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Medizin

Bifokale Kontaktlinsen verlangsamen Kurzsichtigkeit bei Kindern

Mittwoch, 2. September 2020

/svetamart, stock.adobe.com

Houston – Das Tragen von bifokalen Kontaktlinsen hat in einer randomisierten Studie im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2020; DOI: 10.1001/jama.2020.10834) das Fortschrei­ten der Myopie bei Kindern verlangsamt. Die Ergebnisse blieben aber hinter den Erwartungen zurück.

Die Myopie, die in Europa fast jedes zweite Kind entwickelt (in Asien sind es sogar 80 bis 90 %), wird darauf zurückgeführt, dass Kinder sich immer weniger im Freien aufhalten. Die Augen passen sich etwa ab dem Alter von 7 Jahren auf die häufige Fixierung naher Gegenstände an.

Zur Myopie kommt es, weil der Augapfel (Bulbus) sich in der Tiefe verlängert. Dadurch fokussiert die Linse bei Fernsicht auf einen Punkt, der vor der Retina liegt. Die Abbildung wird dann unscharf und die Kinder benötigen eine Brille.

Die Entwicklung einer Myopie kann abgeschwächt werden, wenn den Kindern die Gelegenheit zur Fernsicht gegeben wird. In einer früheren chinesischen Studie wurde dies durch eine zusätzliche Schulstunde erreicht, die die Kinder auf dem Schulhof verbringen mussten.

Im dritten Schuljahr wurde der Anteil der Kinder mit einer Myopie von 39,5 % in der Kontrollgruppe auf 30,4 % gesenkt. Die Regierung von Singapur ermutigt aufgrund der Studienergebnisse Eltern ihre Kinder häufiger im Freien spielen zu lassen.

US-Mediziner gingen in der BLINK-Studie („Bifocal Lenses In Nearsighted Kids“) einen anderen Weg. Der Aufenthalt im Freien wurde den Kindern durch eine bifokale Kontakt­linse vorgegaukelt.

Diese Kontaktlinsen, die für ältere Menschen mit Presbyopie entwickelt wurden, haben zwei Brennweiten. Die in der Mitte der Kontaktlinsen eintretenden Lichtstrahlen werden auf die Retina fokussiert, wobei der Brechfehler korrigiert wird. Die Träger können also auch in der Ferne scharf sehen.

Das Licht, das in den Randbereichen auf die Kontaktlinse trifft, wird dagegen vor der Retina fokussiert. Für die Kinder ist dies kaum zu spüren. Nach den pathogenetischen Überle­gungen der Forscher verhindert dies aber einen weiteren Wachstumsreiz für den Bulbus, der die Sicht in diesem Bereich weiter verschlechtern würde.

An der BLINK-Studie nahmen 294 Kinder teil, die im Alter von 7 bis 11 Jahren bereits eine Kurzsichtigkeit (-0,75 bis -5,00 Dioptrien) entwickelt hatten. Sie wurden auf 3 Gruppen randomisiert. In der ersten Gruppe trugen die Kinder eine normale Kontaktlinse. In der zweiten Gruppe wurden die Randbereiche der Retina einer Fehlsichtigkeit von +1,50 Dioptrien ausgesetzt. In der dritten Gruppe wurde die periphere Fehlsichtigkeit auf +2,50 Dioptrien gesetzt.

Nach 3 Jahren wurden die Kinder erneut untersucht. In der Gruppe mit den normalen Kontaktlinsen hatte die Kurzsichtigkeit um -1,05 Dioptrien zugenommen. In der Gruppe, in der die Kinder die schwache bifokale Kontaktlinse trugen, waren nur -0,89 Dioptrien verloren gegangen und in der Gruppe mit der starken bifokalen Linse waren es nur -0,60 Dioptrien.

Die Differenzen zwischen den Trägern der starken bifokalen Linse und der Kontroll­gruppe sowie zwischen den Trägern der beiden bifokalen Linsen waren signifikant. Die schwache bifokale Linse war jedoch nicht signifikant besser als eine normale Kontakt­linse.

Die Bulbuslänge hatte in der Kontrollgruppe um 0,66 mm zugenommen gegenüber 0,58 mm in der Gruppe mit der schwachen und 0,42 mm in der Gruppe mit der starken bifokalen Kontaktlinse. Bei diesem Endpunkt waren alle drei Vergleiche signifikant.

Obwohl die Publikation wichtige Fragen zum klinischen Nutzen noch nicht geklärt hat, gibt Studienleiter David Berntsen in der Pressemitteilung des National Eye Institute eine Empfehlung für das Tragen der bifokalen Kontaktlinse aus, wobei er der starken bifokalen Linse den Vorzug gibt. Diese habe das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit um immerhin 43 % vermindert.

Der Editorialist Neil Bressler vom Johns Hopkins Hospital in Baltimore weist dagegen darauf hin, dass die Studie ihr Ziel, eine Differenz von 0,65 Dioptrien, verfehlt hat. Erreicht wurde eine Differenz von 0,45 Dioptrien (von -1,05 in der Kontrollgruppe zu -0,60 Dioptrien in der Gruppe mit der starken bifokalen Linse).

Offen ist auch noch, ob das Tragen der bifokalen Linse die Kinder vor den medizinischen Komplikationen der Myopie schützt. Dazu gehören Katarakte, Netzhautablösungen, ein Glaukom oder eine Aderhautatrophie, die allerdings erst im höheren Alter und bei sehr hohen negativen Dioptrien auftreten.

Es bleibt abzuwarten, ob die angestrebte Nachbeobachtung der Studienteilnehmer hier zu weiteren Erkenntnissen führen wird. © rme/aerzteblatt.de

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