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Politik

TK warnt vor Kopfschmerzmitteln als Lifestyle Medikamente

Mittwoch, 19. August 2020

/WavebreakmediaMicro, stock.adobe.com

Berlin – Kopfschmerzmedikamente werden oft nicht gezielt genug eingesetzt. Besonders Jugendliche würden oft weniger von vorbeugenden Arzneimitteln profitieren. Das geht aus dem Kopfschmerzreport der Techniker Krankenkasse (TK) hervor, der heute veröffent­licht wurde.

„Entspannungsübungen sind für Kopfschmerz das, was das Zähneputzen für Karies ist“, sagte Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel, zur Vorstellung des TK-Berichts in Berlin. Das müsse Patienten deutlicher erklärt werden, anstatt sie direkt medikamentös zu behandeln. Sowohl Ärzte als auch Apotheker, die viele Mittel rezeptfrei verkaufen, seien hier in der Pflicht.

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Verständlicherweise würden viele Patienten die schnelle Schmerzlinderung vorziehen, oft auch um schneller wieder Leistungsfähig zu sein, sagte der Neurologe. Diesen Trend zur Medikation, um wieder volle Leistung bringen zu können, gebe es auch bereits bei Kin­dern und Jugendlichen im Alter zwischen null und 19 Jahren.

Bei ihnen leide mehr als jeder achte an Kopfschmerzen (12,8 Prozent). Bei 15 Prozent der Mädchen und knapp 11 Prozent der Jungen wurde 2018 ein Kopfschmerz diagnostiziert. Rund 23 Prozent von ihnen wurden medikamentös behandelt.

Häufige Einnahme steigert Risiken

Häufige Schmerzmitteleinnahme steigere jedoch auch das Risiko für Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden oder arzneimittelinduzierte Kopfschmerzen, erklärte Göbel weiter. Bei Kindern und Erwachsenen könnte bei vielen der rund 360 bekannten Kopfschmerz­arten auch eine Verhaltensänderung einen vergleichbaren Behandlungs­er­folg erreichen wie die Einnahme von Schmerzmedikamenten, erläuterte er.

„Eltern sollten hier sensibel sein und mit einem Arzt genau abwägen, wann Medikamente nötig sind“, sagte der Vorsitzende der TK, Jens Baas. Präventiv könnten auch Bewegung, Entspannung und regelmäßige Schlaf- und Essenszeiten helfen. Dabei gehe es nicht da­rum, Schmerzmittel zu verteufeln, sondern sie bewusst einzusetzen, so der Kassenmana­ger und frühere Chirurg.

Auch scheinbar ungefährliche Arzneimittel sollten immer mit Bedacht eingenommen werden: An maximal zehn Tagen im Monat und nicht länger als drei Tage am Stück. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts forsa im Auftrag der TK hatte gezeigt: 21 Pro­zent der Befragten greifen bei Kopfschmerzen direkt zu einem Medikament. Vier Prozent von ihnen gaben an, mehrfach pro Woche oder gar täglich ein solches Mittel einzuneh­men.

Ein Grund für die häufige Verwendung liege in den Marketingstrategien der Pharma­hersteller. Mit zielgruppenspezifischer Werbung und scheinbar neutralen Informations­webseiten würden teilweise die Grenzen zu Lifestyleprodukten verschwimmen, so Baas. Allein 2019 sei der Umsatz mit rezeptfreien Schmerzmitteln in Deutschland auf rund 500 Millionen Euro gewachsen.

Präventive Medikamente zu oft verschrieben

Aber nicht nur freiverkäufliche, sogenannte Over-the-counter (OTC) Medikamente würden zunehmend öfter verwendet, ergänzte der Fachbereichsleiter für Arzneimittel bei der TK, der Apotheker Tim Steimle.

Beispielsweise die seit knapp zwei Jahren zur Migräneprävention zugelassenen CGRP-Antikörper würden immer häufiger verschrieben. Im Januar 2019 waren rund 200.000 Tagesdosen abgegeben worden. Im Oktober desselben Jahres seien es bereits 500.000 Dosen gewesen.

