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Politik

„Wir brauchen Vergütungsanreize zur Ambulantisierung“

Donnerstag, 16. Juli 2020

Essen – Die Coronapandemie hat ein Schlaglicht auf die Kran­ken­haus­struk­tu­ren in Deutschland geworfen und die Diskussion darüber weiter entfacht, wie das System um­gestaltet werden sollte. Das Deutsche Ärzteblatt () hat vier Gesundheits­ökonomen zu den Lehren aus der Pandemie für den stationären Sektor befragt, un­ter anderem Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzzentrums „Gesundheit“ im RWI – Leib­niz-Institut für Wirtschaftsforschung.

Fünf Fragen an… Boris Augurzky, RWI

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DÄ: War die Bewältigung der Coronapandemie in Deutschland so erfolgreich, weil Deutschland so viele Krankenhausbetten hat?
Augurzky: Die Menge an Krankenhauskapazitäten war ein Faktor bei der Bewältigung der Pandemie. Allerdings würde ich damit nicht die große Zahl an Krankenhaus­betten meinen, sondern die Tatsache, dass Deutschland pro Kopf über sehr viele Intensivbetten verfügt – mehr als die meisten anderen Länder.

Hinzu kam, dass nach anfänglichen Startschwierig­keiten die regionale Koordination meist gut funktioniert hat. Anstatt das Krisenmanagement, wie zum Beispiel in Frankreich, einheitlich vom Zentrum Paris aus festzulegen, konnten die Regionen in Deutschland je nach Situation, aber auch je nach Trägerstrukturen vor Ort, das lokale Vorgehen selbst festlegen.

Bei zentraler Steuerung wirkt sich ein Fehler auf das gesamte Land aus. Gerade wenn man noch nicht viel über das Virus weiß, passieren natürlich Fehler. Bei einer dezen­tralen Vorgehensweise passieren diese auch, aber sie bleiben lokal und man kann von anderen Regionen lernen, die – vielleicht auch zufällig – erfolgreicher voranmar­schierten.

Ein weiterer Faktor war, dass Deutschland nicht das erste europäische Land war, das getroffen wurde. Es blieb daher mehr Zeit, um das Virus in einem frühzeitigeren Stadium einzudämmen. Dabei konnten Fehler anderer Länder, wie zum Beispiel eine große Zahl an Infektionen beim Krankenhauspersonal, eher vermieden werden. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass die Pandemie noch nicht zu Ende ist.

DÄ: Welche Erkenntnisse haben Sie persönlich im Hinblick auf die Struktur der deutschen Krankenhauslandschaft aus der Coronapandemie gezogen?
Augurzky: Wir haben in Deutschland eine dezentrale Versorgungsstruktur, die ein dezen­trales Handeln erlaubt. In einer Pandemie ist das vorteilhaft. Denn das Pandemiegesche­hen ist regional sehr unterschiedlich. Daher braucht es regionale Antworten.

Das heißt nicht notwendigerweise, dass es vorteilhaft ist, wenn wir sehr viele Kranken­hausstandorte haben. Eine stärkere Bündelung der Kapazitäten, verbunden mit einer größeren Spezialisierung, widerspricht nicht dem Gedanken, dezentral handeln zu können. Ich würde daher gar nicht so weit von früheren Forderungen vor der Pandemie nach einer stärkeren Bündelung der Kapazitäten abrücken.

Gleichwohl müssen wir in ländlichen Gebieten schauen, welche Kapazitäten wir für mögliche Krisen vor Ort brauchen und welche sich besser in regionalen Zentren befinden sollten. Eine komplexe intensivmedizinische Versorgung sollte in einem regionalen Zentrum erfolgen. Aber nicht jeder an COVID-19 erkrankte Patient braucht eine intensiv­medizinische Versorgung. Solche Patienten können auch in der Peripherie versorgt werden, was wiederum für die Zentren eine Entlastung bedeutet.

DÄ: Wie sollte vor diesem Hintergrund die Krankenhauslandschaft in den kommenden Jahren umgestaltet werden?
Augurzky: Wir werden uns nicht auf alle erdenklichen Katastrophen zu 100 Prozent vorbereiten können. Selbst, wenn dies gelänge, würden wir die dafür nötige immense Vorhaltung gar nicht finanzieren können. Es gilt also abzuwägen zwischen einer qualitativ hochwertigen Versorgung in Normalzeiten und einer guten Versorgung in Krisenzeiten.

