NewsMedizinBluttest erkennt Morbus Alzheimer bis zu 20 Jahre vor ersten kognitiven Störungen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Bluttest erkennt Morbus Alzheimer bis zu 20 Jahre vor ersten kognitiven Störungen

Mittwoch, 5. August 2020

/jarun011, stock.adobe.com

Lund und St. Louis – Ein neuer Bluttest, der Bruchstücke des für die Erkrankung typi­schen Tau-Proteins nachweist, hat in 2 Studien einen Morbus Alzheimer ebenso zuver­lässig erkannt wie die derzeitigen Standardtests, die aufgrund ihrer Invasivität oder Kosten nicht als Screeningtest infrage kommen.

Die im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2020; DOI: 10.1001/jama.2020.12134) und im Journal of Experimental Medicine (2020; DOI: 10.1084/jem.20200861) vorgestellten Er­gebnisse könnten die Grundlage für eine Früherkennung der häufigen Demenzursache schaffen, die Abgrenzung von anderen degenerativen Erkrankungen erleichtern und die Suche nach effektiven Medikamenten fördern.

Beim Morbus Alzheimer kommt es zur Ablagerung von Beta-Amyloiden und Tau-Fibrillen im Gehirn. Fragmente dieser Proteine gelangen auch in den Liquor cerebrospinalis und mit dessen Resorption auch ins Blut. Seit einigen Jahren ist es möglich, die Erkrankung durch eine Liquoruntersuchung frühzeitig zu erkennen.

Mit Tracern, die an den Proteinen im Gehirn binden, ist auch eine Diagnose mit der Posi­tronen-Emissions-Tomografie (PET) möglich. Liquoruntersuchungen sind jedoch schmerz­haft und eine PET ist mit einem erheblichen apparativen Aufwand und damit auch mit hohen Kosten verbunden.

Es wird deshalb intensiv nach Markern gesucht, die die Diagnose mit einer einfachen Blutuntersuchung ermöglichen. Mit P-tau217 könnte jetzt erstmals ein zuverlässiger Blutmarker gefunden worden sein. Es handelt sich um ein Fragment des Tau-Proteins, bei dem an Position 217 an die Aminosäure Threonin eine Phosphorylgruppe angehängt ist.

Tau-Proteine lagern sich beim Morbus Alzheimer im Gehirn ab. Sie bilden dort die charakteristischen Tau-Fibrillen, die neben den Beta-Amyloiden ein histologisches Kennzeichen der Erkrankung sind.

Nach der Tau-Hypothese sind die Tau-Proteine sogar die Ursache der Erkrankung. Diese Ansicht wurde in den letzten Jahren populärer, weil bisher alle Versuche gescheitert sind, das Fortschreiten der Erkrankung durch einen Angriff auf die Beta-Amyloide zu verlang­samen.

Ein Team um Oskar Hansson von der Universität Lund in Schweden hat den neuen P-tau217-Bluttest an 3 Kohorten untersucht. Die erste Gruppe bestand aus 81 Teilneh­mern der „Arizona Study of Aging and Neurodegenerative Disorders“, die nach ihrem Tod ihre Gehirne der Forschung zur Verfügung gestellt hatten.

Bis zu 3 Jahre vor dem Tod waren bei den Teilnehmern Blutproben entnommen und tief­gefroren worden. Die zweite Kohorte bestand aus 522 Personen eines Patienten­registers aus Kolumbien, wo eine genetische Variante der Erkrankung (Mutation im PSEN1-Gen) verbreitet ist. Die dritte Gruppe bildeten 699 Teilnehmer der schwedischen BioFINDER-Studie, die eine Kohorte von zu Beginn kognitiv unauffälligen Senioren begleitet.

In allen 3 Kohorten hat sich der Nachweis von P-tau217 im Plasma als ein sensitiver und spezifischer Marker für die Diagnose eines Morbus Alzheimer erwiesen. In der Kohorte aus Arizona konnte durch die prämortale Blutuntersuchung vorhergesagt werden, ob nach dem Tod die histologischen Zeichen eines Morbus Alzheimer im Gehirn vorhanden waren.

Der Plasmawert von P-tau217 erreichte eine AUC („area under the curve“) von 0,89 (95-%-Konfidenzintervall 0,81 bis 0,97). P-tau217 übertraf damit P-tau181 (AUC 0,72), das ebenfalls als Blutmarker in der Diskussion ist. Neurofilament light (AUC 0,50) erwies sich als gänzlich ungeeignet. Die AUC kombiniert in der sogenannten ROC-Kurve Sensitivität und Spezifität. Ein AUC-Wert von 1 entspricht einer sicheren Diagnose, ein AUC-Wert von 0,5 ist ein reiner Zufallsbefund.

In der Kohorte aus Kolumbien hatten erkrankte Träger der PSEN1-Mutation signifikant höhere Plasmakonzentrationen von P-tau217 als die Nichtträger (16,8 versus 1,9 pg/ml). Ein Anstieg wurde auch bei noch nicht erkrankten Menschen mit PSEN1-Mutation gefunden. Er zeichnete sich bereits im Alter von 25 Jahren ab, etwa 20 Jahre vor dem Auftreten der ersten kognitiven Störungen.

