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Vermischtes

„Wir müssen uns die Struktur im Alltag zurückerobern“

Montag, 7. September 2020

Berlin – Digitale Medien haben in der COVID-19-Pandemie einen enormen Zuwachs er­fah­ren. Viele Menschen nutzen das Internet deutlich häufiger als zuvor. Dabei stellt sich die Frage: Wieviel ist zu viel?

Das Deutsche Ärzteblatt sprach mit Christian Montag, Pro­fessor für Molekulare Psycholo­gie an der Universität Ulm, über die Risiken und Nebenwir­kungen einer zunehmend digi­talen Gesellschaft. Montag forscht mit molekulargeneti­schen und bildgebenden Verfah­ren zu den biologischen Grundlagen der menschlichen Persönlichkeit. Einer seiner For­schungsschwerpunkte beschäftigt sich mit der Frage, wie die Digitalisierung den Men­schen verändert und welche Auswirkungen das auf unsere Gesellschaft hat.

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5 Fragen an Christian Montag, Professor für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm

DÄ: Sie sprechen in Ihren Vorträgen nicht von „Internetsucht“, sondern von „problematischer Internetnutzung“ oder „internetbezogenen Störungen“. Aber wie macht uns das Internet eigentlich abhängig?
Christian Montag: Wie Menschen von der Nutzung be­stimmter Online-Inhalte „abhängig“ werden, ist ein kom­plexer Prozess, bei dem auch individuelle Faktoren eine Rolle spielen.

Als wesentliche Risikofaktoren für das Entwickeln inter­netbezogener Störungen gelten neben negativen Um­welterfahrungen auch individuelle Vulnerabilitäts­fakto­ren wie hohe Neurotizismus- und geringe Gewissen­haftig­keitsausprägungen, aber beispielsweise auch eine Depression in der Krankheits­geschichte eines Menschen.

Nicht zu vergessen ist in diesem Kontext auch das Datengeschäftsmodell hinter vielen Webangeboten: Viele Tech-Konzerne verdienen ihr Geld mit unseren digitalen Fußabdrü­cken und haben daher ein Interesse daran, Online-Plattformen zu schaffen, die auf län­gere Nutzungszeiten abzielen.

Aktuell ist „lediglich“ eine spezifische Form der internetbezogenen Störungen anerkannt – nämlich die Gaming Disorder (früher: Computerspielabhängigkeit). Dieses Störungsbild wurde im Mai 2019 sogar in das ICD-11 aufgenommen (ICD-Code 6C51). Im Bereich der Verhaltenssüchte ist noch das pathologische Glückspiel bekannt. Hier wird aktuell disku­tiert, in wie weit das Aufkommen der vielen Online-Wettplattformen das Problem ver­schärft.

DÄ: Können Sie erklären, wie eine „problematische Internetnutzung“ entsteht und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen?
Montag: Zunächst gehen Menschen einer Online-Tätigkeit in ihrer Freizeit aus Spaß oder Interesse nach. Dies ist natürlich nicht weiter bedenklich. Es wäre schlimm, wenn wir cir­ca 3,5 Milliarden Smartphone-Nutzern auf dem Globus ein Suchtproblem andichten wür­den. Gleiches gilt für die vielen Nutzer von Social Media oder Computerspielen.

Problematisch wird es, wenn die Online-Aktivitäten nachhaltig im Sinne einer Art Selbst­medikation eingesetzt werden: Wenn es einer Person gerade schlecht geht und sie ver­sucht, sich immer wieder mit dem Konsum bestimmter Online-Inhalte abzulenken. Das kann dazu führen, dass irgendwann eine problematische Internetnutzung entsteht. Das Beispiel erklärt übrigens auch zum Teil, warum eine Übernutzung von Online-Inhalten in vielen Arbeiten mit erhöhten Depressions- oder ADHS-Werten einhergeht.

Einen zentralen Punkt für die Vergabe einer Suchtdiagnose oder Störungsbildes („Gaming Disorder“) stellen bedeutsame Beeinträchtigungen im Alltag durch die exzessive Online-Nutzung dar. Beispielsweise, wenn ein Jugendlicher seinen Ausbildungsplatz durch die eigene Gaming-Tätigkeit aufs Spiel setzt.

Neben diesen Alltags-Beeinträchtigungen wird vor allem der Kontrollverlust als Merkmal diskutiert. Dies ist sicherlich eine Parallele zu Suchterkrankungen, genauso wie die Tatsa­che, dass die Online-Tätigkeit weiter aufrechterhalten wird, obwohl es bereits negative Konsequenzen im Alltag gegeben hat.

