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Ärzteschaft

Schwangerschafts­abbrüche: Nachwuchsmangel ist nicht das Grundproblem

Mittwoch, 15. Juli 2020

/megaflopp, stock.adobe.com

Berlin – Junge Mediziner stellen infrage, ob ein Mangel an Nachwuchs tatsächlich das Grundproblem von drohenden Versorgungslücken bei der Durchführung von Schwanger­schaftsabbrüchen ist.

Hierarchische Strukturen an Universitätskliniken würden mitunter eine größere Rolle spielen, sagte Cecilie Helling, Bundeskoordinatorin der AG Sexualität und Prävention der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), dem Deutschen Ärzteblatt.

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Hier würde die Entscheidung gegen die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen ohne medizinische Indikation teils in den Chefetagen getroffen – unabhängig von der Anzahl verfügbarer Ärzte mit entsprechender Qualifikation.

Helling kommentierte damit eine Idee der Baden-Württembergischen Grünen-Politikerin Bärbl Mielich. Diese hatte in der vergangenen Woche in einem Interview erklärt, prüfen zu wollen, ob man an den Unikliniken des Bundeslandes die Neueinstellung von Ärzten von deren Bereitschaft zur Durchführung von Abbrüchen abhängig machen könnte, um sich andeutenden Versorgungsengpässen zu begegnen.

Nach deutlicher Kritik vom Koalitionspartner CDU, aber auch aus den eigenen Reihen, zog die Politikerin das Vorhaben wieder zurück. Auch die bvmd bewerte den Vorschlag als „höchst bedenklich“, so Helling. Die Freiwilligkeit der Mitwirkung an einem Schwanger­­­schaftsabbruch sei als hohes Gut zu wahren.

Mielich hatte in dem Interview erklärt, viele Mediziner, die heute noch Abbrüche durch­führten, seien 60 Jahre und älter, es würde kaum Nachwuchs folgen. Es sei unklar, ob die Nachwuchskräfte das Problem vielleicht gar nicht sähen, aus ethischen Gründen nicht wollten oder ein schlechtes Image fürchteten.

Der Bedarf, die flächendeckende und wohnortnahe Versorgung durch ambulante und stationäre Einrichtungen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, sicherzustellen, sei jungen Medizinerinnen und Medizinern durchaus bewusst, so Helling. Die möglichen Ur­sa­chen, aus denen Nachwuchs im Bereich der Schwangerschaftsab­brü­che fehlen könnte, sieht sie woanders.

„Schwangerschaftsabbrüche werden während der medizinischen Ausbildung standortab­hängig stark unterschiedlich und teilweise klar unzureichend gelehrt“, so die bvmd-Ver­treterin. So werde der Zugang zu qualitativ hochwertigen Informationen für zukünftiges Fachpersonal und damit indirekt auch der Zugang zu sicheren Eingriffen für Frauen stark erschwert.

„Im Studium der Medizin braucht es obligatorische, unvoreingenommene Informations­ver­mittlung über Schwangerschaftsabbrüche, basierend auf dem neuesten Stand der Wissenschaft. Dies umfasst sowohl die theoretischen Hintergründe, die ethische Debatte, als auch die Lehre zu den verschiedenen Durchführungsmethoden“, erläuterte Helling die Forderungen der bvmd.

Einen weiteren wesentlichen Grund, aus dem Nachwuchsärzte sich gegen die Durchfüh­rung von Schwangerschaftsabbrüchen entscheiden, sieht Helling in der Diffamierung durch Abtreibungsgegner. „Hier fordert die bvmd politische Unterstützung für Betrof­fene.“ Die öffentliche Debatte sei geprägt von Tabuisierung und Stigmatisierung.

Um diesen Tendenzen entgegenzuwirken, sei eine Entkriminalisierung der medizinisch professionellen Bereitstellung und Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen von großer Bedeutung. Zudem müssten aus Sicht der bvmd die Sachlichkeit der Debatte ge­wahrt und Aufklärungskampagnen mit objektiven Informationen gestärkt werden. © alir/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #864488
Amelie.Kolandt
am Samstag, 9. Januar 2021, 18:18

Charité-Studie zur Versorgungssituation bezüglich Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland

Für eine Promotionsstudie an der Charité im Fach Humanmedizin werden Gesprächspartner_innen aus der Gynäkologie gesucht. Ziel der Arbeit ist es, persönliche Einstellungen und Werthaltungen zum Schwangerschaftsabbruch in Ausbildung und Berufspraxis zu untersuchen. Die Daten sollen Aufschluss geben über Ausbildungs- und Versorgungssituation, mögliche Hindernisse, Problemlagen und Herausforderungen, die sich beim Zugang zur Versorgung gegenwärtig wie künftig stellen.
Um ein möglichst ausgewogenes Bild erfassen zu können, werden sowohl Gynäkolog_innen aus städtischen als auch aus ländlichen Gebieten gesucht und unabhängig davon, welche Einstellung sie zum Thema Schwangerschaftsabbruch haben bzw. davon, ob sie selbst Abbrüche durchführen.
Die Veröffentlichung gemachter Angaben erfolgt anonymisiert. Persönliche Daten, einschließlich Kontaktdaten werden nicht an Dritte weitergegeben.
Das Gespräch findet am Telefon statt und dauert je nach zeitlichen Möglichkeiten der interviewten Person 30-60 Minuten.
Bei Interesse melden Sie sich bitte unter amelie.kolandt@charite.de.
Anbei finden sich weitere Details zum Studiendesign.

Gegenstand und Ziel der Arbeit
Ziel dieser Arbeit ist es, in Expert_innen-Interviews mit Ärzt_innen und Berater_innen persönliche Einstellungen und Werthaltungen zum Schwangerschaftsabbruch in Ausbildung und Berufspraxis zu untersuchen. Die qualitative Datenbasis gibt aus der Sicht professioneller Akteure Aufschluss über Ausbildung- und Versorgungssituation, mögliche Hindernisse, Problemlagen und Herausforderungen, die sich beim Zugang zur Versorgung gegenwärtig wie zukünftig stellen.
Derzeit keine Primär- oder Sekundärhypothesen, da Zweck der Durchführung der Studie unter anderem Hypothesengewinnung ist.
[...]

Bedeutung der Studie
Zugang, Versorgung, psychosoziale Situation und Unterstützungsbedarf von Frauen mit ungewollter Schwangerschaft sind für Deutschland immer noch ungenügend erforscht. Diesen Forschungsbedarf hat auch das Bundesministerium für Gesundheit erkannt und am 9.9.2019 eine Förderrichtlinie veröffentlicht.
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/B/Bekanntmachungen/190911_Bekanntmachung_Foerderung_Forschungsvorhaben.pdf
Neben dem Mangel an quantitativen, deutschlandweiten sowie regionsspezifischen Daten über die psychosoziale Situation der betroffenen Frauen, gibt es zudem wenig Forschung über die Professionsgruppe, welche als Ärzt_innen Schwangerschaftsabbrüche durchführen, bzw. verweigern sowie als Berater_innen involviert sind. Zugang, Versorgung sowie Unterstützungsbedarf wird jedoch entscheidend von den Einstellungen, den Werthaltungen und dem Vorwissen dieser Personengruppe beeinflusst. Durch qualitative Interviews möchte das Dissertationsprojekt diese Forschungslücke schließen.
Dass in Deutschland diesbezüglich ein Forschungsbedarf besteht, lässt sich bspw. anhand der bei PubMed abrufbaren Veröffentlichungen ablesen. Eine entsprechende Suche ergab am 19.10.2019 eine Anzahl von 110 Veröffentlichungen aus den Jahren 1975 bis 2019, wovon sich nach händischer Durchsicht nur eine explizit mit Zugang bzw. Versorgung bezüglich Schwangerschaftsabbrüchen beschäftigt (Helfferich, C. Reproduktive Gesundheit. Eine Bilanz der Familienplanung in Deutschland, 2013 online unter https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs00103-012-1603-3.pdf)
[...]

Untersuchungsmethodik
Es werden semi-strukturierte qualitative Expert_inneninterviews mit Ärzt_innen (N = 10) und Berater_innen in Schwangerschaftsberatungsstellen (N = 10) durchgeführt. Die Interviews dauern 1-2 Stunden und werden größtenteils telefonisch durchgeführt.
[...]

Abbruchkriterien
Die Interviewpartner_innen können auch nach einmal gegebener Einwilligung jederzeit das Interview selbständig abbrechen oder ihre Einwilligung zur Auswertung des Interviews nach Beendigung des Interviews zurückziehen. Die Tonaufnahmen werden sodann gelöscht, bzw. die bereits erfolgten Transkriptionen vernichtet.
[...]

Ein-/ Ausschlusskriterien
Eingeschlossen werden Personen, die einen Facharztabschluss in Frauenheilkunde und Geburtshilfe und/oder Allgemeinmedizin haben oder sich in Weiterbildung in diesen Fachbereichen befinden und/ oder als Berater_in in einer Schwanger­schafts­konflikt­beratungs­stelle arbeiten.
Ausgeschlossen werden Ärzt_innen anderer Fachbereiche und Berater_innen, die in Beratungsstellen tätig sind, die nicht zur Ausstellung der nach § 219 StGB erforderlichen Beratungsbescheinigung befugt sind.
[...]

Datenschutz
Alle über die Studienteilnehmer_innen erhobenen und gespeicherten Daten werden vertraulich behandelt. Zum Schutz werden folgende Aspekte eingehalten:
– Kontakt mit (potentiellen) Interviewpartner_innen ausschließlich über Charité-Emailadresse und ausschließlich mit der Autorin der Studie
– Keine Nennung personenbezogener Daten in der Studie– Anonymisierung bzw. Pseudonymisierung der in den Interviews gemachten Angaben
– Durchnummerierung der Proband_innen in chronologischer Reihenfolge
– Speicherung der Audiodateien auf passwortgesichertem Rechner bzw. Festplatte
– Speicherung und Sicherung der Transkripte auf passwortgesichertem Rechner bzw. Festplatte
Avatar #746502
Csoeris
am Donnerstag, 16. Juli 2020, 07:50

Entscheidung bei der Frau belassen

Jede Frau soll selbst über Ihre Schwangerschaft entscheiden dürfen und wir als Ärzte sind ausschliesslich dafür da diese Entscheidung zu akzeptieren. Es gibt Situationen und Männer mit denen und in denen ein Kind unvorstellbar sind. Das Grundrecht über seinen Körper und über eine Schwangerschaft selbst entscheiden zu können sollten wir den Frauen nicht nehmen.
Avatar #833365
HartmutSteeb
am Mittwoch, 15. Juli 2020, 20:27

Mangel an Möglichkeiten zum Schwangerschaftsabbruch?

Seit wann haben Ärzte die Aufgabe Leben zu beenden? Angehenden Ärzten wäre eher zu vermitteln, dass es beim ärztlichen Ethos bleiben muss, Leben zu erhalten und zu fördern.
Warum redet Frau Helling von einer Diffamierung von Abtreibungsgegnern, wo es doch tatsächlich um eine Diskriminierung ungeborener Kinder geht mit oft tödlichem Ausgang?
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