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Politik

Streit um Beratungsqualität: UPD wirft Stiftung Warentest falsche Bewertung vor

Dienstag, 30. Juni 2020

/DDRockstar, stock.adobe.com

Berlin – Oftmals bestimme Glück darüber, wie die Qualität der Auskünfte bei der Unabhängi­gen Patientenberatung (UPD) ausfällt. So schreibt es die Stiftung Warentest nach einer stichprobenartigen Untersuchung des Angebots in der aktuellen Ausgabe des Testheftes.

Die Beratung falle je nach Mitarbeiter mal hilfreich, mal verwirrend und bisweilen auch katastrophal aus. Ein zentraler Vorwurf der Warentester sei fachlich falsch, setzte sich die UPD mittlerweile in einer Mitteilung zur Wehr. Darin wird unter anderem kritisiert, dass die Ergebnisse der UPD nicht vor Veröffentlichung zur Verfügung gestellt worden seien und die Testmethodik kaum nachvollziehbar sei.

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Die Verbraucherschützer entwarfen für ihre Stichprobe fünf Testszenarios, die von der UPD veröffentlichte Beratungsversprechen auf die Probe stellen sollten. Die Testproban­den kontaktierten die UPD demnach mit diesen konstruierten Fällen per Online-Formular, über die Beratungsplattformen, per Telefon oder vor Ort. Die Ergebnisse stellten die Tes­ter anschließend in Kurzform für jeden der fünf Fälle vor.

Differenzen zur Impfberatung

In dem Testfall, in dem die UPD sich nun ungerecht behandelt fühlt, meldete sich ein 70-Jähriger bei der Patientenberatung, um sich über eine Impfung gegen Gürtelrose zu infor­mieren. Der Testfall bezog sich nach Angaben von Stiftung Warentest auf das Versprechen der UPD, zu aktuellen Impfempfehlungen zu beraten und Hintergründe zu erläutern.

Der Proband gab an, vor vier Jahren eine Impfung mit dem Stoff Zostavax erhalten zu ha­ben. Nun wolle er sich über den erst seit 2018 empfohlenen Impfstoff Shingrix informie­ren und erfahren, ob jetzt eine erneute Impfung sinnvoll sei. Nach Angaben der Stiftung Warentest erhielt der Proband von der UPD-Beraterin die Auskunft, dass zwei Impfungen mit Shingrix erforderlich seien und die Kosten für Patienten ab 60 Jahren von der Kasse getragen werden.

Die Kritik: Die Beraterin habe nicht auf den sicheren Zeitpunkt einer Nachimpfung mit Shing­rix erst fünf Jahre nach der Impfung mit Zostavax hingewiesen. Sie habe zudem keine ver­gleichenden Aussagen zu den beiden Impfstoffen getroffen und kaum Hinweise zu Wirksamkeit und Verträglichkeit gegeben.

„Der Kern-Vorwurf von Stiftung Warentest zu diesem Fall ist fachlich falsch“, ist in der Mit­teilung der UPD zu lesen. Es sei „vollkommen korrekt in Übereinstimmung mit den maßgeblichen Informationen des Robert Koch-Instituts (RKI) beraten“ worden. Ein Fünf­jahresabstand zwischen den Impfungen werde vom RKI nicht empfohlen. Der Stiftung Warentest „sollte es ein Anliegen sein, diesen Sachverhalt schnellstmöglich aufzuklären und mit einer Korrektur zu reagieren“, heißt es in der Mitteilung weiter.

Tatsächlich lässt sich darüber streiten, ob das RKI auf seiner Internetseite eine klare Em­pfehlung zu einem Fünfjahresabstand ausspricht. In einem Abschnitt zu häufig gestellten Fragen zur Impfung gegen Gürtelrose ist zu lesen, dass sich eine Impfung mit Shingrix min­destens fünf Jahre nach der Impfung mit Zostavax in einer Studie als sicher erwiesen hat.

Wörtlich schreibt das RKI: „Damit spricht nichts gegen die Anwendung des Totimpfstoffs (Shingrix, Anm d.Red) nach Impfung mit dem Lebendimpfstoff (Zostavax, Anm. d. Red.), wobei ein Abstand von fünf Jahren untersucht wurde.“ Ergänzend weist das RKI darauf hin, dass laut Empfehlungen aus den USA der Abstand zwischen den Impfungen auch deutlich kürzer ausfallen könne. Als Mindestzeitraum werden zwei Monate genannt.

Diesen Zusatz erwähnt die Stiftung Warentest in ihrer verkürzten Auswertung nicht. Ob der Hinweis auf einen sicheren Mindestabstand von fünf Jahren, der vom RKI ebenfalls erwähnt wird, deswegen als „fachlich falsch“ zu werten ist, ist diskussionswürdig. Ob es legitim ist, zu kritisieren, dass nicht auf diesen Fünfjahresabstand verwiesen wurde, aller­dings ebenso.