Wichtig ist meines Erachtens, dass das Gesundheitswesen flexibel aufgestellt ist. Wir sollten im Krisenfall Ressourcen möglichst schnell umschichten oder umwidmen können. Dazu müssen wir entsprechende Konzepte erarbeiten und uns auch überlegen, was passiert, wenn ein Krankenhaus komplett ausfällt. Wie kann dann die Bevölkerung in der betroffenen Region versorgt werden?

Ich könnte mir vorstellen, dass wir hierzu im Rahmen einer Simulation am Computer verschiedene denkbare Katastrophenfälle für unterschiedliche Kran­ken­haus­struk­tu­ren durchspielen. Damit ließen sich potenzielle Schäden je Szenario sowie die Kosten je Szenario abschätzen und bewerten. Das soll nun nicht abwertend klingen: Es gibt intelligent gemachte Simulationsspiele auf dem Computer, deren Methodik hier Anwendung finden könnte.

DÄ: In der Coronapandemie haben Krankenhäuser, über Trägergrenzen hinweg, vielfach gut und effizient zusammengearbeitet. Wie kann eine solche Kooperation für die Zukunft angereizt werden?
Augurzky: Grundsätzlich sind mehrere Ansätze denkbar. Ein Weg geht über eine strenge Krankenhausplanung, verbunden mit der Vergabe von Investitionsfördermitteln nur bei Erfüllung der Planungsvorgaben.

Ein anderer Weg geht über die Stärkung der Nachfrageseite, das heißt der Konsumenten beziehungsweise Patienten. Über digitale Werkzeuge, unter anderem künstliche Intel­ligenz, werden die Patienten in den nächsten Jahren stark „aufgerüstet“, sodass sie gegenüber den Leistungserbringern Augenhöhe gewinnen.

Wenn wir damit in der Zukunft eine Welt vorfinden, in der die Gesundheitsversorgung stärker an dem ausgerichtet ist, was die Patienten brauchen – natürlich unter Beachtung der in jedem System bestehenden Ressourcenknappheit –, werden die Anbieter einer Region sich entsprechend neu sortieren und aus Eigeninteresse enger vernetzen.

Und dies nicht nur zwischen Krankenhäusern, sondern noch mehr über alle Sektoren­grenzen hinweg. Schließlich dürfte die ab 2022 zu erwartende große Knappheit an Ressourcen die Gesundheitsanbieter enger „zusammenschweißen“.

DÄ: Welche Lehren kann man aus der Coronapandemie hinsichtlich der Krankenhaus­finanzierung ziehen?
Augurzky: Sowohl die ambulante als auch die stationäre Gesundheitsversorgung leiden unter eine Überbelastung. Sie rührt daher, dass wir in Deutschland – in Normalzeiten – eine hohe Zahl an Patienten bezogen auf die Einwohnerzahl haben. In der Corona­pandemie erleben wir gerade – ungewollt – wie es ist, wenn die Menge an Personal gleichbleibt, aber die Zahl der Patienten massiv zurückgeht.

Ich kann nicht in die vielen Krankenhäuser blicken. Mich würde interessieren, wie diese Entlastung, die am Anfang der Pandemie so nicht erwartet wurde, nun aufgenommen wird. Ich frage mich, ob wir einen solchen Zustand nicht auch in Normalzeiten erreichen können. Ich bin überzeugt davon, dass das Vergütungssystem der Schlüssel dazu ist.

So brauchen wir Vergütungsanreize zur Ambulantisierung der Medizin, aber gleichzeitig müssen wir auch die ambulante Versorgung entlasten, indem wir stärker auf digitale Angebote setzen.

Eine Idee sind regionale Gesundheitsbudgets vor allem in ländlichen Regionen, die sämtliche Gesundheitsangebote einer Region umfassen. Wenn ein Krankenhaus weniger stationäre Fälle, dafür aber mehr ambulante Fälle erbringt, soll es keinen wirtschaft­lichen Schaden davon haben.

Im Falle einer Pandemie, die eine schnelle Umschichtung der Angebote erforderlich macht, wäre in diesem Fall auch kein Rettungsschirm nötig, weil das bestehende Budget einfach für andere, pandemiespezifische Leistungen genützt würde. Allerdings haben regionale Gesundheitsbudgets auch Nachteile, die berücksichtigt werden müssen. Eine Diskussion dazu würde hier aber den Rahmen sprengen. © fos/aerzteblatt.de

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