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Medizin

Adipositas: Diät und Operation erzielen gleich gute Wirkung auf den Glukosestoffwechsel

Freitag, 21. August 2020

/dpa

St. Louis/Missouri – Die günstigen Auswirkungen von bariatrischen Operationen auf den Glukosestoffwechsel sind einzig Folge der radikalen Gewichtsreduktion. Eine Diät erzielte in einer Vergleichsstudie in New England Journal of Medicine (2020; DOI: 10.1056/NEJMoa2003697) vergleichbare Effekte, sie vermeidet jedoch einige Nachteile der Operation.

Bariatrische Operationen gelten derzeit als die effektivste Methode zur Gewichts­reduktion. Die größte Wirkung wird mit einer Kombination aus einer Magenverkleinerung mit einer Darmverkürzung erzielt. Beim Roux-en-Y-Magenbypass wird der Magen, der bei adipösen Menschen die Größe eines Fußballs erreichen kann, auf einen Tischtennisball (15 bis 20 ml) verkleinert.

Der Magenpouch wird mit einer hochgezogenen Dünndarmschlinge verbunden. An diese alimentäre Schlinge wird nach einer Länge von 75 bis 150 cm die biliodigestive Schlinge aus dem abgetrennten Restmagen mit dem Duodenum (30 bis 50 cm Länge) seitlich verbunden. Das Magenpouch zwingt die Patienten zur Aufnahme kleinerer Mahlzeiten. Die Resorptionsstrecke ist durch die verspätete Einleitung von Galle und Pankreas­enzymen vermindert.

Der Effekt ist eine rasche Gewichtsabnahme, die mit einer Verbesserung des Glukose­stoffwechsels verbunden ist. Die Insulinresistenz bessert sich und bei 50 bis 80 % der Patienten verschwindet ein Typ-2-Diabetes – am häufigsten bei jüngeren Patienten und bei Patienten mit kürzerer Diabetesdauer (Im Spätstadium ist ein Typ-2-Diabetes nicht mehr reversibel, weil die Beta-Zellen nach jahrelanger Überproduktion von Insulin geschädigt sind).

Diese „wundersame“ Wirkung der bariatrischen Chirurgie hat zu der Vermutung geführt, dass die Operation vielleicht doch mehr erreicht, als nur ein Kurzdarmsyndrom und eine Verkürzung der Transitzeit für die Speise zu erzeugen.

Ein Team um Samuel Klein von der Washington University School of Medicine in St. Louis verglich in einer Studie 11 adipöse Typ-2-Diabetiker, die nach einer Magenbypass-Operation 23,0 kg abgenommen hatten, mit 11 adipösen Typ-2-Diabetikern, die ihr Gewicht allein mit der Diät um 21,9 kg gesenkt hatten. Bei den chirurgischen Patienten war der HbA1c-Wert von 7,2 auf 6,0 % gesunken. In der Diätgruppe war es zu einem Rückgang von 8,0 auf 5,6 % gekommen.

Nachdem die Teilnehmer ihr Gewicht über mehrere Wochen gehalten hatten, wurden sie für 24 Stunden zu einer genauen Stoffwechseluntersuchung in die Klinik eingeladen. Primärer Endpunkt war die Bestimmung der hepatischen Insulinsensitivität. Das ist die Fähigkeit von Insulin, nach den Mahlzeiten die Aufnahme der Glukose in die Leber zu stimulieren. Bei gesunden Menschen vermeidet dies allzu große Blutzuckerspitzen nach den Mahlzeiten. Bei einem Typ-2-Diabetes gelingt dies aufgrund einer Insulinresistenz nicht mehr.

Die hepatische Insulinsensitivität lässt sich mit einem hyperinsulinämischen eugly­kämischen pankreatischen Clamp-Test bestimmen. Dabei wird die körpereigene Insulinproduktion durch den Wirkstoff Octreotid komplett gehemmt.

