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Vermischtes

Zentrum Überleben hilft Geflüchteten

Montag, 29. Juni 2020

Ministerin Giffey (links) mit Tanja Waiblinger im Pavillon für Kreativ- und Gruppentherapien. /Zentrum Überleben

Berlin – Im Zent­rum Überleben in Berlin-Moabit suchen nach Deutschland geflüchtete Men­schen, die Folter, Gewalt und Vertreibung erlebt haben und häufig schwer traumati­siert sind, Hilfe. Am In­ternationalen Tag zur Unterstützung der Folteropfer besuchte Bun­desfamilienministerin Franziska Giffey das Zentrum. Begleitet von Journalisten.

Im Zentrum Überleben () erhalten Geflüchtete psychiatrisch/psychotherapeutische Be­handlung, Rehabilitation und Integration. Die Tagesklinik und die Ambulanzen für Psy­cho­therapie arbeiten zusammen mit Sprachmittlern und Sozialarbeitern. Neben trauma­fokussierten Einzeltherapien werden Gruppentherapien und Kreativtherapien angeboten. Deutschkurse und Projekte zur beruflichen Orientierung ergänzen das Angebot.

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„Immer nur auf das Trauma zu schauen, ist schwer“, sagt Tanja Waiblinger, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, als Ministerin Giffey an einen Tisch im Garten des Zent­rums herantritt, an dem Frauen im Rahmen einer Kreativtherapie malen und modellieren.

Seit der Coronapandemie finden die meisten Angebote des Zentrums im Freien statt, wenn das Wetter es zulässt, berichtet die Leiterin der ambulanten Abteilung für Erwa­ch­se­ne. Da die meisten Patienten aus Flüchtlingsheimen kommen, hat das ZÜ die Behand­lung in Innenräumen weitgehend eingestellt. „Wenn uns das Virus erreicht, müssen wir schließen“, sagt sie.

Lange Warteliste

Wie lang die Warteliste sei, möchte die Ministerin wissen. „Von sechs Anfragen können wir einen Patienten oder eine Patientin aufnehmen“, sagt Waiblinger. Die Anfragen kämen zum größten Teil von Sozialarbeitern aus den Flüchtlingsheimen, die direkt damit kon­fron­­tiert seien, dass die Menschen einen dissoziativen Anfall haben, aggressiv gegen sich und andere sind, oder nicht mehr aus ihrem Zimmer kommen.

Melden würden sich auch Kollegen aus den psychiatrischen Institutsambulanzen, Mitar­beiter Psychosozialer Beratungsstellen oder Verfahrensberatungen, Rechtsanwälten oder jemand „aus der Community der Geflüchteten“, berichtet die Ärztin. Wie sie denn auswäh­len, wer einen Platz im Zentrum Überleben bekommt, fragt Giffey, die sich sehr um die Pa­tientinnen in der Kreativtherapie bemüht und auf sie eingeht.

„Wir nehmen vor allem diejenigen auf, die in ihren Herkunftsländern im Gefängnis waren, körperliche Folter erlebt haben und unter Schmerzstörungen leiden“, sagt Waiblinger. Aber auch Geflüchtete, die viele Kriegstraumata erlebt haben und kaum deutsch spre­chen, hätten eine Chance auf einen Platz.

Wer besser deutsch spreche, könne auch in der Regelversorgung behandelt werden, so die Intention. In der Tagesambulanz für Erwachsene des ZÜ werden nach Angaben der Leiterin jährlich zwischen 50 und 70 Patienten neu aufgenommen, die zum Teil drei bis vier Jahre dort ambulant behandelt werden, so dass laufend zwischen 400 und 500 Men­schen in der Abteilung versorgt werden.

