NewsPolitikDeutsche Gesellschaft für Palliativmedizin erwartet kontroverse Debatte um die Suizidbeihilfe
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin erwartet kontroverse Debatte um die Suizidbeihilfe

Freitag, 11. September 2020

/Photographee.eu, stock.adobe.com

Wiesbaden – Keine einfachen Lösungen bei der erneuten Debatte um die Sterbehilfe in diesem Herbst erwartet die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP).

„Kontroversen am Lebensende“ ist daher auch der Titel des diesjährigen 13. DGP-Kongresses, der vom 9. September bis morgen nach dem Veranstaltungsverbot für Wiesbaden ausschließlich digital, jedoch sehr dynamisch stattfindet. Die Sterbehilfe war beziehungsweise ist dabei Thema an allen Tagen.

Anzeige

„Das Leitmotiv des Kongresses steht für die Themen, die uns in der DGP bewegen“, erklärte DGP-Präsident Lukas Radbruch. Der Palliativmediziner nannte beispielhaft die Darstellung des Lebensendes in den Medien, den Umgang mit der Sterbehilfe nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) und den Einfluss der Pandemie auf die Hospiz-und Palliativversorgung: „Das vergangene halbe Jahr hat alle Beteiligten enorm gefordert“, betonte er.

Insbesondere verwies er dabei auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidbeihilfe, das Ende Februar das seit 2015 bestehende Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe (Paragraf 217 Strafgesetzbuch) für verfassungswidrig erklärt und gekippt hatte.

Seit dem Urteil meldeten sich vermehrt Angehörige von Menschen, die so nicht mehr weiterleben möchten und ihnen Nahestehende um Hilfe bitten, berichtete Bernd-Oliver Maier, Vizepräsident der DGP und einer der diesjährigen Kongresspräsidenten. Heute wurde auf einer der Plenarveranstaltungen deshalb die ethisch provokante Frage gestellt, ob Sterbehilfe eine Handlungsoption in der Palliativversorgung sein muss. Eine eindeu­tige Antwort gab es nicht.

Die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert, Universität Münster, begrüßt die Entschei­dung des Bundesverfassungsgerichts. Es garantiere den Schutz der Autonomie des Menschen, während der strittige Paragraf 217 eine massive Freiheitseinschränkung für Patienten bedeutet habe, die auch am Lebensende „Herr im eigenen Haus sein wollen“ und einen frei verantwortlichen Suizid begehen wollen.

Die Sterbehilfe müsse aus säkulärer liberaler Perspektive eine Handlungsoption in der Palliativversorgung sein, sagte sie heute. Dabei könne auch die Suizidhilfe eine Form von Sterbehilfe sein. Das Arztbild nehme durch die Suizidbeihilfe keinen Schaden. Auch einen „Dammbruch“ befürchtet sie nicht.

Martin Weber, Internist und Leiter der interdisziplinären Abteilung für Palliativmedizin der Universitätsmedizin Mainz, hält die Sterbehilfe dagegen nicht für eine notwendige Handlungsoption in der Palliativversorgung. Die Beihilfe zum Suizid ist für ihn persönlich zudem keine ärztliche Aufgabe, auch wenn einige seiner Kollegen dies anders sehen würden. Es dürfe keine ärztliche Übertherapie geben, sagte er, aber der Wunsch zu sterben sei oft lediglich ein Hilfeschrei der Patienten nach Annahme ihrer persönlichen Situation.

„Es ist möglich, am Ende des Lebens gangbare Wege zu entdecken – ohne dabei die rote Linie der Suizidbeihilfe zu überschreiten“, erklärte er. „Die Palliativmedizin kann andere Wege im Umgang bei Schwäche aufzeigen.“

Die Frage, ob die Suizidbeihilfe eine Handlungsoption in der Palliativmedizin sein müsse, ist für Kurt W. Schmidt, Leiter des Zentrums für Ethik in der Medizin (ZEM) in Frank­furt/Main, herausfordernd, insbesondere, weil sie im Kern die Werthaltungen jedes Einzelnen, jedes Palliativteams und letztlich der gesamten Fachgesellschaft betreffe.

„Es geht um nichts weniger als um Werthaltungen und Gewissensentscheidungen, kurz: um meine eigene Identität und um die stets neue Frage, wie medizinisch-wissenschaft­liche Fachgesellschaften die Pluralität von Meinungen in ethisch brisanten Fragen unter einem Dach versammeln können, ohne ihr Profil zu verlieren“, so der Kongresspräsident und verwies dabei auf die DGP, die stark von interdisziplinärer und multiprofessioneller Vernetzung geprägt ist.

„Wir sollten eine wertschätzende Kultur des Austragens von kontroversen Debatten pflegen“, betonte Schmidt heute.

Es dürfe nicht nachgelassen werden in den Bemühungen um eine flächendeckend hoch­wer­tige Hospiz-und Palliativversorgung, betonte auch Gerd Nettekoven, Vorstandsvor­sitzender der Stiftung Deutsche Krebshilfe.

„Trotz der durchaus erfolgreichen Entwicklung der Palliativmedizin in Deutschland sehen wir nach wie vor auch Defizite.“ Insbesondere im ländlichen Bereich sei die palliativ-medizinische Versorgung noch lückenhaft. Auch die universitäre palliativmedizinische Ausbildung lasse in der Breite weiterhin zu wünschen übrig. „Hier sehen wir die Politik gefordert, sich dieser noch unbefriedigenden Situation dringend anzunehmen.“ © ER/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER