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Politik

Experten plädieren für Finanzierung der Vorhaltekosten von Krankenhäusern

Mittwoch, 9. September 2020

/tamayura39, stock.adobe.com

Hamburg – Die Techniker Krankenkasse (TK) hat eine Reform der Krankenhausfinanzierung in Deutschland angeregt. Nach dem Willen der Kasse sollen sich die Krankenhäuser künftig nicht mehr überwiegend über die Fallpauschalen finanzieren, sondern über einen Mix aus Vorhaltekosten, DRGs und qualitätsorientierten Zuschlägen.

Voraussetzung für solche Budgets soll sein, dass der Gesetzgeber verbindlich festlegt, welche Ausstattung ein Krankenhaus haben muss, um eine Leistung zu erbringen.

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„Sofern eine Klinik für die Versorgung notwendig ist, sollten wir ihr dafür ein festes Budget geben. Die Fallpauschalen decken dann nur noch die Behandlungskosten“, sagte der stell­vertretende Vorstandsvorsitzende der TK, Thomas Ballast, gestern vor Journalisten in Berlin.

Grundlage des Vorschlags ist ein Gutachten, dass der Gesundheitsökonom Jonas Schreyögg von der Universität Hamburg für die TK angefertigt hat. Darin schlägt Schreyögg verschie­dene Maßnahmen vor, mit denen das deutsche System der Krankenhausfinanzierung umgebaut werden kann.

„Das DRG-System ist ja in Deutschland in gewisser Weise eine heilige Kuh“, sagte er. Oft höre man, dass man an dem System nichts ändern könne. „Deshalb war es uns wichtig aufzuzeigen, wie das System in anderen Ländern bereits umgestaltet wurde“, sagte der Wissenschaftler, der auch Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen ist.

Bonus für leitliniengerechte Behandlung

„Das wichtigste Element bei einer Umstellung der Krankenhausfinanzierung ist die perfor­manzorientierte Budgetierung – eine Mischfinanzierung aus einem Grundbudget und Fallpauschalen für die erbrachten Leistungen“, sagte Schreyögg. „Dazu kommen Zuschläge für eine gute Qualität.“ Das Geld solle allerdings nicht mit der Gießkanne ausgeschüttet werden, sondern nach der Bedarfsnotwendigkeit.

Zudem müssten die Krankenhäuser bestimmte Vorgaben wie Mindestmengen erfüllen. „In Dänemark erhalten Krankenhäuser zum Beispiel drei Prozent mehr Budget, wenn sie eine bestimmte Qualität erbringen“, erklärte Schreyögg.

Ballast schlug vor, dass ein Krankenhaus einen finanziellen Bonus erhalten soll, wenn es beispielsweise nachweisen kann, dass es leitliniengerecht behandelt hat und der Patient besonders schnell von Spezialisten versorgt wurde oder aber, dass das Haus deutlich über­durchschnittliche Qualitätsergebnisse erzielt hat.

„Damit schaffen wir einen besonderen Anreiz dafür, dass die Häuser sich Gedanken machen und besonders innovative Konzepte entwickeln, wie sie ihre Arbeit und die Behandlungs­ergebnisse optimieren“, so Ballast.

Anreize für mehr ambulante Leistungen

Als weiteres Element einer neuen Krankenhausfinanzierung nannte Schreyögg Anreize für eine sektorenübergreifende Leistung. Vieles sei in diesem Bereich bereits versucht worden, jedoch habe sich nicht wirklich etwas geändert.

„Man müsste stärker Standards vorgeben, zum Beispiel in Form von episodenbasierten Vergütungen für den gesamten Behandlungspfad“, sagte Schreyögg. In Frankreich bekomme ein Krankenhaus zum Beispiel zusammen mit den niedergelassenen Ärzten eine Pauschale für die Behandlung eines Schlaganfalls.

„Fast jedes andere Land hat Anreize gesetzt, um mehr Fälle aus den Krankenhäusern heraus in die ambulante Versorgung zu bekommen“, fuhr Schreyögg fort. In Deutschland sei dies jedoch vielfach noch nicht der Fall.