Die Leiterin der Tagesambulanz versucht paritätisch aufzunehmen. Doch nach der Flücht­lingskrise 2015 habe es einen großen Ansturm von Männern zwischen 19 und Anfang 40 gegeben und nur wenigen Frauen. Jetzt liege der Anteil bei etwa 60 Männern zu 40 Frau­en. „Die Frauen, die am Anfang noch gut gecopt haben, suchen jetzt, wo sie ihre Kinder betreut wissen, auch Hilfe“, erklärt Verhaltenstherapeutin Waiblinger.

Flüchtlingsfrauen häufig von häuslicher Gewalt betroffen

„Die meisten Frauen haben zunächst einen hohen Alltagsdruck, wenn sie bei uns aufge­nom­men werden, wie eine schwierige Wohnsituation oder fehlende Kitaplätze. Über die Traumata wird meist erst später gesprochen“, ergänzt die Sozialarbeitern in der Tagesam­bulanz, Cornelia Bruckner.

Die Familienministerin hört aufmerksam zu. Häusliche Gewalt im Herkunftsland oder auch in Deutschland von Ehepartnern oder Expartnern sei häufig ein Thema, so Bruckner. Während der Coronakrise sei der Zugang zu den betroffenen Frauen sehr schwierig ge­wesen, auch weil einige der Gewalt ausübenden Männer, den Virus als Vorwand genomm­en hätten, ihren Frauen den Kontakt zu den Mitarbeitern des ZÜ zu verbieten.

Unsicherer Aufenthaltsstatus

Sieben ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten arbeiten in der Tagesambulanz plus fünf Sozialarbeiter. „Wir versuchen jedem Patienten einen Bezugstherapeuten und einen Bezugssozialarbeiter zuzuteilen“, berichtet Leiterin Waiblinger. Dann werde jedem zunächst ein Akutprogramm mit 15 Sitzungen angeboten.

„Oftmals spielt ein unsicherer Aufenthaltsstatus und die damit verbundene Zukunftsangst mit in die Symptomatik rein“, berichtet die ärztliche Psychotherapeutin. Bei manchen Pa­tienten reiche die Dokumentation für das Asylverfahren, sie brauchten keine länger­fristi­ge Psychotherapie. Patienten, die an Traumafolgestörungen litten, erhielten eine Trauma-fokussierte Kurzzeittherapie oder auch eine Langzeittherapie.

Schwerpunktländer im ZÜ sind Syrien, Irak, Afghanistan, Libyen, Eritrea, Somalia und die Türkei, ist die triadische Arbeit mit Dolmetschern beziehungsweise Sprachmittlern.

„Wir haben rund 50 Honorarkräfte, die von uns ausgebildet wurden, regelmäßige Fortbil­dung erhalten und einmal im Monat Supervision bekommen“, sagt Waiblinger. Dies sei not­wendig, weil die Dolmetscher in der Therapiesituation die psychischen Belastungen der Patienten zum Teil ungefiltert erlebten. „Wir müssten auf unsere Dolmetscher acht­geben, damit sie nicht an ihre Belastungsgrenzen stoßen“, betont die Ärztin.

Übernahme von Dolmetscherleistungen gefordert

Bezahlt werden die Leistungen der Dolmetscher/Sprachmittler in den ersten 18 Monaten des Aufenthaltes der Geflüchteten in Deutschland von den Sozialämtern und danach von Spenden, die das Zentrum Überleben erreichen. Die Krankenkassen zahlen nicht für Dol­metscherleistungen.

Neben der Komplexität der Fälle sei dies ein Grund, warum die Überführung in die Regel­versorgung „sehr schwierig“ sei, betont Waiblinger. „Es gibt viele engagierte niederge­lasse­ne Psychotherapeuten, die gerne Geflüchtete behandeln würden, aber die Dolmet­scherkosten dann aus eigener Tasche bezahlen müssten“, kritisiert sie.

Wenn die ärztliche Psychotherapeutin sich eines von der Politik wünschen könnte, dann wäre das die Übernahme von Dolmetscherleistungen durch die gesetzliche Krankenver­sicherung. Doch dafür ist die Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin nicht zuständig. © PB/aerzteblatt.de

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