und noch nicht erkrankt sind, dürften das nicht.

Denkbar wäre dann, dass sich Menschen bewusst infizieren, um danach ihre Freiheits­rechte wieder genießen zu können. Das würde nach Ansicht von Kritikern sehr schnell die Fallzahlen in die Höhe treiben.

Datenschützer warnen zudem, dass Arbeitgeber oder Versicherungen künftig Immunitäts­nachweise verlangen könnten. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber (SPD) erklärte, es handele sich um Gesundheitsdaten, die besonders zu schützen seien und nicht zu Diskriminierung führen dürften. © kna/aerzteblatt.de

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Avatar #654929
*1044#002051042682000#2712*
am Montag, 29. Juni 2020, 22:25

Debatte um Immunitätsausweis hält an

Da laut aktueller (Fach-) Ärztlicher Weiter­bildungs­ordnung (BÄK) das Gebiet "Immunologie" nicht aufgeführt wird, könnte eigentlich auch niemand einen "Immunitätsausweis" ausstellen,,,
M. f. G.: MedDir a. D. Dr. Müsch
Avatar #825141
plink
am Montag, 29. Juni 2020, 18:44

...unsinnige Immunitätsausweis-Debatte

...um es weiter zu verkomplizieren, müsste natürlich geprüft werden, ob es sich tatsächlich um neutralisierende (und nicht nur markierende) Antikörper handelt, was nur im Hochsicherheitslabor möglich ist, da man dazu "lebendige" Viren benötigt; ausserdem wäre die zelluläre Immunität zu überprüfen. Und es gibt da noch ein IgA, dass in vorderster Front auf den Schleimhäuten gegen Corona kämpft und ggf. eine IgM resp. IgG- Antwort (fast) überflüssig macht. Alles in Allem eine sehr komplexe Materie - ziemlich ungeeignet für die Vorstellungswelt von Bankkaufleuten!
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 26. Juni 2020, 22:55

Unsinnige Immunitätsausweis-Debatte

Problematische Antikörper-Tests: Mit qualitativen, nicht quantitativen Tests werden für SARS-CoV-2-Infektionen/COVID-19-Erkrankungen typische IgM und IgG im Patientenblut nachgewiesen, wenn sie entsprechend validiert und auf Sensitivität und Spezifität untersucht wurden. Für die Interpretation sind medizinische, infektiologische und labortechnische Fachkenntnisse erforderlich.

Was bedeuten negative oder positive Testergebnisse?

Wenn kein positives Ergebnis erscheint, hat der Patient entweder keine Antikörper, also keinen Kontakt mit SARS-CoV-2 gehabt. Er könnte aber ebenso hochinfektiös sein, weil er in der Frühphase der Erkrankung noch keine Antikörper gebildet hat und aufweisen wird. Dies ließe sich nur durch den spezifischen Erregernachweis mittels PCR erkennen/ausschließen.

Fällt der Test dagegen positiv aus, ist der Patient entweder noch hochinfektiös (PCR-Nachweis?), weil er sich in der Spätphase der akuten Erkrankung befindet. Oder er hat die COVID-19-Erkrankung schon durchgemacht, ist vermutlich immun bzw. hat kreuzreagierende Antikörper gegen andere Coronaviren.

Als da sind:
- SARS-CoV[-1] (severe acute respiratory syndrome coronavirus)
- MERS-CoV (Middle East respiratory syndrome coronavirus) und das derzeit besonders bekannte und aktuelle
- SARS-CoV-2 (severe acute respiratory syndrome coronavirus 2).

In einer in Amsterdam durchgeführten Studie wurde das Vorhandensein von einem eher harmlosen HCoV-NL63 bei etwa 4,7 % der häufigsten Atemwegserkrankungen geschätzt. L. van der Hoek et al. "Human coronavirus NL63, a new respiratory virus" - In: FEMS Microbiology Reviews. 30, Nr. 5, September 2006, S. 760–773. doi:10.1111/j.1574-6976.2006.00032.x

HCoV-NL63 ist eines von 4 nur leichte Infektionen hervorrufenden, insgesamt sieben bekannten Vertretern der Coronaviridae, die den Menschen infizieren, darunter HCoV-229E, HCoV-OC43 und HCoV-HKU1.

Mit anderen Worten: Diese Tests haben eigentlich keine infektiologisch gesicherte Aussagekraft. Die Immunitätsausweis-Debatte verkommt mehr und mehr zu einer Spielwiese infektiologischer Dilettanten und Laienschauspielern in Politik, Medien und Gesellschaft.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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