Die Teilnehmer erhalten eine bestimmte Menge Insulin infundiert. Gleichzeitig wird der Blutzucker durch Glukoseinfusionen konstant gehalten. Die Menge Glukose, die dazu infundiert werden muss, entspricht der Glukoseaufnahme in die Zellen. Bei einer niedrigen Insulingabe wird die Glukose komplett von der Leber aufgenommen. Bei einer höheren Insulindosis werden auch die Muskelzellen bedient.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich in beiden Gruppen die Insulinresistenz in der Leber, aber auch in Fett- und Muskelgewebe deutlich verbessert hat, wobei es keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen gab.

Auch der Rückgang des Körperfettes war in beiden Gruppen gleich, wobei vor allem die Leberverfettung deutlich zurückging (von 13,2 auf 3,8 % in der Diätgruppe und von 16,9 auf 5,8 % nach der Operation). Die Funktion der Beta-Zellen verbesserte sich in beiden Gruppen und die Patienten konnten ihre Diabetesmedikamente reduzieren.

Bei der postprandialen Resorption gab es deutliche Unterschiede. Nach der Operation kommt es infolge eines „Dumpings“ des Speisebreis von dem Magenpouch in den Dünndarm zu einem raschen Anstieg der Blutglukose, die eine Insulinspitze zur Folge hat. Später steigt die Konzentration der freien Fettsäuren an.

Die Operation führt auch zu einer Veränderung des Mikrobioms. Zu den Folgen zählt eine verminderte Bildung und Resorption von verzweigtkettigen Aminosäuren, die der Körper nicht selbst herstellen kann. Nach der Operation waren auch erhöhte Gallensäurekonzen­tra­­tionen im Plasma nachweisbar.

Dem Stoffwechsel scheint die ungleichmäßige Resorption nicht geschadet zu haben. Das Dumping ist für viele Patienten jedoch unangenehm. Patienten, die sich zu einer freiwilligen Diät entschließen, könnten am Ende eine bessere Lebensqualität haben, als wenn sie durch die Operation zu einer Gewichtsreduktion gezwungen werden.

Die Umstellung der Ernährung scheint viele Patienten jedoch zu überfordern. Bariatrische Operationen werden deshalb immer beliebter. In den USA lassen sich jedes Jahr mehr als 250.000 Menschen operieren, wobei die Sleeve-Gastrektomie inzwischen beliebter ist als ein Roux-en-Y-Magenbypass. Weltweit soll die Zahl der Adipositasopera­tionen bei 400.000 pro Jahr liegen. © rme/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 16. September 2020, 11:08

Meine hausärztlichen Empfehlungen

Aus meiner hausärztlichen Erfahrung:

1. AUTHENTIZITÄT - stark übergewichtige (BMI 35++) KollegInnen sollten keine Ernährungsberatung machen, es sei denn, sie üben sich in

2. BESCHEIDENHEIT, was ihre eigenen Gewichtsreduktions-Ziele und Aktivitäten angeht.

3. CRASH-DIÄTEN sollten vermieden werden. Sie führen zu Jo-Jo-Effekten und höherer Inzidenz von Cholelithiasis.

4. EINSCHRÄNKUNGEN - es geht nicht ohne massive Veränderung und Reduktion der Energieaufnahme.

5. FERTIGGERICHTE müssen weg, auch wenn es der Lebensmittelindustrie nicht passt!

6. GESUNDHEIT und Ernährung ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit.

7. HILFREICH sind ausgewogene Diäten, ob low fat, low carb, paläo, ovo-lacto-vegetarisch, trennkost oder intervall.

8. JUTE STATT PLASTIK: eigenhändig frisch zubereitet, z. B. Salat (nicht keimbelastet im Plastikbeutel) oder ungezuckerter Vollmilch-Joghurt mit frischen (!) Früchten verdünnt, nicht verarbeitetes (unprocessed meat) Fleisch usw.

9. KUNST ODER KANN DAS WEG? Kein Kunstkäse, vegetarischer Fleisch- und Wurstersatz, Eiweiß- oder Milchpulver, Kunstaromen, Geschmacksverstärker und unnötige Zusatzstoffe.