So würden in Deutschland zum Beispiel die Operationen von Hernien und Katarakten oder Arthroskopien noch stationär durchgeführt, selbst die einfachen Fälle. In Frankreich hätten sich hingegen seit einigen Jahren ambulante Strukturen in Form von OP-Zentren ausge­bildet, wo solche Eingriffe vorgenommen werden.

„Das kommt auch dem Wunsch der Patienten entgegen, die eine wohnortnahe Versorgung haben möchten“, sagte Schreyögg. Der Ökonom machte darüber hinaus Vorschläge, wie die Krankenhausfinanzierung innerhalb des bestehenden Systems geändert werden kann.

„In Deutschland tun wir derzeit so, als hätten alle Krankenhäuser dieselben Kosten“, sagte er. „Das stimmt aber nicht. So gibt es zum Beispiel zwischen München und Rosenheim gewal­tige Kostenunterscheide. Trotzdem gilt der gleiche Landesbasisfallwert. Das verzerrt den Wettbewerb.“

In England würden solche regionalen Faktoren zum Beispiel aus der Finanzierung heraus­gerechnet. Und in Österreich werde ein Multiplikator auf die verschiedenen Versorgungs­stufen angewandt.

Zudem schlug Schreyögg vor, die Kalkulationsstichprobe, auf der die jährlichen Anpas­sungen des DRG-Systems beruhen, so konstant wie möglich zu halten. Dabei sei es besser, mit Hochrechnungen zu arbeiten, statt Krankenhausträger wie derzeit dazu zu zwingen, an der Kalkulation teilzunehmen.

Schreyögg und Ballast kritisierten die Fehlanreize, die das DRG-System heute liefere. „Die wirtschaftlichen Anreize führen derzeit dazu, dass die Ärzte sich aus finanziellen Gründen im Zweifelsfall eher für als gegen eine Operation entscheiden“, sagte Ballast.

Als Beispiel nannte er das Zweitmeinungsangebot der TK, das Versicherte vor einer Rückenoperation einholen können.

„In 80 Prozent der Fälle entscheiden die TK-Ärzte gegen eine Operation“, sagte Ballast. „Medizinisch sinnvolle Eingriffe sollen sich auf jeden Fall lohnen, aber wir wollen keine Operationen aus wirtschaftlichen Interessen der Krankenhäuser, auf die man aus medizi­nischer Sicht gut verzichten kann.“

Für eine Reform der Krankenhausfinanzierung sprach sich auch der Gesundheitsökonom Boris Augurzky vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung aus.

„Wir müssen uns fragen, ob wir nicht einen gewissen Block der Krankenhausfinanzierung, der heute über DRGs vergütet wird, als Vorhalteleistungen bezahlen wollen“, sagte er heute auf dem Gesundheitskongress des Westens in Köln. Augurzky kritisierte, dass die Pflege­kosten aus den DRGs herausgenommen wurden.

„Das ist Unsinn“, sagte er. „Wir sollten die Pflegekosten wieder integrieren und stattdessen die Vorhaltekosten aus den DRGs herausnehmen.“ Dann würden sich die Krankenhäuser über eine Kombination aus Vorhaltekosten und DRGs finanzieren.

Matthias Mohrmann, Mitglied des Vorstands der AOK Rheinland/Hamburg, pflichtete ihm bei. „Wir halten eine Reform der Krankenhausfinanzierung ebenfalls für richtig“, sagte er. Krankenhäuser in die Menge zu schicken, um so die Kosten zu refinanzieren, sei falsch.

Mohrmann befürwortete einen Sockelbetrag für bedarfsnotwendige Krankenhäuser, auf dem dann Fallpauschalen für erbrachte Leistungen aufsetzen.

Auch der Präsident der nordrhein-westfälischen Krankenhausgesellschaft, Jochen Brink, sprach sich für eine entsprechende Umgestaltung der Krankenhausfinanzierung aus. © fos/aerzteblatt.de

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