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Vermischtes

Forscher finden keine Belege für Zunahme psychischer Erkrankungen während des Lockdowns

Donnerstag, 3. September 2020

/marjan4782, stock.adobe.com

Stuttgart – Forscher des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI Mannheim) haben in einer Mannheimer Bevölkerungsstichprobe das psychische Befinden während des Lockdowns im April 2020 mit dem Befinden der Menschen im Jahr 2018 verglichen. Die Annahme, psychische Erkrankungen hätten als Folge des Lockdowns zugenommen, können sie auf Basis dieser Daten nicht bestätigen. Die Arbeit ist in der Fachzeitschrift Psychiatrische Praxis erschienen (DOI: 10.1055/a-1222-9067).

„Bislang liegen in Deutschland noch keine Studien zum psychischen Befinden während der COVID-19-Krise vor, die auf bevölkerungsbezogenen Zufallsstichproben beruhen und zeitnahe Vergleichswerte für die Häufigkeit psychischer Störungen in Referenzpopulatio­nen außerhalb der Pandemie liefern“, schreiben die Wissenschaftler um Christine Kueh­ner.

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Der Mannheimer Umfrage liege hingegen ein identisches Studiendesign der Jahre 2018 und 2020 zugrunde. Die Forscher verschickten in beiden Jahren jeweils 2.000 Fragebögen an Adressen in Mannheim. 2020 lag der Rücklauf mit 721 auswertbaren Fragebögen bei 36,9  Prozent. 2018 meldeten sich 444 Personen zurück, das entspricht einem Rücklauf von 23,0 Prozent.

Es ergaben sich danach zwischen 2018 und 2020 keine statistisch signifikanten Unter­schiede bezogen auf die psychische Befindlichkeit, die die Forscher nach dem „WHO-5-Wohlbefindens-Index“ gemessen haben. Die Befragten können angeben, ob sie in den vergangenen drei Wochen guter Laune waren, sie sich ruhig und entspannt gefühlt und sich als aktiv und an bestimmten Dingen interessiert erlebt haben.

Die sechsstufige Bewertungsskala reicht von null (zu keinem Zeitpunkt) bis zu fünf (die ganze Zeit). Auch bei der Auswertung des „Gesundheitsfragebogens für Patienten“ (PHD-Q), mit denen Depression und Angststörungen sowie der Verdacht auf Essstörungen und Alkoholmissbrauch diagnostiziert werden, konnten die Forscher keine statistisch signifi­kante Zunahme während des Lockdowns feststellen.

Allerdings zeige eine differenzierte Analyse der Studienergebnisse, dass ältere Menschen und solche mit höherem Bildungsabschluss sowie Personen, die sich gut über die COVID-19-Pandemie informiert fühlten, ein besseres psychisches Wohlbefinden zeigten.

„Die Ergebnisse der Studie unterstreichen die Notwendigkeit differenzierter Präventions- und Interventionsstrategien“, schreiben die Wissenschaftler. Neben einem verstärkten In­formationsangebot für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen müssten sich Hilfsan­gebote gezielt an Personen richten, die unter den Folgen der COVID-19-Pandemie, zum Beispiel durch finanzielle Einbußen oder Schwierigkeiten bei der Kinderbetreuung, besonders leiden würden. © hil/aerzteblatt.de

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Andre B.
am Freitag, 4. September 2020, 00:22

Evidenzgrad - Fragezeichen

Mal ganz abgesehen davon das Daten einer so kleinen Kohorte und aus einer einzigen Stadt (Region) zusammengetragen insgesamt gesehen wenig aussagekräftig sind, so fehlen leider für eine vollumfängliche Interpretation notwendige oder erst gar nicht untersuchte Faktoren. In meinen Augen wäre es zudem entscheident gewesen, in der hier zu lesenden Studienzusammenfassung auf die signifikanten Limitationen der Studie hinzuweisen und auch zu erwähnen, das die durch die Maßnahmen am stärksten exponierte Risikogruppe der psychisch Kranken überhaupt keine Erwähnung findet! Laut der Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie,
Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V., so sind in Deutland 17,8 Millionen Menschen von psychischen Leiden betroffen. (https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent /154e18a8cebe41667ae22665162be21ad726e8b8/Factsheet_Psychiatrie.pdf) Dieser Personenkreis sollte aktuell also viel eher im Mittelpunkt psychologischer Forschung stehen.

Dazu aus der Studie:

"Über besonders gefährdete Gruppen wie Personen mit vorbestehenden psychischen Erkrankungen und Substanzgebrauchsstörungen kann die vorliegende Studie keine spezifischen Aussagen machen. Diese Menschen erfahren durch die Pandemie und die Einschränkungsmaßnahmen besonders weitreichende negative Konsequenzen [25] [26], die das Risiko von Symptomexazerbationen erhöhen. Auch zur Frage der diskutierten Zunahme des Suizidrisikos in der Bevölkerung aufgrund ökonomischer Verschlechterungen und sozialer Distanzierung [27] kann unsere Studie keinen Beitrag leisten.

Bei den eingesetzten Instrumenten zur psychischen Symptomatik handelt es sich um Selbstbeurteilungsfragebögen, die zwar sehr gute diagnostische Validitätskennwerte aufweisen [9] [10] [18], jedoch keine klinischen Diagnosen ermöglichen. Schließlich erlaubt der Querschnittscharakter unserer Studie keine kausalen Aussagen zu Konsequenzen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit, sie kann nur Zusammenhänge beschreiben."
LNS

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