10. LIEBER mit gutem Gewissen genießen, statt unnötig kasteien.

11. MENGEN reduzieren. Auch Alkohol, Zigaretten und a l l e weiteren Drogen gehören dazu!

12. NICHT NACHLASSEN - auch Diätfehler, Exzesse und Ausrutscher sind korrigierbar.

13. OPULENTE Gewürze, Blüten, Dekos mit Kräutern - das Auge ist mit!

14. PROTEINREICH ist nicht Alles, aber Wichtig. Fette und Kohlenhydrate sind qualitativ, nicht quantitativ gefragt.

15. QUINOA ist schön und gut, aber durch heimische Produkte ersetzbar.

16. REGIONALITÄT hilft nicht nur die CO2-Bilanz zu verbessern.

17. SESAM ÖFFNE DICH - japanische, chinesische und fernöstliche Lebens-("in der Ruhe liegt die Kraft") und Ernährungsweisen mit pflanzlichen Ölen, viel Gemüse und moderaten Fleisch- und Fischmengen können die legendäre in Japan belegte Lebenserwartung mit bedingen (ausgenommen SUMO-Ringer). Dies gilt auch für die europäische mediterrane Diät mit moderatem Alkoholgenuss.

18. TEE-ZEREMONIE - ostfriesisch entspannend und beruhigend auch mit Sahne im hektischen Alltagsleben, doch bitte wenn erforderlich nur Rohr- statt Rübenzucker verwenden.

19. UMWELTBEWUSSTSEIN fördern, UNIFORMITÄT vermeiden. Regionalität ist ein wichtiges Thema, aber kein Dogma. Fisch (der manchmal aus Alaska/USA kommt) muss man mögen; bitte nichts erzwingen.

20. VIELFALT VS. VEGANISMUS: Das Nahrungs- und Genussmittelangebot ist bei uns im Gegensatz zu Dritte-Welt- und Schwellenländern allgemein zugänglicher Luxus auch bei ALDI & Co geworden. Eine bewusste Mangelernährung ist bei menschlichen Omnivoren und mit Muttermilch Gestillten m. E. obsolet.

21. WAHRHEITEN, allgemeingültig,
herauszufinden, ist in der Oekotrophologie fast unmöglich. Interessenverbände, Lobbyisten, "gekaufte" Wissenschaft, "Gesundheits"-Politik, "pressure groups" schaffen nicht Wissen, sondern Marktmacht, Trends, Meinungsmache und dienen den Kapitalverwertungsinteressen der global operierenden Lebensmittelkonzerne.

22. X-DIÄTEMPFEHLUNGEN nutzen rein gar nichts, wenn der Input regelmäßig größer als der Output ist. Selbst einen Hund anzuschaffen nützt nichts, wenn dieser nur auf dem Laufband "gassi" geht.

23. ALL-YOU-CAN-EAT/YOU-CAN-DRINK und FLATRATE-MENTALITÄT sind echte Totengräber im Gesundheits- und Krankheitswesen post-industrieller Gesellschaften - zugleich schaffen medizinische Forschung, Entwicklung und Versorgung die höchsten Lebenserwartungen der Welt.

24. ZEIT ist der wichtigste Faktor bei der eigenständigen Beschaffung, Zubereitung und dem genussvoll Verzehr von Speisen und Getränken - so wichtig wie die Luft zum Atmen. Das sollten wir uns alle nicht nehmen lassen.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Ramatuelle/F)
Avatar #96107
amsharm
am Freitag, 21. August 2020, 20:16

Wirksamkeit und Effektivität sind nicht das gleiche.

Die Arbeit zeigt zwar, dass eine vergleichbare kurzfristige diätetisch erzielte Gewichstabnahme zu Ergebnissen führen kann, die mit einer chirurgischen Behandlung vergleichbar wären, aber in der Praxis sind die langfristigen Ergebnisse kaum vergleichbar. So ist die längerfristige Gewichtsreduktion mit der bariatrischen Chirurgie um ein Vielfaches besser als mit jeglichen diätetischen Maßnahmen. Hierzu auch folgender Kommentar: https://conscienhealth.org/2020/08/comparing-apples-scalpels-in-the-nejm/
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