NewsMedizinSARS-CoV-2: Singen bei gleicher Lautstärke nicht infektiöser als Sprechen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

SARS-CoV-2: Singen bei gleicher Lautstärke nicht infektiöser als Sprechen

Freitag, 21. August 2020

/CameraCraft, stock.adobe.com

Bristol – Beim Singen wird die gleiche Anzahl von Tröpfchen und Aerosolen freigesetzt wie beim Sprechen. Entscheidend für die ausgestoßene Anzahl der Partikel war in einer experimentellen Studie in ChemRXiv (DOI: 10.26434/chemrxiv.1278922.v1) (Online) in erster Linie die Lautstärke. Unterschiede zwischen den einzelnen Probanden gab es beim Atmen.

Berichte über SARS-CoV-2-Ausbrüche in Chören haben zu einem weitgehenden Verbot von Konzerten beigetragen. Die Gefahr für die Sänger und auch für die Zuhörer (zumindest in den ersten Reihen) wird als hoch eingestuft. Unklar ist allerdings, ob von Sängern ein höheres Risiko ausgeht als von Schauspielern.

Anzeige

Ein Team von Medizinern und Ingenieuren hat jetzt zusammen mit 25 professionellen Sängern untersucht, wie hoch die Konzentration der Tröpfchen und Aerosole bei verschiedenen Darbietungen ist. Die Sänger kamen aus verschiedenen Musikrichtungen vom Musiktheater, über Chöre, Oper bis zu Gospel, Rock, Jazz oder Pop.

Die PERFORM-Studie (ParticulatE Respiratory Matter to InForm Guidance for the Safe Distancing of PerfOrmeRs in a COVID-19 PandeMic) wurde in einem Operationssaal durchgeführt, in dem normalerweise streng aseptische orthopädische Eingriffe stattfinden.

Der Saal verfügte über eine „laminar flow“-Belüftung, die die Luft frei von Keimen und anderen Partikeln hält. Die Experimente fanden deshalb vor einem „zero Aerosol“-Hinter­gund statt. Die Künstler wurden gebeten, Töne und Melodien in einen Trichter zu singen. Dabei sollten sie die Lautstärke zwischen 50-60 dB, 70-80 dB und 90-100 dB variieren. Die aufgefangene Atemluft wurde mit einem „Aerodynamic Particle Sizer“ analysiert.

Wie das Team um Jonathan Reid von der Universität Bristol berichtet, stieg die Zahl der Partikel mit der Lautstärke an. Dabei spielte es keine Rolle, aus welchem Fach die Sänger waren. Opernsänger produzierten nicht mehr Tröpfchen und Aerosole als Popmusiker, sofern sie in der gleichen Lautstärke sangen. Auch das Geschlecht und der Body-Mass-Index oder die Lungenfunktion („Peak Flow“) der Sänger beeinflussten die Messergebnisse nicht.

Interessanterweise war der Partikelausstoß nicht niedriger, wenn der Satz „Happy Birthday to you“ gesprochen statt gesungen wurde. Entscheidend war die Lautstärke. Singen und Sprechen produzierten in der Regel eine größere Menge an Aerosolen als einfaches Atmen ohne Intonation. Auch der Anteil der größeren Partikel war höher.

Es gab allerdings einige Teilnehmer, die beim Atmen ungewöhnlich viele Aerosole ausstießen. Tatsächlich produzierten 4 Teilnehmer beim Atmen mehr Aerosole als beim lauten Sprechen (90 bis 100 dB). Der Grund hierfür ist unklar.

Die Studie zeigt, dass es im Prinzip keine Unterschiede zwischen der Form der Vokali­sation gibt. Das Infektionsrisiko dürfte ähnlich sein. Rückschlüsse auf das Risiko bei den verschiedenen Kulturveranstaltungen sind nicht möglich, zumal die Experimente nur an einzelnen Sängern durchgeführt wurden, in der Regel aber mehrere Akteure auf der Bühne stehen. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #799936
hdfink
am Dienstag, 25. August 2020, 12:50

Stimmbänder

Es ist bekannt, dass schnell schwingende mechanische Systeme zur Bildung feiner Tröpfchen bis hin zu Aerosolen beitragen können. Dieser Effekt wird z.B. in "kalten" Luftbefeuchtern genutzt. Insofern erscheint es mir plausibel, dass die beim Intonieren schnell schwingenden, feuchten Stimmbänder durchaus zur Aerosolbildung beitragen können und mithin ein signifikanter Unterschied zwischen Singen und stimmlosem Atmen besteht.
Avatar #720508
e.ne
am Dienstag, 25. August 2020, 05:13

Wir sind doch Aerosole (seit Beginn der Menschheit) gewöhnt.

Nicht nur von uns Menschen auch von unseren Haustieren.
Wenn wir alle auf Mund, HNO, Zahnhygiene achten -
den Mund schön spülen - was Covid 19 im Mund eliminieren soll -
Künstler noch zwischen ihren Auftritten in den Pausen,
dann sollten sie ohne Masken auftreten können.
Während die Zuschauer/hörer ihre Masken tragen.
Händewaschen nicht vergessen.
Das Sprechen/Singen mit Maske produziert auf jeden Fall mehr Aerosole
aufgrund der Anstrengung lauter und artikulierter sprechen/singen zu müssen um verstanden zu werden, (die Maske ist sofort innen feucht -
und Aerosole können ggf trotzdem entweichen)
als ohne Maske - da fühlt sich Jeder sofort sehr viel freier.
Je besser (entspannter) sich der Mensch fühlt, desto normaler reguliert sich auch die Ausatemluft. Sänger/Schauspieler dürfen sich natürlich nicht anstecken. Ich denke, sie werden Modi finden über "Abstand halten 1,5-2 Meter" + Maske hinaus. - Die vordersten Reihen könnten auch unbesetzt bleiben. -
Wie weit ist man denn mit dem Testen von Blasinstrumenten? Was kommt denn da tatsächlich man Ausblasluft raus?

