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Ärzteschaft

„Diagnostische Verfahren nicht ohne einen entsprechenden Anlass anwenden“

Dienstag, 28. Juli 2020

Berlin – Wann muss auf SARS-CoV-2 getestet und in welchem Umfang? Diese Frage be­schäftigt Politk und Medien seit Wochen. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat Ende Juni kostenfreie PCR-Tests für jedermann eingeführt.

5 Fragen an Michael Müller, 1. Vorsitzender ALM – Akkreditierte Labore in der Medizin

DÄ: Sie kritisieren die Möglichkeit zu anlasslosen Tests auf SARS-CoV-2. Warum?
Michael Müller: Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat zusammen mit dem Robert-Koch-Institut Anfang Juni eine umfassende und breit angelegte nationale Test­stra­tegie erarbeitet.

Wichtiger Bestandteil dabei ist die anlassbezogene breite und niedrigschwellige Testung auch asymptoma­tischer Personen, um das übergeordnete Ziel der erfolg­reichen Pandemieeindämmung über die möglichst frühe Erfassung und Testung von symptomatischen sowie asym­ptomatischen Infizierten, die ebenso rasche Iden­tifikation und Testung der Kontaktpersonen zur Unterbrechung der Infektionsketten und den Schutz von vulnerablen Gruppen zu erreichen.

Hierbei kann dann auch eine Ausweitung der Tests im Rahmen von größeren Ausbrüchen – wie zum Beispiel in Rheda-Wiedenbrück/Gütersloh – sinnvoll und richtig sein, um das Übergreifen der Infektion von einem Ausbruchsgeschehen in die Bevölkerung der betroffe­nen Region zu untersuchen.

Das macht Sinn und ist aus unserer Sicht auch ein effizienter Einsatz der bestehenden Testkapazitäten in unseren Facharztlaboren. Die Abstrichentnahme und Durchführung eines PCR-Testes „einfach so“, das heißt ohne irgendeinen Anlass, ist weder medizinisch-fachlich noch epidemiologisch von Nutzen. Es ist eine Grundregel in der Medizin, dass diagnostische Verfahren nicht ohne einen entsprechenden Anlass angewendet werden sollten.

Aufgrund der hohen Zahl der Tests, die hier in Betracht kommen können, ist das auch keine sinnvolle Verwendung der Ressourcen, denn es besteht ja kein Grund, „komme, was da wolle“, nun jede Woche die gesamten Testkapazitäten auszunutzen.

Diese sind entwickelt worden und werden nun vorgehalten, um analog der Situation auf den Intensivstationen, im Falle einer deutlichen Zunahme des Infektionsgeschehens gut und sicher vorbereitet zu sein, besondere kurzfristige „Spitzen“ im Testgeschehen, wie zum Beispiel in Rheda-Wiedenbrück/Gütersloh, abzufangen und zudem die bereits ange­sprochene nationale Teststrategie umzusetzen. Dass sich hier jetzt mancherorts „Exper­ten“ veranlasst sehen, diese Testkapazitäten nach eigener Vorstellung zu verplanen, ist nicht so recht nachvollziehbar.

Das „Einfach-So-Freitesten“ von Reiserückkehrern mit Aufhebung der Quarantäne­ver­­pflich­tung bei negativem Ergebnis ist ein nicht-kalkulierbares Risiko. Anlasslose Tests wiegen Bürger und Bürgerinnnen in falscher Sicherheit, wie die ersten Beispiele zeigen. Ein „negativer“ Test ist nur eine Momentaufnahme. Als Reaktion darauf jetzt einfach „zwei Tests“ im Abstand weniger Tage zuzusagen, verkennt die Fakten.

Es ist sicher richtig und auch sehr wichtig, besorgten Bürgern ein leicht zugängliches An­gebot zur SARS-CoV-2-Diagnostik zu machen. Das besteht allerdings schon seit Wochen. Noch wichtiger ist, dass die Bürger sich an die AHA-Regel (Abstand, Hygiene, Alltags­mas­ke) halten und bei den ersten Symptomen, mögen diese auch unklar ein, eine Teststelle oder Ihren Hausarzt aufsuchen.

Das gilt auch im Falle von Kontakten mit etwaigen Infizierten. Diese Regelt gilt immer, nicht nur für Reiserückkehrer. Der Zeitpunkt des Testes sollte entsprechend der Inkubati­onszeit nach dem letzten potenziellen Risikokontakt bestimmt werden.