Die besten Ergebnisse erzielte der neue Bluttest in der schwedischen BioFINDER-2-Kohorte. Die Übereinstimmung der Blutuntersuchung mit dem PET-Scan war mit einem AUC-Wert von 0,96 (0,93 bis 0,98) fast perfekt. Sie war den Blutmarkern P-tau181 (AUC 0,83) und Neurofilament light (AUC 0,67) und auch einer Magnetresonanztomografie (AUC 0,84 für Veränderungen in der Cortex-Dicke) überlegen und erreichte die gleichen AUC-Werte wie eine Liquoruntersuchung.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen Nicolas Barthélemy und Mitarbeiter von der Wa­shington University School of Medicine in St. Louis. Die Forscher untersuchten zunächst die Plasmawerte verschiedener Blutmarker bei 34 Personen, von denen 19 keine Amy­loid-Ablagerungen im PET aufwiesen, 5 Personen waren trotz Amyloid-Ablagerungen ohne kognitive Störungen und 10 waren bereits an einem Morbus Alzheimer erkrankt.

Wie in der schwedischen Studie korrelierten die Plasmawerte von P-tau217 am besten mit den Amyloid-Ablagerungen in der PET. Die Plasmawerte waren bei diesen Patienten 2- bis 3-fach höher als bei Personen ohne Amyloid-Ablagerungen in der PET. Die Ergeb­nisse konnten in einer zweiten Kohorte an 92 Patienten bestätigt werden mit einem AUC-Wert von 0,92 im Vergleich zum Amyloid-Status.

Die beiden Forschergruppen sind zuversichtlich, dass der Test sich für die Frühdiagnose des Morbus Alzheimer und die Unterscheidung von anderen degenerativen Hirnerkran­kungen eignet. Bevor der Test eingeführt wird, wollen die schwedischen Forscher ihn zunächst weiter verfeinern.

Die US-Forscher wollen ihn im Rahmen der „Study to Evaluate Amyloid in Blood and Imaging Related to Dementia“ (SEABIRD) an einer größeren Gruppe von 1.120 Personen erproben. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 5. August 2020, 19:20

Alzheimer-Bluttest ist "kalter Kaffee"!

Da publiziert die Crème de la Crème von Demenz-Forschern: "Dementia prevention, intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission" von Prof Gill Livingston et al. Published: July 30, 2020
DOI: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)30367-6
und weisen die Amyloid-beta- und Tau-Biomarker-Hypothesen eindeutig zurück: "Amyloid-ß and tau biomarkers indicate risk of progression to Alzheimer's dementia but most people with normal cognition with only these biomarkers never develop the disease."

Die Labor-"Fuzzis" zeigen dagegen nicht den Hauch von Selbstkritik, dass ihre im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2020; DOI:10.1001/jama.2020.12134) und im Journal of Experimental Medicine (2020; DOI:10.1084/jem.20200861) vorgestellten Er­gebnisse bei der Grundlage für eine Früherkennung der häufigen Demenzursachen reine Makulatur sind. Auch die Abgrenzung von anderen degenerativen Erkrankungen wird dadurch nicht erleichtert, und die Suche nach effektiven Medikamenten hat sich schon mehrfach über Amyloid-ß und Tau-Protein Hypothesen als Fehlschlag erwiesen.

Aber mit Labor- und Medikations-Phantasien lassen sich immer noch mehr Gelder und Forschungsmittel generieren, als mit Verstand und Augenmaß.

"Overall, a growing body of evidence supports the nine potentially modifiable risk factors for dementia modelled by the 2017 Lancet Commission on dementia prevention, intervention, and care: less education, hypertension, hearing impairment, smoking, obesity, depression, physical inactivity, diabetes, and low social contact. We now add three more risk factors for dementia with newer, convincing evidence. These factors are excessive alcohol consumption, traumatic brain injury, and air pollution."

Erfreulich, doch warum wird immer noch der protektiv wirksame, moderate(!) Alkoholkonsum verschwiegen?

Die erlesene Autorenschaft schlussfolgert, wenn sie eine Effektivität von 40% beschreibt:
"Together the 12 modifiable risk factors account for around 40% of worldwide dementias..."

Das bedeutet leider im Gegenzug: In 60% haben die genannten 12 Risikofaktoren und/oder Verhaltensmodifikationen gar keine signifikante Wirkung.

Allerdings haben windige Bluttest - Verheißungen keine Effektivität von 40%.

Konterkariert wird das ganze durch in vielen Ländern besonders lukrative und essenzielle Steuereinnahmen auf entscheidende Demenz-Risikofaktoren: "Acting now on dementia prevention, intervention, and care will vastly improve living and dying for individuals with dementia and their families, and thus society."

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Mauterndorf/A)
LNS
VG WortLNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER