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Medizin

Tönnies: SARS-CoV-2 wurde in klimatisierten Arbeitsbereichen übertragen

Donnerstag, 23. Juli 2020

/industrieblick, stock.adobe.com

Rheda-Wiedenbrück – Der SARS-CoV-2-Ausbruch im Unternehmen Tönnies in Rheda-Wie­denbrück wurde von einem einzelnen Arbeiter ausgelöst. Die Infektion weiterer Mit­ar­beiter erfolgte nicht, wie bisher angenommen, in den Unterkünften der Wanderarbeiter, sondern höchstwahrscheinlich am Arbeitsplatz. Dies zeigen die Ergebnisse einer Untersu­chung, die auf der Preprint-Plattform „SSRN“ veröffentlicht wurden.

Schlachtunternehmen haben sich in den vergangenen Monaten zu „Hotspots“ von SARS-CoV-2-Ausbrüchen entwickelt. Im Juni traf es auch die Firma Tönnies. Im Hauptwerk des größten Fleischverarbeitungskomplexes Deutschlands sollten sich am Ende 1.413 von 6.139 Personen mit SARS-CoV-2 infiziert haben. Als Ursache wurde in der Öffentlichkeit die Wohnsituation der Beschäftigten genannt. Die Wanderarbeiter sind zu mehreren in engen Apartments untergebracht, wo es kaum möglich ist, die notwendige soziale Dis­tanz zu wahren.

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Ein Team um Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig kommt jetzt jedoch zu einer anderen Erklärung. Die Forscher haben Gense­quenzen der bei den Arbeitern nachgewiesenen Viren ausgewertet. Dadurch konnten sie den Beginn der Epidemie rekonstruieren. Der Index-Patient B1 (dessen Identität nicht be­kanntgegeben wurde), hat sich zusammen mit seinem Kollegen B2 vermutlich bei Ange­stellten des Fleischunterneh­mens Westcrown in Dissen angesteckt, bei dem es zuvor zu einem Ausbruch gekommen war.

Die beiden Mitarbeiter B1 und B2 hatten sich bei den Managern in Rheda-Wiedenbrück gemeldet und von ihrem Kontakt berichtet. Beide Mitarbeiter wurden sogleich getestet (konnten allerdings bis zum Ergebnis am nächsten Tag noch weiter arbeiten, weil ihr Risi­ko als niedrig eingestuft wurde). Beide Mitarbeiter waren jedoch positiv und gingen in Qua­rantäne (wie auch ihre sechs Mitbewohner).

Entfernung ermittelt

Durch die Genom-Analyse konnten die Helmholtz-Forscher ermitteln, dass B1 aller Vo­raus­sicht nach den Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück ausgelöst hat. Das Virus wies acht Mutationen auf, die später bei den Viren aller weiteren Mitarbeiter der Frühschicht gefun­den wurden. Bei B2 gab es eine Abweichung, die später nicht mehr auftauchte. Damit schied B2 als Überträger aus.

Interessant ist die weitere Entwicklung des Ausbruchs. B1 arbeitete in der Frühschicht mit 147 Arbeitern, die meisten davon an einem festen Punkt der 32 Meter langen und 8,5 Meter breiten Halle. Die Forscher konnten die genaue Position des Infizierten und auch die der Arbeiter in der Umgebung ermitteln.

Sie fanden heraus, dass sich in den folgenden 3 Tagen überwiegend Mitarbeiter in der Um­gebung von 8 Metern von B1 infizierten. Eine ähnliche Häufung von Fällen in den Un­ter­künften, Schlafräumen oder PKW-Parkplätzen konnten die Forscher nicht nachweisen, so dass sie das Infektionsrisiko hier als nachrangig einstufen. Dort könnte es einzelne se­kundäre Infektionen gegeben haben, schreiben sie, doch die Mehrzahl hat sich ihrer An­sicht nach wohl am Arbeitsplatz infiziert.

Eine Rolle könnten dabei die Klimageräte gespielt haben, die von der Decke kalte Luft in die Halle bliesen, die dann von Ventilatoren weitergeleitet wurde. Die Klimageräte hätten die Halle effektiv in Zonen aufgeteilt, in denen die Luft ständig umgewälzt wird.

Die Arbeiter waren demnach mehrfach der virushaltigen Luft ausgesetzt. Die geringe Frischluftzufuhr in der gekühlten Halle könnte nach Ansicht der Forscher ebenfalls an der hohen Infektionsrate beteiligt gewesen sein. Auch die körperlich anstrengende Arbeit könnte durch eine vermehrte Atmung das Infektionsrisiko ebenfalls gesteigert haben.

Einen Monat nach der ersten kam es dann in der Anlage zu einer zweiten Welle. Die Ge­nom-Analyse von einzelnen Abstrichen ergab, dass es sich um das gleiche Virus wie beim Index-Patienten B1 handelte.

Der Bonner Hygiene-Professor Martin Exner hatte die Luftumwälzung als einen mögli­chen Faktor für die Virus-Ausbreitung benannt, nachdem er die Arbeitsbedingungen vor Ort im Werk analysiert hatte. Tönnies hat daraufhin neue Filteranlagen installiert, um das Verteilen des Virus über die Luft zu unterbinden.

Exner hatte Mitte Juni zudem vermutet, dass auch die Wohnsituation der Arbeiter eine Rolle spielen könne. Die Forscher aus Hamburg und Braunschweig dagegen betonten nun, dass die Wohnsituation der Werksarbeiter während der untersuchten Phase keine wesentliche Rolle gespielt habe.

„Unsere Studie beleuchtet SARS-CoV-2-Infektionen in einem Arbeitsbereich, in dem ver­schiedene Faktoren aufeinandertreffen, die eine Übertragung über relativ weite Distan­zen ermöglichen“, sagte Melanie Brinkmann, Professorin und Forschungsleiterin am HZI in Braunschweig. Es stelle sich nun die wichtige Frage, unter welchen Bedingungen Über­tragungsereignisse über größere Entfernungen in anderen Lebensbereichen möglich seien.

Adam Grundhoff, Mitautor der Studie, sagte mit Blick auf das Ergebnis: „Damit ist ein Superspreader für den Ausbruch bei Tönnies gefunden.“ Auch sei nachgewiesen worden, dass die bei Tönnies gefundenen Virussequenzen zuvor in einem Werk einer Westfleisch-Tochter in Dissen in Niedersachsen auch eine Rolle gespielt habe, sagte der Professor.

„Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bedingungen des Zerlegebetriebs – also die niedrige Temperatur, eine geringe Frischluftzufuhr und eine konstante Luftumwäl­zung durch die Klimaanlage in der Halle, zusammen mit anstrengender körperlicher Ar­beit – die Aerosolübertragung von SARS-CoV-2-Partikeln über größere Entfernungen hinweg förderten“, sagte Grundhoff.

Tönnies-Sprecher André Vielstädte berichtete, dass sich die Zahl der gefundenen Infektio­nen von der Rinderzerteilung über die Sauen- und später die Schweinezerteilung ausge­breitet habe. Das hätte die eigene Reihentestung gezeigt. Zwar würden die Arbeiter nicht in den unterschiedlichen Bereichen durchmischt eingesetzt. „Aber die Bereiche liegen in der Fabrik nah beieinander“, erklärte Vielstädte. Die Arbeiter würden sich in den Gängen auf dem Weg zur Arbeit und in den Sozialräumen begegnen. © rme/dpa/aerzteblatt.de

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