Avatar #720508
e.ne
am Dienstag, 25. August 2020, 04:43

@Dr. Th. G. Schaetzler

"4 Teilnehmer produzierten beim (Aus)atmen mehr Aerosole als beim lautem Sprechen (90-100dB). Der Grund blieb unklar."
Dass einige Menschen eine feuchtere Aussprache haben als Andere, war früher schon (immer) bekannt. Darauf wurde geachtet und man nahm sich in acht. Dass die Ausatemluft feuchter sein kann als lautes Sprechen
erstaunt mich nicht so sehr. Durch das Sprechen wird der Mund trocken.
Durch das bloße Ausatmen verbleibt mehr Feuchtigkeit im Mund, die mit
der nächsten Ausatmung wahrscheinlich konstant bleibt, weil sofort wieder Speichel neu gebildet wird. -
Man könnte also Sänger und Schauspieler auftreten lassen -
wenn sie sowieso 2-mehrfach täglich, vor dem Auftritt ggf während dessen den Mund spülen. > Was zum Abtöten von Covid 19 Viren im Mund
führen soll.
Avatar #745246
Andre B.
am Montag, 24. August 2020, 23:59

Luftübertragung von SARS-CoV-2 - Theoretische Überlegungen und verfügbare Beweise

Auch wenn generell viel mehr über das tatsächliche fehlende Gefahrenpotenziall des Virus gesprochen werden sollte, anstatt die umstrittenen eingeleiteten Maßnahmen auf Ihre "Wirksamkeit" zu überprüfen, ohne dabei aber primär die ursächliche Notwendigkeit dessen zu hinterfragen, so möchte ich trotzdem eine weitere anschauliche wissenschaftliche Arbeit zum Thema beitragen.

Ein Team um Michael Klompas von der "Harvard Medical School" hat sich in einer Studie, die im "Journal of the American Medical Association" erschien, der Thematik "Luftübertragung von SARC-CoV-2 angenommen.

Zwar sei unstrittig, dass Sprechen und Husten generell zur Bildung von Aerosolen führen, so die Wissenschaftler — nur sei das wenig relevant.

«Trotz der diesbezüglich experimentellen Daten sind die Infektionsraten in der Bevölkerung und die Übertragung innerhalb von Gruppen im Alltag nur schwer mit einer aerosolbasierten Ansteckung über größere Distanzen zu vereinbaren», zitiert Focus die Autoren.

Damit nicht genug. «Auch die Ansteckungsraten von medizinischem Personal, das unwissentlich Covid-19-Patienten behandelte, seien sehr niedrig, früheren Untersuchungen zufolge liege ihr Anteil bei unter drei Prozent, so die Forscher weiter». >>> https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2768396
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 24. August 2020, 23:26

Neu-/Korrekturfassung

Singen/Sprechen - Wissenschafts- und erkenntnistheoretische Fragezeichen bei PERFORM

Der Vokal "E " wird mit 95 dB gesungen und mit etwa 40 dB gesprochen: https://www.thieme-connect.de/media/10.1055-b-002-44921/lookinside/10-1055-b-002-44921_chapter029-2.jpg
Ein Singen bei gleicher Lautstärke wie Sprechen ist im Alltag m.E. gar nicht möglich. Vergleichbar ist Singen nur mit laut schreienden Sprechen.

Wenn beim Singen die gleiche Anzahl von Tröpfchen und Aerosolen freigesetzt wird, wie beim Sprechen, ist die ausgestoßene Anzahl der Partikel nach der experimentellen PERFORM-Studie (ParticulatE Respiratory Matter to InForm Guidance for the Safe Distancing of PerfOrmeRs in a COVID-19 PandeMic) in ChemRXiv (DOI: 10.26434/chemrxiv.1278922.v1) lediglich von der Lautstärke abhängig. Deutliche Unterschiede habe es nur beim Atmen gegeben.

Weil es Kasuistiken über SARS-CoV-2-Ausbrüche in Chören gab, hatte ein Team von Medizinern und Ingenieuren zusammen mit 25 professionellen Sängern, aber ohne professionelle Sprecher bzw. normal Sprechende als Vergleichsgruppe, untersucht, wie hoch die Konzentration der Tröpfchen und Aerosole bei verschiedenen Darbietungen ist. Beim Satz „Happy Birthday to you“, gesprochen oder gesungen, war wenig überraschend die Lautstärke entscheidend.

Singen und Sprechen produzieren eine größere Menge an Aerosolen als einfaches Atmen ohne Intonation. Einige Teilnehmer stießen jedoch beim Atmen ungewöhnlich viele Aerosole aus. 4 Teilnehmer produzierten beim Atmen mehr Aerosole als beim lauten Sprechen (90 bis 100 dB). Der Grund dafür blieb unklar.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 21. August 2020, 21:30

Wissenschafts- und erkenntnistheoretische Fragezeichen

Der Vokal "E" wird mit 90 dB gesungen und mit nur 45 dB gesprochen: https://www.thieme-connect.de/media/10.1055-b-002-44921/lookinside/10-1055-b-002-44921_chapter029-2.jpg

Ein Singen bei gleicher Lautstärke wie Sprechen ist gar nicht möglich. Vergleichbar ist Singen nur mit laut schreienden Sprechen.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER