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Medizin

Ist eine Spontanheilung von HIV möglich? Elite-Controller schicken Virusgene in die Wüste

Donnerstag, 27. August 2020

/Siarhei, stock.adobe.com

Boston – Eine 66-jährige Frau aus Kalifornien könnte der dritte Mensch sein, der eine HIV-Infektion überwunden hat. Anders als der Berliner Patient Timothy Brown und der Londoner Patient Adam Castillejo verdankt die von den Medien als Loreen Willenberg identifizierte Patientin ihre Heilung nicht einer Stammzelltherapie.

Nach den in Nature (2020; DOI: 10.1038/s41586-020-2651-8) vorgestellten Unter­suchungs­ergebnissen könnte das Immunsystem das Virus eigenständig beseitigt haben.

Die Patientin gehört zu einer Gruppe von 64 Elite-Controllern, die ein Team um Xu Yu vom Ragon Institute in Boston genauer untersucht hat. Als Elite-Controller werden jene etwa 0,5 % der HIV-Infizierten bezeichnet, bei denen es dem Immunsystem gelingt, die Virusreplikation zu kontrollieren. Bei Willenberg war die Infektion 1992 festgestellt worden. Sie kam seither ohne antiretrovirale Medikamente aus. Nur nach einer Grippe­erkrankung soll es kurzfristig zu einem Anstieg der Virusreplikation gekommen sein.

Inzwischen sind die Viren nicht mehr im Blut nachweisbar. Yu führt dies auf eine Strate­gie des Immunsystems zurück, die die Virusgene im Genom der infizierten T-Zellen an Stellen verschiebt, an denen sie nicht abgelesen werden.

HI-Viren führen zu einer dauerhaften Infektion, weil sie als Retroviren ihre Gene in die DNA der Zellen integrieren. Dort werden sie zusammen mit anderen Genen regelmäßig als Boten-RNA abgelesen und in den Ribosomen in Proteine umgesetzt, aus denen dann neue Viren entstehen.

Die ausführlichen Genanalysen bei den Elite-Controllern ergaben nun, dass sich die einzelnen Virusgene in der Nähe der Zentromere in sogenannten Satelliten-DNA oder in der „Krüppel assoziierten Box“ befanden, wo Gene selten oder gar nicht abgelesen werden. Diese Regionen werden auch als Genwüsten bezeichnet.

Yu glaubt nicht, dass die Integration der Virusgene an einer für die Replikation ungüns­tigen Stelle ein Zufall ist. Sie vermutet, dass es sich um eine aktive Reaktion des Immun­systems handelt, das sich durch Isolierung und Blockierung („locked and blocked“) von der Infektion zu befreien versucht.

Als Argument führt die Forscherin Experimente an, in denen die Zellen der Elite-Controller im Labor mit „frischen“ HI-Viren infiziert wurden. Die Virusgene wurden an Stellen des Genoms integriert, die eine Virusreplikation ermöglichen würden.

Diese Argumentation erscheint nicht ganz schlüssig. Es fehlt der Beweis, dass die Virusgene im Körper vom Immunsystem erneut an Stellen verfrachtet würden, wo sie keinen Schaden anrichten könnten (eine absichtliche Infektion der Elite-Controller mit HI-Viren verbietet sich natürlich aus ethischen Gründen).

Was auch immer die Isolierung und Blockierung der HIV-Gene verursacht hat. Bei Willen­berg scheint die Strategie erfolgreich gewesen zu sein. Die Frau ist nicht nur virusfrei. Auch die Virusgene scheinen vollständig verschwunden zu sein.

Laut Yu waren in einer Blutprobe mit mehr als 1,5 Milliarden Leukozyten keine Gense­quen­zen des Virus mehr nachweisbar. Dies spreche für eine „sterile Heilung“ der HIV-Infektion, die anders als bei dem Berliner und dem Londoner Patienten ohne eine allo­gene hämatopoetische Stammzelltransplantation erfolgte. © rme/aerzteblatt.de

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