Dabei sollten die Antikörperpräparate nach einem Beschluss des Gemeinsamen Bundes­ausschusses (G-BA) nur dann zur Anwendung kommen, wenn andere Therapien nicht an­schlagen oder von Nebenwirkungen erschwert werden.

Doch bei mehr als der Hälfte der Verschreibungen bei TK-Versicherten seien CGRP-Anti­körper als Erstlinientherapie eingesetzt worden. Weitere 25 Prozent der Patienten hatten zuvor lediglich eine andere Therapie erhalten, heißt es in dem Bericht.

Gerade die Behandlung von Kopfschmerzen bei Jugendlichen mit Migräne, für die die Antikörper allerdings keine Zulassung haben, sahen der Pharmakologe Steimle und der Neurologe Göbel kritisch. © jff/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 19. August 2020, 21:45

Warum macht sich Prof. Göbel zum TK-Büttel?

Wenn „Entspannungsübungen für Kopfschmerz das [sind], was das Zähneputzen für Karies ist“, so Prof. Dr. med. Hartmut Göbel, Chefarzt der Universitäts-Schmerzklinik Kiel, zur Vorstellung des TK-Berichts in Berlin, dann müsste der Kollege auch Ross und Reiter nennen.

Die Krankenkassen der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) zahlen keinen einzigen Cent für Migräne- und Kopfschmerz-Prävention, geschweige denn für Differenzialdiagnostik und nicht-medikamentöse Therapien. Die passenden Abrechnungsziffern sollte Kollege Göbel von seinem professoralen Elfenbeinturm aus doch erst einmal nennen...

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 19. August 2020, 21:28

Was für ein Schmuh!

ARMSELIGER TK-KOPFSCHMERZREPORT

Wenn die Ergebnisse des Kopfschmerzreports der Techniker Krankenkasse (TK) darauf beruhen, dass das FORSA-Institut lediglich 1001 Bundesbürger befragt hatte, wundert mich gar nichts mehr.

Genauso gut hätte man 101 Dalmatiner über "Frauchen" oder "Herrchen" befragen oder Versuchstiere um Auskunft über Pathophysiologie bitten können.

An Top 10 der Kopfschmerzauslöser - gefragt wurde, welche Faktoren/Situationen lösen bei Ihnen häufig Kopfschmerzen aus - erkennt man unschwer die Naivität von Befragten und Studienautoren gleichermaßen bezüglich medizinisch validierter und gesicherter Krankheitsentitäten:

Frauen/Männer
Muskelverspannungen 71%/56%
zu wenig Flüssigkeit 66%/59%
Wetter 64%/43%
Stress 62%/48%
wenig/schlechter Schlaf 55%/48%
schlechte Luft/Gerüche 33%/35%
Lärm 32%/30%
lange Zeit am PC 26%/27%
Bewegungsmangel 19%/19%
Alkohol/Nikotin 15%/34%
haben nicht das Geringste mit Migräne oder pathophysiologisch gesicherten Kopfschmerzursachen zu tun.

Auch eine adäquat behandelte Migräne hilft nur, "einen Teil der Attacken zu reduzieren." Problematisch sei, dass viele Schmerzpatienten erst spät eine spezifische Diagnose gestellt bekämen und bis dahin völlig inadäquat behandelt würden. „Bei der Migräne dauert es manchmal Jahre, wenngleich es besser geworden ist“, weil die Triptane endlich Standard geworden sind.

Diagnose-Klarheit sei in der Kopfschmerzbehandlung der mit Abstand „wichtigste Punkt“, so Prof. Göbel. Das vorliegende Wissen über die knapp 370 verschiedenen Kopfschmerzformen sei stärker in der ärztlichen Fort- und Weiterbildung zu verankern. Am weitesten verbreitet seien Spannungskopfschmerzen und Migräne.

Davon ist allerdings im TK-Kopfschmerzreport Ärzte-unterstützend und differenzialdiagnostisch gar nicht die Rede. Stattdessen geht es um die kostensparende Vermeidung neuer Migräne-Präparaten, sogenannter CGRP-Antikörpern, bevor die primär ärztliche Kopfschmerzdiagnostik überhaupt honoriert wird.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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