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Medizin

Darm-Hirn-Achse: Können Prä- und Probiotika Angstzustände und Depressionen lindern?

Donnerstag, 30. Juli 2020

/Anatomy Insider, stock.adobe.com

Brighton/England – Nach der Hypothese der Darm-Hirn-Achse können Darmbakterien den Gemütszustand des Menschen beeinflussen und im ungünstigen Fall mentale Erkrankungen verursachen.

In den letzten Jahren wurde in mehreren Studien versucht, durch die Einnahme von Prä- und Probiotika Angstzustände und Depressionen zu lindern. Ernährungswissenschaftler haben jetzt in BMJ Nutrition Prevention & Health (2020; DOI: 10.1136/bmjnph-2019-000053) die Ergebnisse aus 7 Studien zusammengefasst.

Darmbakterien könnten das Gemüt beeinflussen, wenn sie die Aminosäure Tryptophan produzieren, die im Gehirn ein Baustein für die Bildung des Neurotransmitters Serotonin ist, dessen Mangel Depressionen auslösen kann. Auch die von bestimmten Darmbakterien gebildeten kurzkettigen Fettsäuren stehen im Verdacht, nach der Resorption durch den Darm über den Kreislauf ins Gehirn zu gelangen.

Weitere Verdächtige der Darm-Hirn-Achse sind inflammatorische Zytokine und der Nervus vagus, über den Darmbakterien möglicherweise Signale ans Gehirn senden. Eine Vagotomie soll im Tierversuch die anxiolytischen Effekte verhindert haben, die vorher durch die Gabe von Bifidobacterium longum induziert wurden.

Eine weniger invasive Alternative zur chirurgischen Durchtrennung des Eingeweidenerven könnte die Einnahme von günstigen Bakterien, Probiotika genannt, sein. Wirksam könnten auch Nahrungsergänzungsmittel sein, die die Vermehrung von günstigen Bakterien im Darm fördern. Diese werden als Präbiotika bezeichnet.

Das Angebot von Pro- und Präbiotika ist groß, und Studien, die eine Wirkung auf Gemüts­störungen zeigen könnten, wären letztlich auch ein Beweis für die Darm-Hirn-Achse. Die Studienlage ist derzeit jedoch noch dürftig. Sanjay Noonan vom der Brighton and Sussex Medical School konnte in ihrer Literaturrecherche gerade einmal 7 Studien ausfindig machen, in denen Patienten mit Angststörungen oder Depressionen gezielt mit Pro- oder Präbiotika oder beiden behandelt wurden.

Die Studien hatten eine geringe Fallzahl, aber immerhin 5 Studien wurden als rando­misierte kontrollierte Studie durchgeführt, die zu verlässlichen Aussagen über eine Wirkung kommen können. Alle 7 Studien untersuchten mindestens einen probiotischen Stamm, 4 untersuchten die Wirkung von Kombinationen aus mehreren Stämmen. Zum Einsatz kamen insgesamt 12 probiotische Stämme, hauptsächlich Lactobacillus acidophilus (3 Studien), Lactobacillus casei und Bifidobacterium bifidium (2 Studien). Eine Studie kombinierte Prä- und Probiotika.

Die Studien unterschieden sich laut Noonan erheblich in ihrem Design, den verwendeten Methoden und den klinischen Bewertungen, so dass eine Meta-Analyse, die die Ergebnisse zusammenfasst, nicht möglich war. In allen Studien wurde jedoch eine günstige Wirkung beobachtet, wobei sich 11 der 12 eingesetzten Probiotika als wirksam erwiesen, für die Präbiotika ließ sich dagegen keine Wirksamkeit nachweisen. Noonan hält es aber für möglich, dass sie die Wirksamkeit der Probiotika verbessern.

Für eine Empfehlung dürften die Ergebnisse der Studien nicht ausreichen. Noonan weist auf zahlreiche methodische Schwächen hin, zu denen neben der kleinen Teilnehmerzahl auch die relativ kurzen Behandlungszeiten gehören. Ob Prä- und Probiotika bei mentalen Erkrankungen wirksam sind, müsste erst noch in größeren Studien gezeigt werden. © rme/aerzteblatt.de

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