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Medizin

Studie: ASS könnte bei älteren Menschen Krebswachstum im fortgeschrittenen Stadium beschleunigen

Mittwoch, 12. August 2020

/Mara Zemgaliete - stock.adobe.com

Boston – Vor zwei Jahren kam eine größere Studie zur Primärprävention mit Acetylsali­cylsäure (ASS) zu dem überraschenden Ergebnis, dass Senioren, die nach dem 70. Lebensjahr mit der Einnahme begannen, ein leicht erhöhtes Krebsrisiko haben. Nach einer jetzt in Journal of the National Cancer Institute (JNCI 2020; DOI: 10.1093/jnci/djaa114) veröffentlichten nachträglichen Analyse könnte ASS vor allem das Krebswachstum im fortgeschrittenen Stadium fördern.

Die ASPREE-Studie („ASPirin in Reducing Events in the Elderly“) hatte zwischen 2010 und 2014 insgesamt 19.114 ältere Menschen (16.703 in Australien und 2.411 in den USA) auf die tägliche Einnahme von 100 mg ASS oder Placebo randomisiert. Die Teilnehmer waren zu Studienbeginn über 70 Jahre alt (bei Afroamerikanern und Hispanics, die ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko hatten, betrug das Mindestalter 65 Jahre) und frei von Erkrankungen, nach denen der Einsatz von ASS indiziert ist.

Die Studie sollte untersuchen, ob ASS bei den Senioren eine ähnliche primärpräventive Wirkung erzielt, wie dies in früheren Studien für jüngere Menschen gezeigt werden konnte. Diese sterben seltener an atherosklerotischen Erkrankungen, die durch die Verlegung eines Blutgefäßes (Koronarie, Hirnarterie) mit einem Blutgerinnsel ausgelöst wird. ASS kann dies manchmal verhindern, es kann allerdings auch eine schwere Blutung auslösen, weshalb sich die primärpräventive Wirkung bei jüngeren Menschen nicht durchgesetzt hat.

ASS hat bei jüngeren Menschen auch eine krebspräventive Wirkung erzielt. In randomi­sierten Studien kam beispielsweise heraus, dass ASS die Bildung von Darmpolypen vermindert, die eine Darmkrebsvorstufe sind.

Die vor zwei Jahren vorgestellten Ergebnisse waren enttäuschend. Nach 4,7 Jahren Einnahme gab es keine Anzeichen, dass ASS die Zahl der atherosklerotischen Erkrankungen senkt. Bei den krebsbedingten Todesfällen gab es sogar einen leichten Anstieg.

Ein Team um Andrew Chan vom Massachusetts General Hospital hat die Daten zu Krebserkrankungen jetzt noch einmal genauer analysiert. Von den 19.114 Teilnehmern sind 1.933 (10,1 %) im Verlauf der Studie an Krebs erkrankt, darunter waren 981 Personen in der ASS-Gruppe und 952 Personen in der Placebogruppe. Die meisten soliden Krebser­krankungen (1.270 oder 65,7 %) wurden im Frühstadium entdeckt. Nur bei 363 Patienten (18,8 %) hatte der Tumor bei der Diagnose bereits metastasiert. Die übrigen Teilnehmer hatten Tumore, die bereits vor Studienbeginn metastasiert hatten (113 Teilnehmer, 5,8 %) oder sie waren an Leukämien/Lymphomen (187 Teilnehmer, 9,7 %) erkrankt.

Die Analyse ergab nun, dass ASS das Risiko von neuen Krebserkrankungen insgesamt nicht signifikant erhöht (Hazard Ratio 1,04; 95-%-Konfidenzintervall 0,95 bis 1,14). Auch bei Tumoren im Frühstadium (Hazard Ratio 0,99; 0,89 bis 1,11) und bei Leukämien und Lymphome gab es keinen Anstieg (Hazard Ratio 0,98; 0,73 bis 1,30).

Erhöht war einzig die Zahl der Teilnehmer mit einem metastasierten Krebs zum Zeitpunkt der Diagnose (Hazard Ratio 1,19; 1,00 bis 1,43) und hier insbesondere die Krebser­krankungen im Stadium 4 (Hazard Ratio 1,22; 1,02 bis 1,45).

Warum ASS das Wachstum von fortgeschrittenen Tumoren beschleunigen könnte, ist unklar. Chan vermutet, dass ASS durch die Hemmung der Entzündungsreaktion die körpereigene Krebsabwehr behindert. Warum dies vor allem bei älteren Menschen der Fall sein soll, deren Krebsabwehr in der Regel ohne vermindert ist und warum die Schwächung der Immunabwehr die Krebsabwehr in den Frühstadien nicht behindert, lässt Chan offen.

Die Frage, ob ASS das Krebsrisiko beeinflusst, ist derzeit Gegenstand mehrerer Studien. Dazu gehört die ASCOLT-Studie, an der 1.587 Patienten mit Darmkrebs im Stadium Dukes B oder C teilnehmen. Die ADD-ASPIRIN-Studie untersucht bei 11.000 Teilnehmern die Wirkung von ASS auf das Wachstum verschiedener solider Krebserkrankungen (Brust, Prostata, Darm, Ösophagus-Magen).

Die ASAMET-Studie erkundet an 160 Patienten, ob ASS und Metformin bei Darmkrebs eine additive Wirkung haben. In der Studie PRODIGE 50-ASPIK werden 264 Patienten mit Darmkrebs und einer PI3K-Mutation behandelt. Alle Studien sind randomisiert und placebo-kontrolliert, so dass ihre Ergebnisse die Evidenz-basierten Entscheidungen zum ASS-Einsatz beeinflussen könnten. In welche Richtung lässt sich natürlich nicht vorhersagen. © rme/aerzteblatt.de

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