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Politik

EU-Konferenz: Bei Gesundheit müssen Länder stärker zusammenarbeiten

Dienstag, 8. September 2020

/Ananass, stock.adobe.com

Berlin – Um die Coronapandemie erfolgreich bewältigen und auch künftige Krisen des Gesundheitssektors besser bewältigen zu können, ist mehr grenzüberschreitende Zu­sammenarbeit in der EU erforderlich. So lautete gestern der Tenor einer EU-Ausschuss­vorsitzendenkonferenz unter deutschem Vorsitz.

Die Verantwortlichen der Ausschüsse für Gesundheit, Forschung und Digitales der Natio­nalparlamente sowie des Europäischen Parlaments waren per Videoschalte zusammenge­kommen, um über die Herausforderungen eines europäischen Gesundheitssystems zu diskutieren.

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Alleingänge zu Beginn der Pandemie hätten die Schwächen der EU offengelegt. Erst als Gemeinschaft habe man Erfolge, wie etwa die mit mehreren Impfmittelherstellern ge­schlossenen Abnahmegarantien verbuchen könnten, erklärte unter anderem die stellver­tretende Leiterin der Generealdirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit der Euro­päischen Kommission, Sandra Gallina.

Bei Forschung, Prävention und Produktion von Medikamenten und Medizinprodukten müsse die europäische Gemeinschaft sich besser vernetzen. Gallina plädierte für eine Stärkung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) sowie des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) und kündigte für den Herbst entsprechende Vorschläge der Kommission an.

Auch der CDU-Europaabgeordnete und gesundheitspolitische Sprecher der größten Frak­tion im Europäischen Parlament (EVP-Christdemokraten), Peter Liese, forderte ein ein­heit­licheres Vorgehen in Krisensituationen und mehr Kompetenzen für das ECDC, das bis­her nicht einmal Empfehlungen aussprechen dürfe.

Darüber hinaus sei Europa bei der Medikamentenproduktion zu stark abhängig von China und Indien, das müsse sich ändern. Preise dürften bei der Versorgungsicherheit mit Medi­kamenten nicht das einzige Argument sein.

Die Direktorin des ECDC, Andrea Ammon, wies auf die wieder steigenden Infektionszah­len hin, die sich bislang zwischen den einzelnen Ländern kaum vergleichen ließen. Alle Mitgliedsländer hätten sich bemüht, Testdurchführungen und Kontaktverfolgung zu ver­bessern.

Von Einheitlichkeit sei man aber weit entfernt. „Es gibt Unterschiede von 318 bis 6.000 Tests pro 100.000 Menschen“, so Ammon, „deshalb vergleichen wir nun Ergebnisse, die vielleicht gar nicht miteinander verglichen werden können.“

Sollten sich in der kälteren Jahreszeit nun auch andere respiratorische Krankheiten wie­der stärker ausbreiten, müsse man auch diese gezielt erfassen und entsprechende Be­handlungsmöglichkeiten anbieten. „Wir wären dankbar, wenn die Länder dabei einen homogeneren Ansatz wählen würden“, so Ammon.

In diesem Zusammenhang mit den steigenden Infektionszahlen appellierte sie dafür, das Gespräch mit der Bevölkerung nicht abreißen zu lassen und den Menschen weiterhin zu vermitteln, warum Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden sollten.

Stärkere Digitalisierung rund um die Pandemie

Als Verbesserung forderte Ammon eine stärkere Digitalisierung aller Prozesse rund um die Pandemie, um unabhängiger von menschlichen Fehlern zu werden. In eine ähnliche Richtung argumentierte Manuel Höferlin, Vorsitzender des Ausschusses Digitale Agenda des Bundestages.

Er wies zudem darauf hin, dass die Daten aus einer nationalen Tracing-App nicht aus­reich­ten, um Infektionsketten zurückverfolgen zu können. Alle europäischen Corona-Apps müssten länderübergreifend funktionieren.

„Das ist kein Hexenwerk, aber man muss es umsetzen“, so Höferlin. In Deutschland arbei­te­ten SAP und die Telekom bereits an einer Schnittstelle, um Informationen zwischen na­tionalen Apps austauschen zu können.

Dass nationale Parlamente aber weiterhin zuständig und von großer Bedeutung seien, betonte Erwin Rüddel, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Bundestag. Reaktio­nen müssten sich auch immer an den lokalen Gegebenheiten orientieren.

Lokale Strukturen stärken

Auch seine Amtskollegen aus anderen Mitgliedsländern bekräftigten, dass lokale Struktu­ren, Krankenhäuser und Hausärzte gestärkt werden müssten, da sie einen Großteil der Fol­gen der Pandemie in erster Reihe abbekämen.

Auch etwa für die Entwicklung neuer Impfstoffe oder Teststrategien seien die nationalen Beiträge unverzichtbar, erklärte Jean-Eric Paquet, Leiter der Generaldirektion Forschung und Innovation der Europäischen Kommission. Die Förderung von Projekten funktioniere oftmals nur als Kombination von EU-Geldern und nationaler Unterstützung.

Dem stehe häufig ein enormer bürokratischer Aufwand im Weg, erklärte Christian Dros­ten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité, der als wissenschaftlicher Experte ge­laden war.

Bessere Finanzierung für Wissenschaftskommunikation

Ob ein Forschungsvorhaben gefördert werde, hänge zu oft davon ab, wie herausragend ein Projekt sei und nicht davon, wie dringend es benötigt werde. Drosten schlug vor, die Forschungsförderung stärker auf Public Health Institute zuzuschneiden, um die Bevölke­rungsmedizin stärker voranzubringen.

Er bestätigte die Wichtigkeit des internationalen Datenaustauschs, gab aber zu bedenken, dass oftmals Interessenkonflikte bestünden. „Diesen Datenaustausch kann man nur zum Teil erzwingen, man kann ihn aber größtenteils unterstützen“, so Drosten.

Er regte auch an, die Wissenschaftskommunikation, als derzeit wichtigstes nicht medizi­ni­sches Instrument in der Krise, europaweit finanziell besser zu unterfüttern. „Die Bevöl­kerung muss verstehen, was in der Wissenschaft passiert“, so Drosten. Viele Wissen­schaft­ler würden sich für eine entsprechende Kommunikation einsetzen. Ohne zusätzliche Förderung gehe der Forschung so jedoch Geld verloren. © alir/aerzteblatt.de

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