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Politik

Restart-19: Ein Corona-Experiment zum Anfassen

Sonntag, 23. August 2020

Mit Hilfe von Bühnennebel wird vor den Probanden eines Großversuchs der Universitätsmedizin Halle/Saale in der Arena Leipzig die Ausbreitung von Aerosolen in der Luft simuliert. /picture alliance, Hendrik Schmidt

Leipzig – Bedeckt, warm und feucht. Bei perfektem Wetter für Krankheitserreger also findet die bisher weltweit größte Studie zu Großveranstaltungen in Coronazeiten statt. Das Experiment Restart-19 soll zeigen, unter welchen Bedingungen Konzerte, Hallensport und andere Massenevents wieder möglich sein können.

Dicht gedrängt und in strömendem Regen warten am Samstagmorgen mehr als tausend Probanden darauf, in die Arena Leipzig eingelassen zu werden. Für Sicherheitsabstände sorgen nur ein paar Regenschirme. Im Namen der Wissenschaft wollen sich die Warten­den ein Gratis-Konzert des Musikers Tim Bendzko anschauen und die Handballer des SC DHfK Leipzig treffen.

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Vereinsgeschäftsführer Karsten Günther hatte das Projekt gemeinsam mit Stefan Moritz, dem Leiter der Klinischen Infektiologie der Universitätsmedizin Halle, und dem Ge­schäftsführer der Arena Leipzig, Matthias Kölmel, auf die Beine gestellt.

Hallenbetreiber und nicht durch TV-Rechte finanzierte Sportarten hat die Pandemie finan­ziell hart getroffen. Zum Gelingen der Studie steuerten Günthers und Kölmels Arbeit­geber auch aus Eigeninteresse einiges unentgeldlich bei. Die verbleibenden 900.000 Euro übernahmen die Länder Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Eine Stunde Verspätung zum Start

Doch schon bevor das Experiment begonnen hat, hinkt das Programm der vorgesehenen Agenda um eine Stunde hinterher. Die massenhafte Ausgabe von besonders schützenden FFP2-Masken, fluores­zierendem Desinfektionsgel und Positionstrackern am Eingang an jeden einzelnen Probanden, nimmt offenbar mehr Zeit in Anspruch als geplant. Jeder wird nach Symptomen und Risikokontakten befragt, jeder muss seine Stirn für eine Fieber­messung hinhalten.

Es habe Probleme mit den Trackern gegeben, heißt es. Sie sind eines der zentralen For­schungsinstrumente. Ein Koffer voll ist am Studienmorgen abhandengekommen. Doch schließlich tragen alle Probanden und das Personal in der Halle eines der kleinen qua­dra­tischen Geräte an einem Band um den Hals. Die Forscher wollen mit ihrer Hilfe Be­we­gungsprotokolle erstellen. Also wo und wie oft begegnen sich die Probanden, wie nah kommen sie sich in den Essenschlangen und vor den Toiletten.

Ganz ähnlich wie einige Corona-Apps senden die Tracker nur ein Signal, wenn die Besu­cher über einen längeren Zeitraum weniger als 1,50 Meter zwischen sich haben. Das dürfte auf Konzerten öfter vorkommen. „Wir rechnen mit vier Terrabyte Daten“, sagt Mo­ritz. Damit wollen er und seine Kolleginnen und Kollegen ein mathematisches Modell entwickeln, wie Besucherströme auf Großveranstaltungen gelenkt werden könnten, um möglichst wenige COVID-19-Infektionen zu riskieren.

Als Moritz schließlich mit deutlicher Verspätung in einem neongelben T-Shirt auf der blau erleuchteten Bühne steht, wirkt die Menge der zum Versuch Angetretenen winzig. Nur die ersten Reihen der für über 8.000 Personen ausgelegten Halle sind belegt.

Bis zum letzten Tag vor der Veranstaltung hatten die Initiatoren um mehr freiwillige Stu­dienteilnehmer geworben. Von den erhofften 4.000 Probanden tauchen am Samstag nach ersten Schätzungen nur knapp 1.400 auf. Rund 2.200 hatten sich für die Teilnahme ange­meldet. „Dadurch mussten wir Abstriche machen, aber das können wir verkraften“, so Moritz.

Einige hätten wohl Angst vor Ansteckung gehabt. Hinzu kamen Ferienzeit und Semester­ferien im Veranstaltungsland Sachsen. Viele seien aber auch von vornherein ausge­schlossen worden, erklärt Moritz. Nur Teilnehmer zwischen 18 und 50 Jahren durften sich anmelden. „Das hat viele irritiert.“ Aber man habe kein Risiko eingehen wollen, da schwere COVID-19-Verläufe bei über 50-Jährigen häufiger vorkommen.

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Von den verbliebenen Teilnehmern zupfen einige an den engen FFP2-Masken, die das Atmen erschweren und den Schweiß in der warmen Halle noch schneller rinnen lassen. Sogenannte Hygienestewards in orangenen T-Shirts huschen durch die Reihen und er­mah­nen Probanden, die sich die Maske unter die Nase gezogen haben. Viele sind es nicht. „Ich bin sehr zufrieden mit der Disziplin der Teilnehmer“, wird Moritz im Laufe des Tages immer wieder loben.

17 Kontakte im Umkreis von 1,50 Meter

„Sie da aus der letzten Reihe, winken sie mal alle“, ruft er beim ersten der insgesamt drei Testszenarien an diesem Tag ins Mikrofon. Die Probanden spielen mit. Wer in den hinte­ren Reihen sitzt, wird nach vorne geholt. „Alle sollen dicht an dicht sitzen, wir wollen hier echte Bedingungen simulieren“, erklärt Moritz. Jedes Szenario soll ein anderes Sicher­heits­konzept erproben. Das erste soll die Bedingungen vor Corona nachstellen – keine Abstände zwischen den Sitzen, mehrere Eingänge, 17 Kontakte im Umkreis von 1,50 Meter.