DÄ: Wie bewerten Sie die Teststrategien des Bundes beziehungsweise der Länder? Was ist noch zu verbessern?
Michael Müller: Es ist sehr zu begrüßen, wenn sich Bund und Länder in den wichtigen Grundzügen der Teststrategien abstimmen und gemeinsame Rahmenbedingungen verein­baren, denn weder kennt SARS-CoV-2 Ländergrenzen noch ist es für die Bevölkerung nachvollziehbar, wenn es hier qualitative Unterschiede zwischen den Bundesländern gibt.

Dabei sollte auch nicht das Prinzip „mehr ist in jedem Fall besser“ herrschen, sondern stets die Fokussierung auf das übergeordnete Ziel der Pandemieeindämmung im Blick behalten werden.

Zu einer erfolgreichen Teststrategie gehört die Möglichkeit der Umsetzung. Hier leisten die fachärztlichen Labore mit den hohen Investitionen in die Bereitstellung und Vorhal­tung international breit anerkannter sehr hoher Testkapazitäten, und das flächen­deckend und wohnortnah, eine enorme Anstrengung.

Insbesondere den Mitarbeitern in den Laboren, die seit Februar tagtäglich auch an Wochenenden und Feiertagen bis spät in den Abend hinein diese wichtige Arbeit leisten, sind ein großer Dank und Anerkennung auszusprechen.

Selbst mit den modernsten Gerätesystemen und der teilweise möglichen Automatisation ist die Bewältigung dieser großen diagnostischen Herausforderung ohne die MTLA, Wissenschaftler und alle anderen Kollegen in den Facharztlaboren nicht denkbar.

Die Teststrategien von Bund und Ländern sollten im Blick haben, dass die Testkapa­zitäten nicht beliebig gesteigert werden können und dass die PCR-Untersuchung eine komplexe Leistung ist, die nur in den fachärztlich verantworteten Laboren den geltenden Ansprüchen an eine gute Medizin aus und mit dem Labor gerecht werdend gewährleistet werden kann. Nur hier gelten die für eine gute Patienten- und Versichertenversorgung bestehenden Regeln der ärztlichen Berufsordnung, der Qualitätssicherung und auch der ärztlichen Sorgfaltspflicht.

Der Anspruch der Versicherten und Patienten auf eine verfügbare ärztliche Behandlung, zu der ohne Zweifel auch die ärztlich verantwortete Diagnostik der SARS-CoV-2-Infektion mittels PCR gilt, sollte weder durch nicht-ärztliche noch durch industrielle Angebote unterlaufen werden können.

Eher ist es richtig und im Sinne der Pandemieeindämmung erfolgversprechend, wenn die nationale Teststrategie überall und konsequent umgesetzt wird und gleichzeitig über die rasche Umsetzung der Digitalisierung des elektronischen Meldewesens auch die Daten­grundlagen für eine umfassende tagesaktuelle Lageeinschätzung geschaffen werden. Hier beteiligen sich die Mitglieder des ALM proaktiv und unterstützen zudem seit Anfang März durch eine bundesweite und etwa 90 Prozent des gesamten Testgeschehens um­fassende wöchentliche Datenerhebung.

DÄ: Wie ist der aktuelle Stand bei der digitalen Übertragung der Testergebnisse von den Laboren zur Corona-Warn-App?
Michael Müller: Hier laufen aktuell die Arbeiten in der konkreten Umsetzung der Anbin­dung der Labore an das System unter Hochdruck. Zeitnah soll neben dem System der Telekom auch die technische Umsetzung mittels der IT-Lösung der kv.digital möglich werden. Das ist sehr zu begrüßen, da so eine noch größere Breite in der Anwendung und damit erfolgreichen Anbindung erreicht werden kann. Zudem gilt es, die Krankenhäuser aktiv mit einzubeziehen.

Wichtig erscheint es uns, an dieser Stelle dazu aufzurufen, bei der Beauftragung der PCR-Untersuchung in den Laboren mit den neu eingeführten Musterbelegen 10C und ÖGD darauf zu achten, dass die zu untersuchenden Person darüber informiert wird, dass nur und ausschließlich bei Markierung des entsprechenden Feldes auf dem Anforderungs­schein uns Laboren die Übertragung des Befundes erlaubt ist. Wir nehmen wahr, dass es hier noch mehr an Aufklärung und Information bedarf.

