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Ausland

Viel Kritik und erste Interessenten an Russlands Coronaimpfstoff

Mittwoch, 12. August 2020

/sezerozger, stock.adobe.com

Moskau – Die weltweit erste Zulassung eines Coronaimpfstoffs in Russland sorgt rund um den Globus für Kritik. Grund ist das aus Sicht der Kritiker unwissenschaftliche Vorge­hen der Russen. Einige Länder haben aber auch bereits Interesse an dem Impfstoff ange­meldet.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte die Zulassung des nach dem ersten Satelli­ten der Russen im All benannten Impfstoffs „Sputnik V“ gestern bekannt gegeben. Dieser ist den wenigen öffentlich zugänglichen Angaben zufolge nur an wenigen Personen ge­testet worden.

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Die entscheidende dritte Test-Phase, in der Wirkstoffe üblicherweise an mehreren tau­send Probanden erprobt werden, übersprangen die russischen Forscher. Sie soll Regie­rungsangaben zufolge im Hintergrund laufen, während der Impfstoff bereits ersten Be­völkerungsgruppen verabreicht wird.

Ausländische Wissenschaftler sind besorgt

Studienergebnisse und Daten, anhand deren ausländische Wissenschaftler die Qualität und Sicherheit des Impfstoffes nachvollziehen könnten, wurden nicht veröffentlicht.

„Dass die Russen solche Maßnahmen und Schritte überspringen, beunruhigt unsere Ge­meinschaft von Impfwissenschaftlern“, sagte Peter Hotez vom Baylor College of Medicine in Houston (Texas) dem Fachjournal Nature. „Wenn sie es falsch machen, könnte das ge­samte globale Vorhaben untergraben werden.“

Eine Massenimpfung mit einem nicht ausreichend getesteten Impfstoff sei unethisch, kri­tisierte Francois Balloux vom University College London.

Auch die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) reagierte zurückhaltend auf den vermeint­lichen Erfolg. Die Forschung an einem Impfstoff solle in jedem Entwicklungsschritt ge­mäß bewährter Prozesse vonstattengehen, um sicherzustellen, dass der Impfstoff sicher und effektiv ist, teilte das WHO-Regionalbüro Europa mit.

Verhalten äußerte sich auch das Bun­des­for­schungs­minis­terium. „Grundsätzlich ist jeder Schritt hin zu einem sicheren und wirksamen Impfstoff gegen COVID-19 zu begrüßen“, sagte ein Sprecher gestern. „Leider liegen uns zu dem angesprochenen Impfstoffkandi­daten vom staatlichen Forschungsinstitut Gamaleja in Moskau nur sehr wenige Infor­ma­tionen vor.“

Trotz der immensen Kritik gibt es aber auch Interesse an dem Mittel. So kündigte unter anderem der brasilianische Bundesstaat Paraná an, ein Abkommen mit Russland schlie­ßen zu wollen, um den Impfstoff vor Ort selbst zu produzieren.

Die Impfung soll voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2021 verfügbar sein. „Wir werden in Etappen arbeiten“, sagte der russische Konsul in Curitiba, Acef Said.

Voraussetzung für die Anwendung in dem brasilianischen Bundesstaat ist allerdings die Erprobung von „Sputnik V“ in bisher fehlenden Phase-III-Studien. So schreibt es die bra­si­lianische Überwachungsbehörde für Gesundheit Anvisa vor.

Laut Jorge Callado, Präsident des federführenden Technologie-Instituts Tecpar in Curitiba, könne eine solche Studie in Brasilien durchgeführt werden.

Auch der Philippinische Präsident Rodrigo Duterte kündigte eine Kooperation mit Russ­land an, um den Impfstoff zu erproben und im Anschluss auch selbst herzustellen. Dafür bot er sich selbst als Versuchskaninchen an. „Ich kann der erste sein, an dem experi­men­tiert wird“, erklärte der Staatschef des südostasiatischen Landes.