Uneinigkeit beim Paukenerguss

In noch einem weiteren Fall sind sich Stiftung Warentest und UPD uneinig. So ließ sich ein Testproband dazu beraten, wie bei dem Paukenerguss des Kindes vorzugehen sei. Ex­plizit wurde dabei laut Stiftung Warentest gefragt, ob dieser operativ behandelt werden müsse oder kortisonhaltiges Nasenspray helfen könne.

Die Beraterin habe daraufhin erklärt, dass es erste Wahl sei, drei bis sechs Monate abzu­war­ten. In Bezug auf eine Operation habe sie nur das Risiko einer Vernarbung erwähnt und kortisonhaltige Nasensprays als Option genannt. Diese Beratung war laut Stiftung Warentest „fehlerhaft“.

Der Rat abzuwarten sei grundsätzlich richtig. Jedoch sei der Vorteil eines operativen Ein­satzes von Paukenröhrchen nicht erläutert und die für die Entscheidung wichtige Sprach­entwicklung nicht erfragt worden.

Kortison sei in diesem Fall zudem „vermutlich unwirksam und kann Risiken für Kinder ber­gen“, schreiben die Autoren im Test-Heft. Vonseiten der UPD heißt es dazu unter an­derem: „Die unklar formulierten Vorwürfe zur Verwendung von Kortison-Spray können nicht nachvollzogen werden.“ Die Beratung sei im Kern nicht zu beanstanden.

Da die Stiftung Warentest in ihrer Veröffentlichung keine Quellen nennt, ist unklar auf welcher Grundlage die Kritik beruht. Einen möglichen Anhaltspunkt bietet die Leitlinie zum Seromukotympanon.

In der im Oktober 2018 aktualisierten Version heißt es: „Von einer medikamentösen Be­handlung eines Paukenergusses mit topischen oder systemischen Steroiden wird von ei­nigen Autoren abgeraten“ sowie „auch ein topisches Steroid (Mometason) hatte bei Kin­dern weder einen Effekt auf den Paukenerguss noch das Hörvermögen (Williamson et al., 2009)“. Vor diesem Hintergrund scheint die Kritik der Tester nachvollziehbar.

In zwei weiteren Testfällen räumt die UPD zum Teil Fehler ein. So hatte ein Testpatient nach Angaben der Stiftung Warentest unter anderem darum gebeten, ihm die Positionen eines Heil- und Kostenplans zu erklären – laut UPD ist dies Teil des Beratungsportfolios.

Der Berater habe jedoch nur darauf verwiesen, dass Heil- und Kostenpläne nicht geprüft würden und an andere Stellen weiterverwiesen, heißt es im Test-Heft. Dabei sei dies gar nicht die Hilfestellung gewesen, um die der Testpatient gebeten hatte. Diese Schilderung könnte „auf Probleme deuten, die einer tiefergehenden Analyse bedürfen“, so die UPD.

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In einem weiteren Testfall zum Wunsch- und Wahlrecht bei Reha-Maßnahmen sorgte sich ein Proband darum, dass die Reha-Bewilligung verfallen könnte, weil innerhalb eines hal­ben Jahres keine freien Plätze in Aussicht seien. Laut Bericht der Stiftung Warentest er­klär­te keiner der kontaktierten UPD-Berater, dass es keine gesetzliche Frist zur Gültigkeit eines Bescheids gibt.

Zudem sei nicht geraten worden, den „Bewilliger“ schnell zu kontaktieren und überdies seien Leistungsträger und Leistungserbringer in der Beratung verwechselt worden. „Wenn hier keine Antwort zur „Gültigkeit” erfolgt ist, so ist die Beratung lückenhaft und ent­spricht nicht den Beratungsgrundsätzen der UPD“, erklärt die Patientenberatung in der Mitteilung.

Zusammenfassend, berichtet die Stiftung Warentest, hätten sich die Berater immerhin bis zu 19 Minuten Zeit für die Patienten genommen und seien auch stets freundlich gewesen. Allerdings seien bei Testanrufen mehrere Anläufe nötig gewesen, bis fachlich zuständige Berater zurückriefen. Diese seien dann nur wenig vorbereitet gewesen. Ein weiteres Prob­lem: Für Ratsuchende sei unklar, wo die Grenze zwischen allgemeiner und individueller Beratung verlaufe.

In diesem Zusammenhang sei die die UPD zu einem „Austausch über Umfang und Gren­zen des Beratungsangebots“ bereit, heißt es in der Mitteilung der Patientenberatung. Man habe Stiftung Warentest ein Dialogangebot gemacht. © alir/aerzteblatt.de

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