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Bundesärzte­kammer mahnt Reform des Embryonen­schutzgesetzes an

Mittwoch, 2. September 2020

/picture alliance, Hwang

Berlin – Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hat den Gesetz­geber dazu aufgerufen, spätestens in der nächsten Legislaturperiode über die aus dem Jahr 1990 stam­menden rechtlichen Regelungen für die Reproduktionsmedizin zu diskutieren. Anlass ist die Vorstellung ihres Memo­randums „Dreierregel, Eizellspende und Embryonenspende im Fokus“.

Nach Ansicht der Ärzteschaft sollte die in Deutschland geltende „Dreierregel“ bei der künstlichen Befruchtung fallen, die Eizellspende legalisiert und die Embryonenspende rechtlich geregelt werden.

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Die Reproduktionsmedizin bewege sich zwischen rasantem medizinisch-wissenschaft­lichen Fortschritt und jahrelangem gesetzgeberischen Stillstand, kritisierte BÄK-Präsident Klaus Rein­hardt heute in Berlin. „Es ist höchste Zeit, das 30 Jahre alte Embryonen­schutz­gesetz an die aktuellen medizi­nisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse anzupassen“, be­tonte er.

Nur so ließen sich unnö­tige seelische Belastungen von Menschen mit Kinderwunsch ver­meiden und gesund­heitliche Risiken für werdende Mütter und ihre Kinder minimieren. Die Ärzteschaft bietet der Politik für den aus ihrer Sicht dringend notwendigen politi­schen Diskussions- und Meinungsbildungsprozess ihre fachliche Expertise an.

Das Memorandum, das auf Emp­feh­lung des Wissenschaftlichen Beirats vorgelegt wurde, befürwortet eine punktuelle Reform des Embryonenschutzgesetzes.

Das Papier greife mit der sogenannten Dreierregel, der Eizellspende und der Embryonen­spende gezielt nur die wichtigsten Problembereiche aus der reproduktionsmedizinischen Behandlungspraxis auf, erläuterte Peter C. Scriba, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats. „Unser Ziel ist es, dem Gesetzgeber konkrete, wissenschaftlich fundierte und möglichst schnell umsetzbare Vorschläge für eine Reform des Embryonenschutzgesetzes an die Hand zu geben.“

Als besonders vordringlich sieht Jan-Steffen Krüssel, Federführender des Arbeitskreises „Offene Fragen der Reproduktionsmedizin“ des Wissenschaftlichen Beirats der Bundes­ärzte­kammer, die Aufhebung der Dreierregel an.

„Im Zentrum unseres täglichen ärztlichen Handelns steht das Wohl des Kinderwunsch­paares und seines Kindes“, sagte er. Zwillingsschwangerschaften, aber auch höhergradige Mehrlingsschwangerschaften (Drillinge und Vierlinge) nach Kinderwunschbehandlung seien derzeit in Deutschland deutlich häufiger als in anderen europäischen Ländern.

Diese vermeidbaren Mehrlingsschwangerschaften führten häufig zu Problemen im Schwangerschaftsverlauf. Es steige die Frühgeburtlichkeit, die mit hohen Risiken für Mütter und Kinder einhergehe, erklärte der Reproduktionsmediziner von der Universität Düsseldorf heute bei der Vorstellung des Memorandums.

Zur Herbeiführung einer Schwangerschaft im Rahmen der Reproduktionsmedizin sollte nach Ansicht von Krüssel und seinen Kollegen der Single-Embryo-Transfer angestrebt und die Anzahl der zu übertragenden pränidativen Embryonen pro Transfer auf maximal zwei begrenzt werden.

Beim Elective-Single-Embryo-Transfer (ESET) wird aus einer größeren Zahl von Embry­onen nur derjenige mit der größten Entwicklungsfähigkeit ausgewählt und nur dieser der Frau bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) übertragen – völlig unabhängig von seiner gene­tischen Ausstattung. Momentan ist dies jedoch bei Strafe untersagt, da eine Selektion von Embryonen befürchtet wurde.

Zudem plädiert die Bundes­ärzte­kammer in ihrem Memorandum dafür, die nicht kommer­zielle Eizellspende in engen Grenzen zuzulassen und die Spende überzähliger präni­dati­ver Embryonen (Embryospende) zu regeln. Die Gründe, die 1990 zu einem gesetz­lichen Verbot der Eizellspende geführt haben, sieht Krüssel mittlerweile als entkräftigt an.

„Aus der Gesetzesbegründung des Embryonenschutzgesetzes geht beispielsweise hervor, dass das Verbot der Eizellspende hauptsächlich zur Vermeidung einer gespaltenen Mutter­schaft ausgesprochen wurde.“ Befürchtet wurde damals, dass junge Menschen Schwierigkeiten haben könnten, zu verarbeiten, dass sie eine genetische Mutter haben sowie eine, die sie ausgetragen hat.

Mittlerweile lägen jedoch aus vielen Ländern, in denen eine Eizellspende durchgeführt werde, wissenschaftliche Daten zur Entwicklung der Kinder und zum Kindeswohl vor. „Diese Studien zeigen unisono eine normale sozio-emotionale Entwicklung der Kinder sowie eine im wesentlichen unauffällige Eltern-Kind-Beziehung“, erläuterte Krüssel.

Auch die Befürchtungen, dass die Eizellspenderin durch die hormonelle Stimulation und die Eizellentnahme größeren Risiken ausgesetzt sein könnte, seien mittlerweile ent­kräf­tet. „Nach heutigem Wissens- und Erkenntnisstand sind diese Risiken entweder nicht existent oder minimal“, erklärt Krüssel. So lasse sich ein schweres Überstimulationssyn­drom heute durch den Einsatz neuer Medikamente, die vor 30 Jahren noch nicht exis­tierten, nahezu komplett vermeiden.

Eine weitere Sorge des Gesetzgebers vor 30 Jahren war die Gefahr einer Kommerziali­sie­rung der Eizellspende. Dies ließe sich nach Ansicht der Experten der Bundesärzte­kammer aber verhindern, indem man sich an den derzeitigen Regelungen der hierzulande erlaub­ten heterologen Samenspende orientiert.

„Das bereits jetzt im Transplantationsgesetz und im Arzneimittelgesetz bestehende Ver­bot des Handelns mit menschlichen Geweben und Zellen könnte auch bei der Eizell­spende Anwendung finden“, meinen die Autoren des Memorandums.

Neu ist die Forderung der Ärzte nach einer gesamtgesellschaftlichen medizin-ethischen Diskussion von reproduktionsmedizinischen Themen nicht. Bereits der 116. Deutsche Ärztetag 2013 in Hannover hatte Diskussionsbedarf gesehen.

Seitdem trat die Ärzteschaft wiederholt an die politischen Entscheidungsträger heran, zu­letzt im Jahr 2017. Damals forderte der 120. Deutsche Ärztetag in Freiburg den Gesetzge­ber auf, „klare und konsistente rechtliche Regelungen für die Reproduktionsmedizin zu schaffen.“

Mit der Richtlinie zur Entnahme und Übertragung von menschlichen Keimzellen im Rahmen der assistierten Reproduktion hatte die BÄK im Jahr 2018 dementsprechend die medizinisch-wissenschaftlichen Fragestellungen klar von den gesellschaftspolitischen Aspekten getrennt. © ER/aerzteblatt.de

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