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Medizin

Statine: Therapiebeginn im Alter von 75 Jahren könnte Sterblichkeit senken

Dienstag, 28. Juli 2020

Maren Winter, info@ maren-winter.de

Boston – Statine erzielen offenbar auch im hohen Lebensalter eine Schutzwirkung. So hatten US-Veteranen, bei denen erst nach dem 75. Lebensjahr mit einer Statinbehandlung begonnen wurde, laut einer aktuellen Analyse im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2020; DOI: 10.1001/jama.2020.7848) ein signifikant vermindertes Sterberisiko.

Der Nutzen von Statinen, die den Cholesterinwert im Blut senken, ist gut belegt. An den in den 1990er Jahren durchgeführten randomisierten Studien, in denen die kardiovaskuläre Sterblichkeit durch die Mittel gesenkt wurde, haben jedoch keine älteren Patienten teilgenommen.

Auch in den Anfang der 2000er Jahren veröffentlichten Studien zu älteren und Hochrisiko-Patienten („Heart Protection Study“ und „PROSPER“) war der Anteil der über 75-Jährigen relativ gering und die Ergebnisse der Subgruppen-Analysen waren nicht eindeutig. In der „ALLHAT-LLT“-Studie wurde sogar eine tendenziell erhöhte Sterblichkeit in der Gruppe der über 75-Jährigen gefunden.

Viele Kardiologen sind sich deshalb nicht sicher, ob sie bei einem Patienten im Alter von 75 Jahren noch mit einer Statintherapie beginnen sollten. Angesichts einer Lebenserwartung, die bei einem 80-jährigen Menschen heute im Durchschnitt noch 8 bis 9 Jahre beträgt, ist die Frage durchaus berechtigt, da die Interventionsstudien zeigen, dass bei jüngeren Patienten bereits in diesem Zeitraum eine Reduktion der kardiovaskulären und der Gesamtsterblichkeit erzielt werden kann.

Ob diese protektive Wirkung auch im Alter von über 75 Jahren erreicht werden kann, wird derzeit in der US-amerikanischen PREVENTABLE-Studie untersucht, an der 20.000 Menschen im Alter von über 75 Jahren teilnehmen sollen. Ergebnisse werden allerdings erst im Jahr 2026 vorliegen. Noch für dieses Jahr werden die Ergebnisse der australischen STAREE-Studie erwartet, in der das Eintrittsalter jedoch bereits bei 70 Jahren lag.

Die „zweitbeste Antwort“ auf die Frage kann die Auswertung von elektronischen Krankenakten geben, die heute mit geringem Aufwand durchgeführt werden kann, deren Ergebnisse aber mit Vorbehalt zu interpretieren sind. Eine zuverlässige Datenquelle ist die US-Veteranen-Behörde, über die eine große Anzahl von (überwiegend männlichen) Amerikanern krankenversichert ist.

Ein Team um Ariela Orkaby vom VA Boston Healthcare System hat die Daten von 326.981 Veteranen im Alter von über 75 Jahren ausgewertet. Darunter waren 57.178 Patienten, bei denen im Alter von durchschnittlich 81,1 Jahren mit einer Statin-Behandlung begonnen worden war. Die übrigen Veteranen hatten keine Statine erhalten. Insgesamt sind in den folgenden 6,2 Jahren 206.902 Todesfälle aufgetreten, darunter waren 53.296 kardio­vaskuläre Todesfälle.

Orkaby ermittelt eine Sterberate von 78,7 pro 1.000 Personenjahre bei den Statinanwendern und von 98,2 pro 1.000 Personenjahre bei den Nicht-Anwendern. Auch die kardiovaskuläre Sterblichkeit war mit 22,6 gegenüber 25,7 pro 1.000 Personenjahre niedriger. Der Vergleich dieser „Rohdaten“ ist jedoch problematisch, da die Patienten, die Statine erhielten, auch aus anderen Gründen ein geringeres Sterberisiko haben könnten.

Um mögliche Verzerrungen zu vermeiden, hat Orkaby eine „Propensity Score“-Analyse durchgeführt, wobei sie die moderne Variante des „Overlap Weighting“ verwendete. Die Analyse bestätigt weitgehend die Ergebnisse der Rohdaten.

Die Hazard Ratio der Statin-Anwender für die Gesamtsterblichkeit betrug 0,75 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,74 bis 0,76. Die hochbetagten Senioren senkten ihr Sterberisiko demnach um 25 %. Die kardiovaskuläre Mortalität (Hazard Ratio 0,80; 0,78 bis 0,81) und die Zahl von nicht-tödlichen atherosklerotischen Ereignissen wie Herzinfarkt, ischämischer Schlaganfall oder Revaskularisierung (Hazard Ratio 0,92; 0,91 bis 0,94) wurde ebenfalls gesenkt.

Die Senkung der Gesamtsterblichkeit war in den ersten beiden Behandlungsjahren (Hazard Ratio 0,68; 0,66 bis 0,69) am größten, war aber auch in beiden folgenden 2-Jahres­intervallen (Hazard Ratio 0,79 und 0,87) noch nachweisbar. Der Vorteil der Statinbehandlung bestand auch bei Diabetikern und Demenzpatienten und selbst in der Altersgruppe der über 90-Jährigen.

Die Ergebnisse sprechen gegen eine Altersgrenze für den Einsatz von Statinen in der Primärprävention von kardiovaskulären Ereignissen. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob die laufenden randomisierten Studien die Ergebnisse bestätigen werden. Die Erfahrungen zeigen, dass dies nicht immer der Fall ist. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #786228
hanstreffer
am Mittwoch, 29. Juli 2020, 08:54

Danke für die Wahrheit

Da kann man also lesen, dass die Amerikaner eine Nichtstudie nehmen, um Statine zu verkaufen. Statine senken das Cholesterin aber dadurch weniger Risiko für Herzinfarkte ist eben in keiner echten Studie. Wissen wir seit Jahren trotzdem muss verkauft werden. Dass jetzt die Krankenakten genommen werden, deren einziges Merkmal dieselbe Sozialversicherung ist und dann daraus Vorteile für Statine abgeleitet werden, tut schon weh, wenn man denken kann.
LNS

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