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Politik

Plädoyers für Neuausrichtung der Krankenhausplanung

Dienstag, 8. September 2020

/Fernando Cortés, stockadobecom

Köln – Experten haben sich heute auf dem Gesundheitskongress des Westens für eine Neuausrichtung der Krankenhausplanung in Deutschland ausgesprochen.

„Ich würde mir eine vernünftige Krankenhausplanung unter medizinischen Aspekten wün­schen“, betonte der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, bei der Eröffnung des Kongresses in Köln. „Wo eine Neurologie ist, sollte zum Beispiel auch eine Kardiologie sein.“

Diese Ansicht vertrat auch der Hauptgeschäftsführer der Knappschaft Kliniken, Andreas Schlüter. „Wenn ein Notfallpatient mit Verdacht auf einen Herzinfarkt oder einen Schlag­anfall in ein Krankenhaus eingeliefert wird, muss sichergestellt sein, dass beide Krank­heitsbilder behandelt werden können, dass das Krankenhaus also über eine Neurologie und über eine Kardiologie verfügt“, forderte er. „Heute wird das im Rahmen der Kranken­hausplanung nicht berücksichtigt.“

Reinhardt forderte, dass im Rahmen der Krankenhausplanung „vernünftige subsidiäre Strukturen“ aufgebaut werden müssten. Dabei müsse der Bund die Länder finanziell un­terstützen. „Ich wünsche mir den Mut der Politik, dafür von der älter werdenden Bevölk­erung mehr Mittel für die Aufrechterhaltung der Daseinsvorsorge im stationären Bereich zu verlangen“, sagte er. Denn wer solle diese bezahlen, wenn nicht diejenigen, die sie in Anspruch nehmen?

Auch der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sprach sich für eine klare staatliche Krankenhausplanung aus. Bereits kurz nach seinem Amts­an­tritt im Jahr 2017 hatte Laumann eine Reform der Krankenhausplanung in Nordrhein-Westfalen (NRW) auf den Weg gebracht.

Sein Ziel ist dabei eine genauere Planung, um Doppelstrukturen zu zerschlagen und eine bedarfsgerechtere Versorgung zu ermöglichen. Die dafür erforderliche Gesetzesnovelle soll bis Ende September im Landtag eingebracht werden. „Die Kunst wird sein, keine so­zialistische Planwirtschaft zu betreiben, aber eben auch keinen Marktkannibalismus“, sagte Laumann.

20 Minuten zum nächsten Krankenhaus

Derzeit verändere sich die Krankenhauslandschaft in NRW radikal, aber ohne Planung. Die Krankenhäuser jagten sich gegenseitig Personal und Patienten ab. „Verlierer sind da­bei wegen fehlender Ausgleichszahlungen durch die Träger vorzugsweise die freige­mein­nützigen“, so der Minister. Immer mehr dieser Häuser würden aufgegeben oder an private Betreiber verkauft. Er wolle aber einen Mix aus verschiedenen kommunalen, kirchlichen und privaten Trägern erhalten.

Im neuen Krankenhausplan will Laumann festschreiben, dass 90 Prozent der Bürger in NRW innerhalb von 20 Minuten ein Krankenhaus erreichen können. Das sind zehn Minu­ten weniger, als vor der Coronapandemie vorgesehen war. Die Pandemie habe auch deut­lich gemacht, dass bei der Medizin gewisse Sicherheitsreserven vorgehalten und auch finanziert werden müssten, so Laumann.

BÄK: Neustrukturierung der Krankenhauslandschaft noch ungelöst

BÄK-Präsident Reinhardt betonte, die Neustrukturierung der Krankenhauslandschaft so­wie eine neue Krankenhausfinanzierung sei derzeit noch ungelöst – trotz des Plans der Bundesregierung, die Krankenhäuser beim Ausbau der Digitalisierung mit mehr als vier Milli­arden Euro zu unterstützen. Die Initiative der Regierung sei sehr gut, so Reinhardt. Es brauche jedoch nach der Förderung auch einen Managementprozess, der dafür sorge, dass das Geld auch an den richtigen Stellen ankomme.

Schlüter von den Knappschaft Kliniken wünschte sich von der Politik, dass auch die Infra­strukturkosten für die Krankenhäuser von den Krankenkassen übernommen werden. Die Bundesländer hätten einfach nicht genügend Mittel, um die gesamten Investitionskosten für die Krankenhäuser zu übernehmen.

Zudem wies er darauf hin, dass die Art, wie Krankenhäuser früher gebaut wurden, jetzt nach der Pandemie nicht beibehalten werden könne. „Wenn die Betten einen Abstand von 2,5 Meter haben sollen, müssen wir die Zimmer anders gestalten“, sagte Schlüter. „Wir müssen uns jetzt überlegen, wie das Krankenhaus der Zukunft aussehen soll.“

Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, wiederholte derweil in einem Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland seine Forderung nach deut­lich weniger Krankenhäusern in Deutschland. Von den knapp 2.000 Häusern sei ein Vier­tel nicht notwendig, meinte Litsch. Die Pandemie habe gezeigt, dass dieser Satz derzeit aktueller denn je sei.

„Bisher wurden 70 Prozent der Coronapatienten in 25 Prozent der Kliniken behandelt“, so Litsch. „Die Patienten wurden und werden in großen Krankenhäusern versorgt, die Spe­zi­alisten haben die notwendige intensivmedizinische Ausstattung und schlicht genug Platz, um Isolierstationen einzurichten. Damit wären kleine Häuser einfach strukturell über­fordert.“

Die Pandemie widerlege also nicht die Notwendigkeit einer Reform, sondern bestätige sie. Es brauche mehr Spezialisierung und mehr Zentralisierung, so Litsch. „Für Coronapa­tienten war diese zentralisierte Krankenhausbehandlung jedenfalls ein Segen.“

Dass die Wege bis zum Krankenhaus für die Patienten bei weniger Krankenhäusern im Land länger würden, sei unwesentlich. „Dafür werden die Patienten aber auch besser versorgt“, betonte Litsch. „Wenn ein Patient einen Schlaganfall hat, ist es sinnvoller, ihn im Rettungswagen 15 Minuten länger in eine Klinik mit einer Stroke Unit zu fahren, als ihn im näher gelegenen Krankenhaus ohne Schlaganfalleinheit abzuliefern. Es ist unbe­stritten, dass dies für die Behandlungsergebnisse für die Patienten entscheidend ist.“

DKG: Wir brauchen kein Moratorium beim Umbau der Strukturen

Auch der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, erklärte, dass es aus seiner Sicht kein Moratorium beim Umbau der Krankenhausstruktur in Deutschland brauche. „Wir sind nicht der Auffassung, dass die Coronapandemie bewiesen hätte, dass alle Strukturen so erhalten bleiben müssten, wie sie jetzt sind“, sagte er auf dem Gesundheitskongress des Westens.

„Heute haben wir Parallelstrukturen, die durch die Rahmenbedingungen im System ent­standen sind: den Wettbewerb und den Mangel an Investitionsmitteln. Wir fordern für den Umbau der Strukturen eine aktive Krankenhausplanung, die eine richtige Balance zwischen den drei Zielen Qualität, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit findet.“ Dabei müsse das Ausmaß des Wettbewerbs, den es heute gebe, stückweise zurückgeführt werden. © fos/kna/aerzteblatt.de

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