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Medizin

COVID-19: Remdesivir erzielt bescheidene Wirkung bei Patienten ohne Sauerstoffbedarf

Montag, 24. August 2020

/felipecaparros, stock.adobe.com

Foster City/Kalifornien – Das Virustatikum Remdesivir, auf das zu Beginn der COVID-19-Pandemie große Hoffnungen gesetzt wurden, hat in einer randomisierten Studie an Pa­tienten mit mittelschweren Erkrankungen die Erwartungen nicht erfüllt.

Laut der Publikation im Amerikanischen Ärzteblatt JAMA (2020; DOI: 10.1001/jama.2020.16349) konnte zwar mit einer verkürzten 5-tägigen Behandlung die klinische Situation von Patienten ohne Sauerstoffbedarf verbessert werden. Die Unter­schiede zur Standardtherapie waren jedoch gering.

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Die Evidenz zu Remdesivir bei COVID-19 gründet sich derzeit vor allem auf die Ergeb­nis­se des „Adaptive COVID-19 Treatment Trial“ (ACTT-1). In der von den US-National Institu­tes of Health gesponserten Studie mit 1.063 Teilnehmern verkürzte Remdesivir die Erho­lungszeiten der Patienten im Vergleich zu Placebo signifikant von 15 auf 11 Tage. Die Mor­talität wurde von 11,9 auf 7,1 % gesenkt. Der Unterschied war hier jedoch nicht sig­nifikant (Hazard Ratio 0,70; 95-%-Konfidenzintervall 0,47 bis 1,04).

Am ACTT-1 hatten überwiegend Patienten teilgenommen, die bereits Sauerstoff benötig­ten oder beatmet werden mussten. Explorative Analysen hatten jedoch darauf hingewie­sen, dass das Virustatikum im Frühstadium der Erkrankung bessere Ergebnisse erzielen könnte. Deshalb wurden die Ergebnisse einer weiteren Studie des Herstellers mit Spann­ung erwartet.

Es handelt sich um eine der beiden Phase-3-Studien (SIMPLE), die der Hersteller für die Zulassung in den USA durchgeführt hat (wo Remdesivir anders als in Europa nur über eine vorläufige Emergency use authorization eingesetzt werden darf).

An der Studie hatten an 105 Kliniken in den USA, Europa und Asien 584 Patienten teilge­nommen, bei denen es nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 zwar zu einer Pneumonie ge­kommen war, die aber eine gute Sauerstoffsättigung von über 94 % hatten und deshalb (noch) keinen Sauerstoff benötigten.

Die Teilnehmer wurden (wie auch in der zweiten SIMPLE-Studie mit schwerer erkrankten Patienten) auf drei Studienarme randomisiert. In 2 Studienarmen erhielten sie über 5 Ta­ge oder 10 Tage täglich eine Infusion mit Remdesivir. In der dritten Gruppe erhielten die Patienten eine Standardtherapie. Die Studie war nicht Placebo-kontrolliert (angeblich standen nicht genügend Placebo-Präparate zur Verfügung), was die Aussagekraft der Studie einschränkt.

In der Standardgruppe erhielten die Patienten deutlich häufiger andere Wirkstoffe wie Hydroxychloroquin, Lopinavir/Ritonavir, Azithromycin und auch Tocilizumab, was die Er­gebnisse, etwa die Entscheidung zur Entlassung aus der Klinik, beeinflusst haben könnte.

Der primäre Endpunkt der Studie war eine Verbesserung des klinischen Zustands am Tag 11. Er wurde mit einer 7-Punkte-Ordinalskala erfasst, die von 1 (Tod) bis 7 (Entlassung aus der Klinik) reichte. Nach den jetzt vorgestellten Ergebnissen kam es in der Gruppe mit 5-tägiger Behandlung schneller zu einer Erholung.

Diana Brainard vom Hersteller Gilead Sciences und Mitarbeiter geben ihn mit einer um 65 % höheren Chance auf einen besseren Zustand auf der 7-Punkte-Ordinalskala an. Die Odds Ratio von 1,65 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,09 bis 2,48 signifikant.

Interessanterweise erzielte die längere 10-tägige Behandlung keine Verbesserung. Ob dies daran lag, dass in dieser Gruppe nur 38 % der Patienten alle Infusionen erhielten, ist unklar. In der Gruppe mit 5-tägigen Infusionen beendeten 76 % die Behandlung planmä­ßig.

Die klinische Relevanz der schnelleren Erholung, zu der es nach der 5-tägigen Remdesi­vir-Behandlung kam, ist nach Einschätzung von Brainard unklar. Immerhin gab es unter der 5-tägigen Remdesivir-Behandlung keinen einzigen Todesfall (gegenüber 4 von 200 Patienten unter der Standardtherapie) und es musste kein Patient invasiv beatmet wer­den (ebenfalls 4 Fälle unter der Standardtherapie).

Allerdings ist die Entscheidung zur Beatmung nicht ganz frei von subjektiven Einflüssen, die deshalb möglicherweise bei Patienten, die „unter dem Schutz“ von Remdesivir stan­den, seltener getroffen wurde.

Im „härtesten“ Endpunkt, dem Tod innerhalb von 28 Tagen, gab es keine Unterschiede: Die Mortalität betrug nach 5-tägiger Remdesivir-Behandlung 1 % (0,0 bis 2,6 %) und nach der Standardbehandlung 2 % (0,1 bis 4,1 %). Die meisten Patienten haben demnach ihre insgesamt mittelschwere Erkrankung auch unter der Standardtherapie gut überstanden und hätten möglicherweise keine täglichen Remdesivir-Infusionen benötigt.

Der Stellenwert der Remdesivir-Behandlung dürfte jetzt von den Ergebnissen der zweiten SIMPLE-Studie abhängen, in der Patienten mit einem schwereren Verlauf von COVID-19 behandelt wurden. © rme/aerzteblatt.de

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