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Medizin

Herzinsuffizienz: Krankheitslast steigt in Ostdeutschland stärker als im Westen

Mittwoch, 1. Juli 2020

/Spectral-Design, stock.adobe.com

Greifswald – Auch drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung erkranken in Ostdeutsch­land mehr Menschen an einer chronischen Herzinsuffizienz als in Westdeutschland. Die Unterschiede haben sich nach den jetzt auf einer Tagung der European Society of Cardio­logy vorgestellten Zahlen seit 2000 sogar noch vergrößert.

Die Krankheitslast („Burden of Disease“) durch eine chronische Herzinsuffizienz hat in den letzten Jahrzehnten in Ost und West deutlich zugenommen. Bei den Hospitalisierungen gab es zwischen 2000 und 2013 für ganz Deutschland einen Anstieg um 65 %, wie das „Trend HF Germany Project“ in einer früheren Publikation im European Journal of Heart Failure (2016; 18: 1009-1018) herausgefunden hatte.

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Die Herzinsuffizienz ist in Deutschland die zweithäufigste Ursache für einen Kranken­haus­aufenthalt (nach Entbindungen). Bei der Dauer der Klinikbehandlungen wird sie nur von rezidivierenden depressiven Störungen übertroffen. In der Zahl der Todesfälle in der Klinik führt die chronische Herzinsuffizienz sogar die „Top Five“ an vor Pneumonie, Herz­infarkt, Sepsis und Lungenkrebs.

Experten führen die hohe Krankheitslast neben den klassischen kardiovaskulären Risiko­faktoren wie Hypertonie, Hypercholesterinämie, Typ 2-Diabetes, Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel auch auf den Erfolg der Herzinfarktbehandlung zurück. Fast alle Patienten, die heute lebend die Klinik erreichen, überleben die myokardiale Ischämie.

Die Katheterbehandlung kann die Durchblutung des Herzmuskels wieder herstellen, sie kann allerdings nicht den Schaden beheben, den er während der Dauer der Ischämie er­litten hat. Nach dem Umbau „Remodeling“ des Herzmuskels durch eine bindegewebige Narbe kommt es früher oder später zu einer ischämischen Kardiomyopathie und schließ­lich zu einer chronischen Herzinsuffizienz.

In der aktuellen Studie hat das Team um Marcus Dörr von der Universitätsmedizin in Greifswald die Trends in Ost- und Westdeutschland verglichen. In beiden Regionen haben die Klinikeinweisungen wegen einer chronischen Herzinsuffizienz zugenommen: von 239.694 im Jahr 2000 auf 464.724 Fälle im Jahr 2017. Dies entspricht einer Zunahme um 93,9 %.

Der Anstieg fiel in Ostdeutschland mit plus 118,5 % jedoch deutlich stärker aus als im Westen mit plus 88,3 %. Der Anteil der chronischen Herzinsuffizienz an allen Hospitali­sie­rungen ist in Ostdeutschland von 1,5 auf 2,9 % und in Westdeutschland von 1,4 auf 2,2 % gestiegen.

Es werden nicht nur mehr Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz im Krankenhaus behandelt. Auch die Gesamtdauer der Kranken­haus­auf­enthalte hat zugenommen. Auch hier liegt der Anstieg in Ostdeutschland mit plus 50,6 % höher als in Westdeutschland mit plus 34,6 %.

Der dritte Aspekt ist die Klinikmortalität. Die chronische Herzinsuffizienz war im Jahr 2017 mit einem Anteil von 8,2 % an allen Todesfällen die mit Abstand häufigste Todesur­sache im Krankenhaus in Deutschland. Auch hier gab es in Ostdeutschland wesentlich höhere Sterblichkeitsraten im Krankenhaus (64 versus 65 Todesfälle pro 100.000 Einwoh­ner in den Jahren 2000 und 2017; ein Anstieg von 1,6 %) als in Westdeutschland (39 versus 43 Todesfälle pro 100.000 Einwohner; ein Anstieg um 10,3 %).

Die Ursachen für die unterschiedliche Entwicklung in West- und Ostdeutschland kann die Studie nicht klären. Am Niveau der Krankenversorgung sollte es eigentlich nicht liegen. Ost- und Westdeutschland haben seit der Wiedervereinigung das gleiche System.

Auch die Unterschiede in der Altersstruktur in Ost und West kommen laut Dürr nicht als Erklärung infrage. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung ist in Ostdeutschland zwar (we­gen der Abwanderung jüngerer Menschen) um vier Jahre höher als in Westdeutsch­land. Doch die Unterschiede blieben in einer Analyse, die das Alter berücksichtigt, unver­ändert.

Eine mögliche Erklärung ist die ungesündere Lebensweise der Einwohner in Ostdeutsch­land. Dürr weist darauf hin, dass mit arterieller Hypertonie, Typ-2-Diabetes und Adiposi­tas gleich drei modifizierbare Risikofaktoren in Ostdeutschland häufiger sind als in Westdeutschland.

Der Kardiologe schließt jedoch nicht aus, dass es unter der Oberfläche der in ganz Deutschland gleichen Krankenversorgung strukturelle Unterschiede geben könnte. Hier gebe es Forschungsbedarf. Von Interesse sei auch, ob es in anderen europäischen Län­dern ähnliche regionale Unterschiede gibt.

In Deutschland werden übrigens mehr Menschen wegen einer chronischen Herzinsuffi­zienz im Krankenhaus behandelt als in anderen europäischen Ländern. In der früheren Publikation hatte das „Trend HF Germany Project“ zudem darauf hingewiesen, dass die Krankheitslast (gemessen an der Zahl der Hospitalisierungen) in den angelsächsischen Ländern nach unten zeigt, während in Europa die Erkrankungszahlen ansteigen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #830245
Hortensie
am Freitag, 3. Juli 2020, 10:56

Es liegt nicht immer beim Patienten, ob er ins Krankenhaus eingewiesen wird oder nicht

Sondern es liegt womöglich auch an seinem behandelnden Arzt, ob der eine Einweisung für nötig hält.
Das Gefälle zwischen Ost und West würde ich aus dieser Perspektive mal betrachten.
LNS

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