DÄ: Welche Unterstützung seitens der Politik fehlt der Labormedizin zur Bewältigung der Coronapandemie noch?
Michael Müller: Wir sind der Politik und insbesondere den Verantwortlichen in der Ge­sund­heitspolitik sehr dankbar, dass sie so früh in der SARS-CoV-2-Pandemie die Bedeu­tung der umfassenden und qualitätsgesicherten fachärztlichen Diagnostik erkannt und unterstützt haben.

Das fängt bei der sehr frühen Entscheidung zur Aufnahme der Diagnostik in den EBM zum 1. Februar 2020 an, setzt sich über die aktive Unterstützung bei Beschaffungs­fragen fort und findet sich zuletzt auch darin, dass es eine hohe und ehrliche Wertschätzung der in den Facharztlaboren geleisteten Arbeit durch die Politik gibt.

Zudem hat man im Blick, dass wir im kommenden Herbst und Winter neben der weiter bestehenden Herausforderung zur Bewältigung der COVID-19-Pandemie auch wieder die „normale“ Grippe- und Erkältungswelle zu bewältigen haben.

Wir wünschen uns, dass die Politik die seitens der Labore unternommenen Anstreng­un­gen zur weiteren Bewältigung der Pandemie weiterhin anerkennt und hier für den Fall der Notwendigkeit auch die entsprechenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schafft, damit für die Fachärzte im Labor eine ausreichende Planungssicherheit erreicht werden kann.

DÄ: Was erwarten Sie für die kommende Grippesaison? Müssen die Testkapazitäten hier anders strukturiert beziehungsweise der Zugang dazu anders organisiert werden?
Michael Müller: Wir erwarten in der kommenden Grippesaison eine deutliche Zunahme der parallelen Untersuchung von Proben auf SARS-CoV-2, Influenzaviren und auch weite­ren wichtigen Erregern der Atemwegsinfektionen, wie es schon im März 2020 der Fall war.

Vermutlich werden die Leistungsmengen hier noch einmal höher sein, denn wir wissen ja um die differenzialdiagnostisch schwierige Abgrenzung der verschiedenen Erkrankungen. Da es im Herbst/Winter darauf ankommen wird, durch eine weiterhin breite und um­fass­end angelegte Diagnostik die SARS-CoV-2-Pandemie weiterhin eingegrenzt zu halten, sehen wir hier doch ein sehr hohes Leistungsgeschehen auf uns zukommen.

Die fachärztlichen Labore bereiten sich schon jetzt in der Breite darauf vor, indem sie die apparativen Ausstattungen anpassen und ergänzen, weiteres Fachpersonal einstellen, entsprechend schulen und die sonstigen Prozesse durch verstärkte Digitalisierung an­passen.

Seitens der IVD-Hersteller werden Testsysteme entwickelt, die eine gleichzeitige Untersu­chung einer Abstrichprobe auf SARS-CoV-2 und Influenzaviren möglich macht. Das wäre eine wichtige Unterstützung.

Es wäre auch wichtig und medizinisch sinnvoll, wenn die Möglichkeit zur Mehr-Erreger­diagnostik in ausgewählten Fällen mit der Multiplex-PCR - hier wird in einer Probe in einem Untersuchungsgang auf das Vorhandensein von mehreren Viren und/oder Bakteri­en hin untersucht – im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) für die GKV-Versicherten geschaffen würde.

Erfahrungen und Studien, insbesondere bei Kindern, belegen den Nutzen für die Versor­gung bei einem solchen Vorgehen. Es erscheint ebenfalls sinnvoll, wenn die SARS-CoV-2-Diagnostik in die bestehenden Symptom-getriggerten Sentinel-Projekte für akute Atem­wegsinfektionen, zum Beispiel bei Kindern, mit aufgenommen würde, da hier über die bestehende Arbeitsgemeinschaft Influenza weitergehende wichtige Erkenntnisse ge­wonnen werden können.

Die nationale Teststrategie sieht insgesamt entsprechend der vorhandenen Testkapazitä­ten eine Priorisierung der Veranlassung der SARS-CoV-2-Diagnostik vor. Diese Priorisie­rungszuordnung ist entsprechend der Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse und der voranschreitenden SARS-CoV-2-Infektion in der Bevölkerung anzupassen. Insgesamt ist sie eine wichtige und umfassende Darstellung und kann allen Verantwortlichen eine wichtige Orientierungshilfe sein.

© mis/aerzteblatt.de
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