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Medizin

SARS-CoV-2: Warum Männer häufiger schwer erkranken

Donnerstag, 27. August 2020

/DC Studio, stock.adobe.com

New Haven/Connecticut – Männer zeigen bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 vor allem im Alter eine schwächere zelluläre Immunreaktion als Frauen. Die Neigung zu einem Zytokinsturm scheint nach einer Studie in Nature (2020; DOI: 10.1038/s41586-020-2700-3) jedoch erhöht. Beides könnte erklären, warum COVID-19 bei Männern häufiger tödlich verläuft.

Weltweit treten etwa 60 % der Todesfälle an COVID-19 bei Männern auf. In einer Kohorten­studie aus England war das Sterberisiko von Männern um 59 % erhöht (Nature 2020; DOI: 10.1038/s41586-020-2521-4).

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Dass ein männliches Geschlecht die Anfälligkeit für Infektionen erhöhen kann, ist bekannt. So erkranken Männer häufiger an Hepatitis A oder Tuberkulose. Bei einer Hepatitis C und bei HIV ist die Viruslast im Blut bei Männern höher. Hinzu kommt, dass Frauen besser auf Impfungen ansprechen.

Mediziner führen diesen Vorteil darauf zurück, dass das Immunsystem von Frauen im Fall einer Schwangerschaft auch das ungeborene Kind schützen muss (das auch in den ersten Monaten nach der Geburt noch von den transplazentaren Antikörpern und den Anti­körpern in der Muttermilch profitiert).

Der Nachteil ist die bei Frauen wesentlich höhere Rate von Autoimmunerkrankungen, die ihren Ursprung teilweise in einer Verwechselung der körpereigenen Antigene mit denen von Bakterien oder Viren haben sollen.

Die COVID-19-Pandemie bietet eine gute Gelegenheit, die geschlechtsspezifischen Unterschiede näher zu untersuchen. Noch niemals sind zu einer Infektionskrankheit innerhalb kurzer Zeit so viele Daten gesammelt und Bioproben archiviert worden.

Ein Team um Akiko Iwasaki von der Yale Universität in New Haven hat Patienten unter­sucht, die wegen einer relativ milden Erkrankung nicht mit Steroiden oder Tocili­zumab behandelt wurden, die die Immunreaktion dämpfen oder den Zytokinsturm abschwächen könnten. Dabei achteten die Forscher darauf, dass sie nur Männer und Frauen verglichen, die in etwa die gleiche Virus-RNA-Menge in den Abstrichen hatten.

Das erste, was Iwasaki auffiel, war die unterschiedliche Konzentration der Zytokine und Chemokine. Bei Männern waren schon bei der Erstuntersuchung die Interleukine 8 und 18 höher als bei Frauen. Während des Krankheitsverlaufs kam dann noch ein stärkerer Anstieg von CCL5 hinzu.

Alle 3 Zytokine sind an der angeborenen Immunabwehr beteiligt. Das Ziel ist eine Entzündungsreaktion, die eine erste Barriere gegen Krankheitserreger aufbaut. Zu diesem System gehören auch die Monozyten, die als Makrophagen im Gewebe die „Trümmer“ beseitigen. Bei den Männern kam es denn auch zu einem stärkeren Anstieg der „Non-classical“-Monozyten, eine von 3 Subpopulationen der Monozyten.

Die Abwehr des angeborenen Immunsystems ist jedoch nicht besonders zielgerichtet. Bei einer zu starken Aktivierung besteht zudem die Gefahr eines „Zytokinsturms“, der erhebliche Kollateralschäden anrichten kann. Die von Iwasaki vorgestellten Daten deuten darauf hin, dass Männer hierfür anfälliger sind als Frauen.

Ein zweiter Unterschied besteht in der T-Zell-Antwort. T-Zellen können infizierte Zellen abtöten, was eine weitere Replikation der Viren verhindert. Es handelt sich damit um eine zielgerichtete Aktion, die weniger Begleitschäden verursacht.

Iwasaki fand heraus, dass bei den weiblichen Patienten schon bei der Erstuntersuchung eine robustere T-Zell-Reaktion nachweisbar war. Vor allem die Zahl der aktivierten CD8-T-Zellen war erhöht.

Weitere Beobachtungen ergaben, dass die schwächere T-Zell-Reaktion bei den männ­lichen Patienten mit einer klinischen Verschlechterung verbunden war. Dies war vor allem bei älteren Männern der Fall, während die Fähigkeit zur T-Zell-Reaktion bei den Frauen mit dem Alter kaum nachließ. Bei Frauen wiesen eher höhere Zytokinwerte auf einen schweren Verlauf von COVID-19 hin.

Die Ergebnisse lassen laut Iwasaki vermuten, dass Männer möglicherweise mehr als Frauen von Impfstoffen und von Therapien profitieren, die die T-Zell-Immunantwort verstärken. Frauen könnte dagegen der frühzeitige Einsatz von Medikamenten wie Tocilizumab nutzen, die die angeborene Immunaktivierung dämpfen. Es bleibt abzuwarten, ob klinische Studien diese Vorhersage der Immunologin bestätigen. © rme/aerzteblatt.de

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