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Medizin

SARS-CoV-2: Studie beschreibt breites Spektrum neurologischer Komplikationen

Donnerstag, 9. Juli 2020

/freshidea, stock.adobe.com

London – Eine Infektion mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 kann neben psychia­trischen auch neurologische Komplikationen auslösen, die britische Forscher in Brain (2020; DOI: 10.1093/brain/awaa240) an Fallbeispielen vorstellen. In der Pressemit­teilung erinnern die Autoren an die Encephalitis epidemica der 1920er und 1930er Jahre.

Im Anschluss an die Spanische Grippe von 1918/20 war es in Europa und Nordamerika zu einer Häufung von rätselhaften Erkrankungen gekommen, die der österreichische Psychiater und Neurologe Constantin von Economo als Encephalitis lethargica bezeichnete. In den Medien wurde sie auch Europäische Schlafkrankheit genannt.

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Die Patienten fielen nach hohem Fieber, Hals- und Kopfschmerzen, die auf einen vorangegangenen Infekt hinweisen, in einen lethargischen Zustand, der durch unkontrollierbare Schlafanfälle mit temporären Parkinson-ähnlichen neurologischen Symptomen gekennzeichnet war. In schweren Fällen kam es zu einem komaähnlichen Zustand, aus dem viele nicht mehr erwachten.

Dass die Erkrankung eine Folge der Infektion mit dem Influenzavirus A/H1N1 war, dem Erreger der Spanischen Grippe, konnte niemals bewiesen werden.

Dass es nach schweren Virusinfektionen zu neuropsychiatrischen Komplikationen kommen kann, gilt aber als erwiesen. SARS-CoV-2 macht hier keine Ausnahme. Bereits im Mai hatten Psychiater des University College London in einer Meta-Analyse darauf hingewiesen, dass es bei Intensivpatienten mit COVID-19 häufig zu psychiatrischen Symptome kommt, die auch nach den beiden anderen schweren Coronaerkrankungen SARS und MERS beobachtet wurden (oder werden).

Bei COVID-19 gehören Verwirrtheitszustände (Delir) und Agitation dazu, in einer Studie wurden auch kognitive Störungen (exekutive Dysfunktionen) beschrieben.

Jetzt ergänzt das Team um Michael Zandi seine Beschreibung um ein „sich abzeich­nendes Spektrum“ von neurologischen Befunden, die jeweils mit Kasuistiken illustriert werden. Am National Hospital for Neurology and Neurosurgery in London waren zuletzt 43 Patienten behandelt worden, bei denen es zu unterschiedlichen neurologischen Symptomen gekommen war.

Bei 10 Patienten diagnostizierten die Neurologen eine vorübergehende Enzephalopathie mit Verwirrtheit und Desorientierung (Delir). Bei 12 Patienten wurde ein neuroinflam­matorisches Syndrom festgestellt, 8 Patienten erlitten einen ischämischen Schlaganfall, 7 erkrankten an einem Guillain-Barré-Syndrom, die übrigen 5 Patienten ließen sich nur schwer einordnen.

Die Enzephalopathie äußerte sich bei einer 55-jährigen Frau in einer Psychose mit visuellen Halluzinationen. Die Patientin wollte Löwen und Affen in ihrem Haus beobachtet haben. Ihr Zustand besserte sich unter der Behandlung mit Haloperidol und später Risperidon.

Das neuroinflammatorische Syndrom manifestierte sich meist als akute disse­minierte/demyelinisierende Enzephalomyelitis (ADEM), die mit den Symptomen einer Multiplen Sklerose einhergeht mit dem Unterschied, dass die Lähmungen in der Regel nur einmalig auftreten und keine weiteren Krankheitsschübe folgen. Die ADEM tritt normalerweise bei Kindern auf.

Die von Zandi beschriebenen Patienten waren dagegen alle erwachsen (medianes Alter 53 Jahre). Die ischämischen Schlaganfälle waren häufig mit andren thrombotischen Ereignissen wie einer Lungenembolie kombiniert. Ein Guillain-Barré-Syndrom war in den letzten Wochen auch von anderen Neurologen im Zusammenhang mit COVID-19 beschrieben worden.

Bei keinem der 48 Patienten konnten die Forscher SARS-CoV-2 im Liquor nachweisen. Zandi geht deshalb davon aus, dass die Komplikationen nicht auf einen direkten Angriff des Virus auf das Gehirn zurückzuführen sind. Es ist allerdings nicht ungewöhnlich, dass eine überschießende Immunreaktion, wie sie bei COVID-19 mit dem Zytokinsturm beobachtet wird, das Gehirn in Mitleidenschaft zieht.

In diesem Fall sollten sich die Patienten, sofern sie die Erkrankung überleben, wieder erholen. Denkbar sind aber auch Autoimmunreaktionen, die langfristige Auswirkungen haben können.

Ob der Vergleich mit der Encephalitis epidemica gerechtfertigt ist, wird sich zeigen. Die Forscher erwähnen ihn nur in der Pressemitteilung und nicht in der Publikation. Unklar ist auch, ob die neurologischen Komplikationen ein häufiges Phänomen sind oder ob sie nur an den Behandlungszentren auffallen, an die Patienten mit komplizierten Verläufen der Erkrankung überwiesen werden. © rme/aerzteblatt.de

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michelvoss
am Sonntag, 12. Juli 2020, 22:26

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