Mir ist an dieser Stelle wichtig zu sagen, dass ich den Begriff „problematische Internet­nut­zung“ aktuell auch für unscharf halte. Es ist ja nicht klar, ob die problematische Inter­netnutzung die Endstrecke eines Störungsbildes bezeichnet oder eher eine Transitzone zwischen gesundem und psychopathologischem Verhalten.

DÄ: Welche messbaren Auswirkungen hat eine starke Nutzung digitaler Medien auf unseren Körper?
Montag: Was den menschlichen Körper betrifft, so müssen wir unterscheiden, welche Aus­wirkungen peripher-physiologisch beobachtet werden können, aber auch welche dys­funktionalen Prozesse im Gehirn beobachtet werden können.

Während durchaus Auffälligkeiten in der Peripherphysiologie (Herzschlagrate, Hautleit­werte, etc.) bei Menschen mit erhöhten Tendenzen zu internetbezogenen Störungen in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben worden sind, scheinen auch besonders cha­rakteristische Hirnaktivitäten beim Sichten eines eigenen Online-Inhalts zu verzeichnen zu sein (im Fachjargon: Cue-Reactivity).

Gerade bei der Cue-Reactivity sieht man, dass wissenschaftliche Konzepte aus dem Sucht­bereich bei der Erforschung der internetbezogenen Störungen Berücksichtigung finden. Zudem gibt es viele wissenschaftliche Arbeiten, die mithilfe von MRT-Verfahren über Auffälligkeiten in der Struktur des Gehirns von Personen mit internetbezogenen Störungen berichtet haben.

DÄ: Die Digitalisierung der Medizin wird in Deutschland aktuell sehr gefördert. Es gibt di­gitale Arztbesuche, Video-Aufklärungen vor einer OP und selbst Psychotherapie per App. Wie bewerten Sie diese Entwicklungen?
Montag: Ich denke, dass man diese wichtigen Entwicklungen in Psychologie und Medizin zunächst getrennt von dem Themenkomplex der internetbezogenen Störungen sehen muss. Digitale Welten sind nicht mehr aus unserer Gesellschaft wegzudenken und von daher ist es gut, dass wir auch die neuen digitalen Möglichkeiten im Gesundheitssystem mit einbeziehen.

Gerade in der Gesundheitsversorgung von psychischen Erkrankungen haben wir doch gro­ße Engpässe und müssen uns darum bemühen, mit diversen Mitteln die Krankenver­sorgung zu verbessern. Ich forsche selber seit vielen Jahren im Bereich der Psychoinfor­matik, wo wir anhand des Studiums von digitalen Fußabdrücken Vorhersagen auf menta­le Zustände machen.

Dies wird meines Erachtens zukünftig eine wichtige Ergänzung in dem Werkzeugkasten der psychologischen Psychotherapeuten und Psychiater sein. Das geht weit darüber hi­naus, dass der Besuch beim Arzt via Webcam stattfindet. Mir ist aber bewusst, dass hier große ethische und datenschutzrechtliche Themen entstehen, die schnell angegangen werden müssen.

Übrigens wird auch daran gearbeitet, Patienten mit internetbezogenen Störungsbildern eine Online-Therapie zu ermöglichen. Das ist für mich kein Widerspruch – denn das Ziel der Therapie von Patienten mit internetbezogenen Störungen muss doch ein gesunder Umgang mit Online-Welten sein. Wie soll man ansonsten in Zukunft in unserer digitalen Gesellschaft bestehen können?

DÄ: Welche Veränderungen bräuchte es ihrer Meinung nach, um das Internet in gesun­dem Maße benutzen zu können? Können Sie evidenzbasierte Empfehlungen geben, damit Menschen zu einem gesunden Umgang mit digitalen Medien finden?
Montag: Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass wir uns die Struktur im Alltag, die uns durch viele App-Angebote kaputt gemacht worden ist (durch die vielen Unterbre­chun­gen!), zurückerobern müssen. Dabei hilft auch der Einsatz klassischer Zeitgeber wie eine Armbanduhr und ein Wecker im Schlafzimmer, um nicht in allen Situationen unseres Alltags auf das Smartphone zu bauen.

Auf der anderen Seite wird dem Individuum bereits jetzt sehr viel in unserer schnelllebi­gen und stressigen Zeit aufgebürdet. Deswegen ist es dringend an der Zeit auf das Design gesünderer Online-Plattformen zu pochen.

Die Architektur von Online-Plattformen muss in Zukunft so gestaltet werden, dass gesun­des Verhalten gefördert wird. Wenn man so möchte wäre das das Gegenteil von dem, was wir momentan sehen – nämlich das Online-Plattformen so gestaltet sind, dass wir dort mehr Zeit verbringen als es uns lieb ist. © jff/aerzteblatt.de

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