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Ausland

Beirut unter Schock: Zahl der Toten steigt

Mittwoch, 5. August 2020

Ein zerstörtes Krankenhaus nach der massiven Explosion in Beirut. /picture alliance, ASSOCIATED PRESS, Hassan Ammar

Beirut – Nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut ist die Zahl der Toten auf mindestens 100 angestiegen. Das erklärte das libanesische Rote Kreuz heute. Demnach wurden etwa 4.000 Menschen verletzt. Auch Krankenhäuser wurden beschädigt, wie Bil­der von Nachrichtenagenturen zeigen.

Rettungshelfer suchten in den Trümmern nach weiteren Opfern. Der Generalsekretär des Roten Kreuzes, George Kattanah, sagte, die Zahl der Opfer werde wahrscheinlich weiter steigen. Aus Sicherheitskreisen hieß es, es würden noch mindestens 100 Menschen ver­misst. „Es liegen noch immer viele Menschen unter den Trümmern“, sagte ein Offizieller, der ungenannt bleiben wollte.

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Die schweren Schäden machten viele Häuser unbewohnbar. Zwischen 200.000 und 250.000 Menschen hätten ihre Unterkünfte verloren, sagte Gouverneur Marwan Abbud dem libanesischen Fernsehsender MTV. Sie würden mit Lebensmitteln, Wasser und Un­terkünften versorgt. Es seien Schäden in Höhe von drei bis fünf Milliarden US-Dollar ent­standen - „möglicherweise mehr“, sagte er der Nachrichtenagentur NNA zufolge.

Experten warnten vor den Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes, die seit Monaten ohnehin unter einer der schwersten Krisen in der Geschichte des Libanons leidet. „Diese Explosion ist der Sargnagel für die Wirtschaft des Libanons und für das Land im Allge­mei­nen“, sagte der Analyst Makram Rabah.

Die Menschen könnten ihre Häuser nicht wieder auf­bau­en, weil ihnen das Geld fehle. Der Hafen in Beirut sei zudem die Lebensader des Landes. Da dort unter an­derem Getreidesi­los zerstört worden sei, müsste das Land jetzt mit Hunger und Engpässen bei Brot rech­nen.

Die Ermittler suchen zudem weiter nach der Ursache für die gewaltige Detonation in der Hauptstadt des Landes am Mittelmeer. Möglicherweise wurde sie durch eine sehr große Menge Ammoniumnitrat ausgelöst, die im Hafen gelagert worden war.

Regierungschef Hassan Diab hatte gestern gesagt, dass 2.750 Tonnen der Substanz dort jahrelang ohne Sicher­heitsvorkehrungen gelagert wurden. Laut Gouverneur Abbud wurde in einem Bericht von 2014 vor einer möglichen Explosion gewarnt.

Die Explosionen hatten gestern Beirut und das Umland erschüttert. Große Teile des Ha­fens wurden vollständig zerstört. Aufnahmen zeigten ein Bild der Verwüstung. Auch die angrenzenden Wohngebiete wurden stark beschädigt. Auf den Straßen standen zahlrei­che zerstörte Autos.

Betroffen von der Explosion sind neben dem Hafen vor allem die beliebtesten Ausgeh­vier­tel, für die Beirut bekannt ist. Sogar in Orten rund 20 Kilometer von der Hauptstadt entfernt gingen Scheiben zu Bruch. „Es ist eine Katastrophe im wahrsten Sinne des Wor­tes“, sagte Libanons Gesundheits­mi­nister Hamad Hassan beim Besuch eines Krankenhau­ses. Der Oberste Verteidigungsrat des Landes erklärte die Stadt zur „Katastrophenzone“.

Der Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) im Libanon, Malte Gaier, sagte dem Deutschlandfunk, besonders beunruhigend seien „massive strukturelle Schäden“. So sei das staatliche Elektrizitätswerk komplett zerstört. Verwundete seine aufgrund des Ansturms auf Kliniken oft abgewiesen worden. Die Lage in Beirut sei „für uns vielleicht etwas vergleichbar mit dem Schockzustand, den wir am Morgen nach 9/11 in den USA hatten“, erklärte er.

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Der Büroleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Beirut, Kristof Kleemann, beschrieb die Rauchwolke durch die zweite Explosion als „Pilzwolke wie bei einer Atombombe“. In der Beiruter Innenstadt biete sich ein „Bild der Zerstörung“, sagte er. Die Krankenhäuser seien „völlig überlastet“. Beirut sei dringend auf internationale Hilfe bei der medizinischen Ver­sorgung angewiesen.

Raymond Tarabay, Partnerkoordinator im Libanon bei Malteser International, sagte: „Eine solche Menge von Verletzten habe ich persönlich noch nicht gesehen. Es ist traurig und dramatisch.“ Er betonte, es fehle an Medikamenten, technischem Gerät, Fensterscheiben des Krankenhauses seien geborsten, Hygienemaßnahmen seien fast unmöglich einzuhal­ten. „Diese Menschen brauchen jetzt schnelle Hilfe.“

Die Malteser kündigten an, alle medizinischen Kapazitäten, die man im Libanon habe, in Beirut zusammenzuziehen. Mit mobilen medizinischen Teams an der syrischen Grenze habe man viele Menschen versorgen können. „Diese Teams werden in den nächsten Ta­gen in Beirut benötigt,“ sagte Clemens Mirbach, Länderkoordinator bei Malteser Interna­tio­nal.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) teilte mit, ein Mitarbeiter sei in Beirut leicht verletzt wor­den. Mehrere Wohnungen von Mitarbeitern seien von Zerstörungen betroffen. Das DRK stimme mit der Bundesregierung Hilfseinsätze ab, erklärte Generalsekretär Christian Reu­ter. Viele Krankenhäuser in Beirut seien „hoffnungslos überlastet“.

Das Goethe-Institut zeigte sich „erschüttert“, dessen Gebäude in Beirut ebenfalls stark be­schädigt wurde. Eine Mitarbeiterin sei leicht verletzt worden.

Ob Deutsche unter den To­desopfern waren, blieb zunächst unklar. Die Bundesregierung sprach heute davon, dass es Meldungen über verletzte Staatsangehörige gebe. Ein inter­ner Lagebericht des Tech­nischen Hilfswerks (THW) spricht von acht verletzten Deutschen.

Mehrere Länder schicken unterdessen Unterstützung. Ein Team des Technischen Hilfswer­kes soll sich möglichst noch heute nach Beirut bege­ben, um die Botschaft vor Ort zu un­terstützen, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes heute vor Journalisten in Berlin.

Die Bundeswehr hält nach Angaben des Verteidigungsministeriums auch ihre Klinikflug­zeuge bereit. Die MedEvac-Airbusse könnten „sofort aktiviert“ werden, wenn eine ent­sprechende Anfrage aus dem Libanon eingehe, sagte ein Sprecher. Ein solcher Einsatz erfordere aber „Organisation vor Ort“, sagte er mit Blick auf die chaotische Lage in Beirut.

Aus den Niederlanden machte sich ein Team aus 70 Helfern auf den Weg, darunter Feu­erwehrleute, Ärzte und Polizisten. Frankreich schickte zwei Militärflugzeuge mit 55 Ange­hörigen des Zivilschutzes und tonnenweise Material zur Behandlung von Verletzten.

Tschechien schickte ein Team, das auf die Bergung von Verschütteten spezialisiert ist. Russland schickte fünf Flugzeuge mit Ärzten und einem mobilen Krankenhaus. Ein Kran­kenhaus im Norden Israels bot Hilfe bei der Versorgung von Verletzten an. © dpa/afp/may/aerzteblatt.de

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