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Politik

Kinderarmut trifft Millionen – Corona neues Risiko

Mittwoch, 22. Juli 2020

/Aleksey, stock.adobe.com

Gütersloh – Kinderarmut bleibt einer Analyse zufolge mit dramatisch hohen Zahlen eine „unbearbeitete Großbaustelle“ und könnte sich durch Corona noch weiter verschärfen. Rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche wachsen in Armut auf. Das sind 21,3 Prozent aller unter 18-Jährigen, wie die Bertelsmann Stiftung heute berichtete.

„Seit Jahren ist der Kampf gegen Kinderarmut eine der größten gesellschaftlichen He­raus­forderungen in Deutschland.“ Dennoch gebe es seit 2014 im bundesweiten Durchs­chnitt wenig Verbesserungen. Die Untersuchung legt eine kombinierte Armutsmessung zugrunde. „Das hat den Vorteil, dass wir auch verdeckte Armut mit aufzeigen können und uns niemand durchs Raster fällt“, sagte Projektmitarbeiterin Sarah Menne.

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Es werde die relative Einkommensarmut berücksichtigt – also Kinder aus Familien, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte beträgt. Und auch Heranwachsende im Grundsicherungsbezug sind einbezogen, deren Familien Hartz IV erhalten.

Kinder- und Jugendarmut verharre trotz langer guter wirtschaftlicher Entwicklung auf hohem Niveau, so die Stiftung. Mit erheblichen Folgen für Wohlbefinden, Aufwachsen, Bildung und Zukunftschancen, sagt Bildungsexpertin Anette Stein. Es trifft mehr als jeder fünften Heranwachsenden – mit starken regionalen Unterschieden.

Um diese darzustellen, eignet sich laut Stiftung die kombinierte Armutsbetrachtung aller­dings nicht, für regionale Vergleiche schaue man alleine auf den Grundsicherungsbezug: Danach lebten 2019 bundesweit 13,8 Prozent der Kinder in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaf­ten.

In Westdeutschland stagniere die Quote – sie lag 2019 bei 13,1 Prozent (2014: 12,9 Pro­zent). Im Osten gab es seit 2014 (22,1 Prozent) zwar einen deutlichen Rückgang, aber immer noch sind es hohe 16,9 Prozent. Auf kommunaler Ebene habe Gelsenkirchen die bundesweit höchste Zahl: Dort seien 41,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen.

Schlechte Lage in Bremerhaven und Wilhelmsaven

In Bremerhaven (35,2) und Wilhelmshaven (33,8) werden ebenfalls besonders viele junge Menschen in armen Verhältnissen groß, gefolgt von den Ruhrgebietsstädten Herne, Duis­burg, Mönchengladbach und Dortmund mit mehr als 30 Prozent. Nach Bundesländern sieht es demnach in Bremen (31,3 Prozent) und Berlin (27,0) besonders ungünstig aus, in Bayern (6,3) und Baden-Württemberg (8,1) am besten.

Vor allem bei Freizeitgestaltung und sozialer Teilhabe bestehe eine starke Unterversor­gung, sagt Stein. „Armut ist das größte Risiko für die Entwicklung von Kindern, zumal sie oft lange anhält oder die gesamte Kindheit andauert.“

Was bewirkt Corona? Es sei mit einem deutlichen Armutsanstieg zu rechnen. „Hinweise sind Rückgänge bei Minijobs, Teilzeitjobs, irregulärer Beschäftigung, die gerade Eltern benachteiligter Kinder häufig ausüben, vielfach alleinerziehende Mütter“, erklärte Menne. Sie seien unter den Ersten, die ihre Arbeit verlieren, die wenig oder kein Kurzarbeitergeld erhalten. Es komme jetzt auf die richtige Weichenstellung an.

„Es gibt zwei Möglichkeiten: In der Coronakrise bleibt die Bekämpfung der Kinderarmut auf Feuerlöscharbeiten beschränkt – ohne nachhaltige Verbesserungen“, sagt Menne. Oder Corona wirke wie ein Brennglas, schärfe den Blick auf die ungelöste Benachteili­gung, und der politische Wille für strukturelle Änderungen nehme Fahrt auf. Coronabe­dingtes Homeschooling habe immerhin schon mal die schlechte Ausstattung ar­mer Kin­der verdeutlicht.

Jeder vierte Heranwachsende aus einkommensarmen Familien habe zuhause keinen in­ter­netfähigen PC. Die Hälfte der Kinder lebe in einer Wohnung ohne genügend Zimmer. Stiftungs-Vorstand Jörg Dräger verlangt ein Teilhabegeld oder eine eigene Grundsiche­rung, die alle Leistungen für Kinder bündele. Die Höhe solle vom Elterneinkommen ab­hängig sein, damit das Geld die wirklich Bedürftigen erreiche, erläutert Anette Stein. Kinder gehörten nicht ins Hartz-IV-System.

Unterstützung für den Vorstoß kommt von Verbänden. Das derzeitige Nebeneinander ver­schiedener Leistungen für Kinder sei „undurchschaubar und ungerecht“, meint die Diako­nie. Das Kinderhilfswerk plädiert zusätzlich für einen Sonderfonds für Bildungspro­gram­m­e.

Auch die Bundestagsfraktionen von Linke, SPD und Grünen mahnen eine Kindergrundsi­cherung an. Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch wirft Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angesichts der seit Jahren anhaltend hohen Zahlen ein „schwerwiegendes Ver­säum­nis“ vor. Der Sozialverband VdK betont: „Der Staat ist am Zug.“

Die Bertelsmann Stiftung in Gütersloh kündigt eine monatelange Kampagne „#Stoppt­Kinderarmut“ in den sozialen Medien an. Familienexpertin Antje Funcke sagt: „Wir müss­en von der Jugend selbst hören, was es heißt, arm zu sein und was die Gesell­schaft ihnen zur Verfügung stellen sollte.“ Und: „Obwohl Kinder nichts für die finanzielle Lage ihrer El­tern können, ist Armut bei ihnen oft mit Scham- und Schuldgefühlen besetzt. Wir müssen also auch ermutigen und Armut enttabuisieren.“

Regierung weist Vorwürfe von sich

Die Bundesregierung wies heute die Vorwürfe zurück, nicht genug gegen Kinderarmut zu tun. Man gehe mit ganz vielen Maßnahmen dagegen vor, sagte eine Sprecherin des Bun­desfamilienministeriums.

Sie verwies unter anderem auf den Kinderzuschlag, eine Leistung für Familien mit gerin­gen Einkommen. Der Zugang dazu sei erweitert worden und die Zahl der Empfänger deut­lich gestiegen. „Das sind Daten, die nicht in diese Bertelsmann-Erhebung eingefloss­en sind.“

Die Bundesregierung habe in dieser Legislaturperiode zahlreiche Maßnahmen getroffen, um die Situation von Familien zu verbessern, sagte die stellvertretende Regierungsspre­cherin Ulrike Demmer. Sie nannte steuerliche Entlastungen für Familien und Alleinerzie­hende und auch Maßnahmen in der Coronakrise, wie den Kinderbonus. Die Armutsquote in Deutschland sei grundsätzlich rückläufig. © dpa/aerzteblatt.de

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