Die Philippinen zählen zu den am stärksten von Corona bestoffenen Regionen in Asien. Zudem soll es Beratungen zwischen Russland und Israel geben, wie der israelische Ge­sundheitsminister Juli Edelstein gestern mitteilte. Es gebe ein grundsätzliches Interesse an „Sputnik V“.

Donald Trump verspricht Fortschritte bei eigenem Impfstoff

US-Präsident Donald Trump versprach dem amerikanischen Volk nach Russlands Ankün­digung indess schnelle Fortschritte bei der Entwicklung eines eigenen Impfstoffes. „Wir sind auf dem besten Weg, schnell 100 Millionen Dosen zu produzieren, sobald der Impf­stoff zugelassen ist, und kurz danach bis zu 500 Millionen“, sagte er.

Nach Angaben der WHO befinden sich derzeit sechs Impfstoffprojekte in der entschei­den­den Phase III. Darunter das US-amerikanische Projekt Moderna sowie die Kooperation des deutschen Unternehmens BioNTech mit den Pharmaherstellern Fosun Pharma und Pfizer. © alir/dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #763956
dubito
am Mittwoch, 12. August 2020, 22:29

Wissenschaft ohne Fronten, bitte

Das ist viel mehr als ein zweiter „Sputnik“ als Beweis „Wir sind schneller“.
Erstens: Es lässt überlegen, ob die Pandemie doch gar nicht so schlimm ist, so dass wir noch Monate Zeit haben, die dritte Phase der Erprobung abzuwarten – oder ob der Gefährdungsdruck so groß ist, dass das Risiko eines wenig geprüften Imfstoffs vergleichsweise klein ist – und in Brasilien mag das beileibe so erscheinen. Es ist, als wollten wir Ersthilfe verbieten, wenn der Ersthelfer sich nicht die Hände desinfiziert hat.
Zweitens: Das Geld. Wer jetzt Verträge schließt, hat sie, wenn die anderen mit ihren Lösungen kommen. Kann man das einem kaputten Land vorwerfen? Vielleicht. Aber nur, wenn man selbst nicht betroffen ist.
Drittens: Es mag ja alles „unwissenschaftlich“ oder gar „unethisch“ erscheinen, aber welche konkrete Gefährdung von dieser – in der Sache altbekannten – Impfmethodik ausgehen mag, also: wie viele Leben damit bedroht würden, darüber gibt es nichts, kein Beispiel, nur Vermutungen, Befürchtungen.
Viertens: Es ist überhaupt nicht erstaunlich, dass sich ein Despot das Recht herausnimmt, allein zu entwickeln und sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Wer, bitte, ist denn die Instanz, die ihm irgend etwas vorschreiben könnte? WHO? So what?
Fünftens: Alle warnen, das geht schief. Aber – wenn es eben nicht schief geht? Es muss nicht mal besonders gut gehen, etwa, wenn jeder vierte trotzdem krank wird und ein paar sterben, dann ist es doch ein Erfolg für Putin – drei Viertel hat er bewahrt, und die „Verluste“ – hätte es wahrscheinlich auch sonst gegeben.
WOHLGEMERKT: Ich rede diesem Diktator nicht das Wort. Mir geht es nur auf den Geist, dass wir alle so tun, als habe die westliche Wissenschaft die Weisheit mit den Löffeln gegessen, dass Sicherheit in der größten (behaupteten) Krise auch wieder nahezu 100 Prozent sein muss (die wissenschaftlichen Grundlagen!) – und wenn ein diktatorischer Staat etwas anderes tut, dies mit „unethisch“ geißelt, ohne die Folgen benennen zu können. Putin kann mir gestohlen bleiben. Aber auch all jene, die sein Konzept nicht mal diskutieren. Die dritte Test-Phase ist mit Sicherheit richtig und wichtig. Aber - vielleicht nicht imme gleichermaßenr?
LNS

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