Dass sich auch dabei niemand infiziert, sollen die von langer Hand geplanten und mit den Behörden abgestimmten Maßnahmen sicherstellen. Sogar wie die Aerosole durch die Halle fliegen, soll dafür gesteuert werden. „Bitte einmal die Rauchmaschine an“, instruiert Moritz seine Mitarbeiter von der Bühne aus.

Das Publikum kann nun beobachten, wie die Luftdüsen an der Decke den Rauch aus einer Sitzreihe an die Decke und weg vom Zuschauerraum pusten. Es ist nur eine Demonstra­ti­on. Wie die mit bloßem Auge nicht erkennbaren Aerosole sich verhalten, erfassen weitere im Raum verteilte Sender. Eine aufwendige Computersimulation wird anschließend ihre Gesamtverteilung in der Halle errechnen.

Positiver Coronatest von einer Reiserückkehrerin

„Wir haben euch auch etwas ins Desinfektionsmittel gemischt“, scherzt Moritz. Wer es, wie von den Veranstaltern vorgesehen, benutzt, hat danach einen fluoreszierenden Stoff an den Fingern. Nach jeder Simulation streifen mit Schwarzlichtlampen ausgestattete Mitarbeiter durch die Halle, um zu prüfen, wie viele Handabdrücke die Probanden wo hinterlassen haben. Auch diese Daten werden in das Modell einfließen.

Schon im Vorfeld hatten die Initiatoren über Wochen akribisch geplant und Selbsttestkits an alle Teilnehmer verschickt. In den 48 Stunden vor dem Experiment musste jeder ein­zelne Angemeldete sich anhand der mitgesendeten Anleitung ein Stäbchen tief in den eigenen Rachen stecken und die Probe anschließend versiegelt bei den Veranstaltern abgegeben. Bis in die Nacht vor dem Experiment verschickten die Veranstalter Mails mit den Testergebnissen. „Es gab nur ein positives Ergebnis von einer Reiserückkehrerin“, so Moritz.

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Alle Negativ-Kandidaten durften teilnehmen. Ob wirklich alle Probanden den unan­ge­neh­men Selbsttest richtig durchgeführt haben, könne man nicht prüfen und dieser sei auch nur eine Sicherheitssäule von vielen, erklären die Veranstalter.

„Ohnehin können wir mit dieser einen Untersuchung nicht alle Fragen beantworten, son­dern nur erste Daten liefern“, so Moritz. Damit sei in vier bis sechs Wochen zu rechnen. Ein großes Ziel sei aber bereits erreicht: „Es findet mehr Wissenschaft zu Großveranstal­tun­gen statt.“ Forschende aus Australien, Belgien und Dänemark hätten Kontakt zu ihm aufgenommen und planten nun ähnliche Studien.

„Es geht nicht um eine Weltanschauung“

Zweifel an dem Konzept gab es im Vorfeld aber offenbar auch. Es habe E-Mails mit An­fein­dungen aus und um Leipzig gegeben, berichtet Michael Gekle, Dekan der Medizini­schen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Dort hieß es, wir sollen das besser nicht machen, das bringe nichts“, so Gekle. „Wir sind nicht dieser Meinung! Wir sind von der Veranstaltung überzeugt.“

Es gehe bei dem Projekt nicht um eine Weltanschauung, sondern darum, evidenzbasierte Daten zu erhalten, an denen sich Veranstalter und Politik künftig orientieren könnten. „Das ist von unmittelbarer gesellschaftlicher Relevanz.“ Es gelte zu klären, welche Risiken man bereit sei, in Kauf zu nehmen, damit es wieder ein kulturelles Leben geben könne.

„Und das muss künftig hoffentlich nicht mehr in Autokinos stattfinden, wo man vom Pub­li­kum nur die Scheinwerfer sieht“, sagt Tim Bendzko. Bei jedem der drei Szenarien halten der Sänger und seine Band das Publikum bei Laune. Trotz langer Einlassprozesse und wortreicher Erklärungen der Veranstalter gelingt es dem 35-Jährigen immer wieder, echte Konzertstimmung bei den Zuschauern zu wecken.

Es entsteht echte Konzertstimmung

Die Bässe wummern bis in alle Reihen, die Musik vibriert in den Knochen, bunte Licht­säulen zucken im Rhythmus durch den Saal. Wer die Augen schließt, vermisst nur den schalen Geruch von verschüttetem Bier.

Während die Probanden beim dicht gedrängten ersten Durchlauf noch zurückhaltend agieren, werfen sie beim zweiten Szenario bereits die Arme im Takt Hin und Her – denn nun muss zwischen allen Probanden ein Platz frei gelassen werden. Hier messen die Tracker nur noch fünf Kontakte in der Distanz unter 1,50 Meter.

Es springen sogar einige auf, um mitzutanzen. Wer mitsingt, ist unter den straffen, dicken Masken nur schwer zu sehen und kaum zu hören. Dennoch lobt Bendzko das Leipziger Publikum als „erstaunlich textsicher“. Und vor dem Gong zur letzten Pause vor dem dritten Szenario verhallt langsam die gemeinsam gesungene Refrainzeile aus Bendzkos Hit „Für Immer“: „Es wär‘ okay, wenn's nur für jetzt wär“. © alir/aerzteblatt.de

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