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Zellbasierte Medizin soll Prävention, Früherkennung und Versorgung auf neue Grundlage stellen

Dienstag, 8. September 2020

/BillionPhotos.com, stock.adobe.com

Berlin – Auf einen Paradigmenwechsel in der Medizin und damit einhergehende Verbes­serungen der Versorgung setzen Forschungseinrichtungen, Kliniken und Industriepartner im Rahmen der europäischen Lifetime-Initiative. Ziel ist eine neue personalisierte Medi­zin, die Abweichungen in einzelnen Zellen erkennt und eingreift, bevor Symptome ent­stehen – die Krankheit also abfängt („interceptive medicine“).

Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) in Berlin hat jetzt gemeinsam mit dem Institut Curie in Paris eine strategische For­schungs­­­agenda dazu entwickelt. Sie umreißt auf rund 170 Seiten, wie die Behandlung in fünf großen Krankheitsfeldern vorankommen soll, nämlich in den Bereichen Krebs, neu­rologische, infektiöse und chronisch-entzündliche Krankheiten sowie Herz-Kreislauf-Er­krankungen.

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Die Arbeitsgruppe um Nikolaus Rajewsky, wissenschaftlicher Direktor des Berliner Insti­tuts für Medizinische Systembiologie (BIMSB) am MDC, und Geneviève Almouzni, For­schungsdirektorin am französischen Centre national de la recherche scientifique (CNRS), erläutern den Ansatz und die Forschungsagenda außerdem in der Zeitschrift Nature (DOI: 10.1038/s41586-020-2715-9).

Interceptive Medicine

Zellen folgen bekanntlich bestimmten Entwicklungspfaden, auf denen sie bestimmte Rollen im Gewebe und in Organen übernehmen. Weichen sie jedoch vom gesunden Pfad ab, verändern sich die Zellen allmählich immer mehr. Diese Veränderungen bleiben oft unentdeckt, bis Symptome auftreten.

Laut den Autoren können neue Technologien die molekulare Zusammensetzung einzelner Zellen abbilden. So werde es möglich, das Auftreten einer Krankheit oder einer Therapie­resistenz deutlich früher zu erkennen.

„Wenn wir bahnbrechende Einzelzell- und Bildgebungsmethoden kombiniert mit künst­licher Intelligenz und personalisierten Krankheitsmodellen nutzen, können wir nicht nur den Ausbruch einer Krankheit früher vorhersagen, sondern auch die wirksamste Therapie für jeden Patienten auswählen“, berichten die Wissenschaftler.

Der Fokus liege dabei auf den krankheitsauslösenden Zellen, um den Verlauf einer Krank­heit rechtzeitig zu unterbrechen, bevor irreparable Schäden auftreten.

Strategische Forschungsagenda

Die jetzt vorgelegte strategische Forschungsagenda soll laut den Wissenschaftler ein Fahrplan für die Umsetzung der zellbasierten Medizin in Europa innerhalb des nächsten Jahrzehnts sein.

„Sie ist die gemeinsame Vision von mehr als 100 Institutionen und medizinischen Zen­tren, 80 Unternehmen und wird von Patientenorganisationen sowie von angesehenen europäischen wissenschaftlichen Gesellschaften und Forschungsförderungsorgani­satio­nen unterstützt“, schreiben sie in der Einleitung.

Die Forschungsagenda empfiehlt erhebliche Investitionen in Forschungs- und Infra­struk­turprogramme, um die wichtigsten klinischen Herausforderungen anzugehen und den Übergang zu einer zellbasierten und patientenzentrierten europäischen Gesundheits­ver­sorgung voranzutreiben.

„Die Umsetzung der vorgeschlagenen Roadmap für Wissenschaft und Technologie wird eine frühere Erkennung und wirksame therapeutische Behandlung von Krankheiten er­möglichen, um die Lebensqualität der europäischen Bürger zu verbessern, die euro­päi­sche Wirtschaft anzukurbeln und Europa eine führende Rolle in der zellbasierten inter­zeptiven Medizin der Zukunft zu sichern“, sind die Wissenschaftler überzeugt. © hil/aerzteblatt.de

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