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Politik

Mangelhafte Sepsisversorgung in Deutschland führt zu vermeidbaren Todesfällen

Donnerstag, 10. September 2020

/Kateryna_Kon, stock.adobe.com

Berlin – Während die Coronapandemie die Welt in Atem hielt – die aktuelle Todesstatistik der WHO zählt knapp 900.000 Verstorbene – sind weitgehend unbeachtet circa 5,5 Millionen Menschen an einer Sepsis aufgrund von anderen Infektionen verstorben. Darauf wies die Sepsis-Stiftung gestern anlässlich des bevorstehenden Weltsepsistages hin.

Die Mehrzahl dieser Todesfälle könnte laut WHO durch Verbesserung der Vorbeugung, Früherkennung und Behandlung der Sepsis verhindert werden. In Deutschland gelten von den rund 75.000 jährlichen Todesfällen durch Sepsis etwa 15.000 bis 20.000 Fälle als vermeidbar.

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Die zur Senkung der Sepsissterblichkeit notwendigen Maßnahmen und Strukturverände­rungen im Gesundheitswesen seien bekannt, so die Sepsis-Stiftung, seien aber bisher von den Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen und in der Politik nicht adäquat aufgegriffen worden.

Konrad Reinhart, Vorstandsvorsitzender der Sepsis-Stiftung, kritisierte, dass „Qualitäts­ansprüche wie in anderen Staaten“ im deutschen Gesundheitssystem fehlten. Es sei „unsäglich“, dass es bis heute noch immer keine Regularien für die Sepsisversorgung in Deutschland gebe und dass entsprechende Entscheidungen „von der Politik auf Interessen­verbände übertragen werden“, wie sie etwa im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) vertreten seien.

Kritik an langen Bearbeitungszeiten

Bereits 2017 hatten die Patientenvertreter im G-BA den Antrag gestellt, datengestützte Qualitätssicherungsmaßnahmen für die Sepsisversorgung zu entwickeln. Erst im Juli 2020, vor knapp zwei Monaten, wurde vom G-BA beschlossen, dass Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) zu beauftragen, ein Qualitätssicherungs­verfahren zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge der Sepsis zu entwickeln.

Konkret heißt dies, dass in den nächsten drei bis vier Jahren Indikatoren zur Messung der Qualität bei der Erkennung, Behandlung und Nachsorge von Sepsis in Krankenhäusern entwickelt werden. Nach Abschluss der Entwicklung eines Qualitätssicherungsverfahrens wird es weitere Jahre dauern, bis die Krankenhäuser diese Indikatoren verbindlich umgesetzt haben.

Während Reinhart das langsame Vorgehen scharf kritisierte, wies Frank Brunsmann, Patientenvertreter im G-BA/Unterausschuss Qualitätssicherung, darauf hin, dass eine Bearbeitungszeit von sechs Jahren für den G-BA noch vergleichsweise schnell sei: „Da ticken die Uhren etwas anders als man es sonst gewohnt ist“, erklärte er.

Der G-BA habe seine Verantwortung wahrgenommen und im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas auf den Weg gebracht, so Brunsmann weiter. Jetzt müssten auch die anderen Akteure im Gesundheitswesen „mit ihrer schnelleren Entscheidungsgeschwindigkeit“ das Ihrige tun, denn die Möglichkeiten des G-BA seien letztlich auch begrenzt.

„Sepsis-Überlebende sind nicht gesund“

Begrenzt sind derzeit auch noch die Versorgungsoptionen für Patienten, die an den lang­frist­­igen Folgen einer Sepsis leiden. „Menschen, die eine Sepsis überlebt haben und aus dem Krankenhaus entlassen wurden, sind nicht gesund“, sagte Christiane Hartog von der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin an der Charité-Universitätsmedizin Berlin.

Noch unveröffentlichte Daten eines Innovationsfondsprojekts zeigten, dass „drei Viertel der Überlebenden im Anschluss neue Erkrankungen aufweisen“, so Hartog. Mehr als 30 Prozent der Betroffenen würden nach einer Sepsis pflegebedürftig.

Dedizierte Strukturen für den Umgang mit Sepsisfolgen aber existieren kaum. In Großbri­tan­nien und den USA gebe es mittlerweile Post-ICU-Ambulanzen für Patienten, die von der Intensivstation entlassen würden. „Doch fachspezifisches Denken greift hier zu kurz“, betonte Hartog.

COVID-19 ist Hartog zufolge ein gutes Beispiel dafür, dass sich die Folgen einer Infektions­erkrankung unabhängig davon entwickeln, wo der Patient behandelt wurde. Selbst nicht symptomatische Patienten würden Folgeschäden entwickeln. Deshalb müsse die Versor­gung dieser Patienten aus den Disziplinen herausgelöst werden. „Alle Fachbereiche sind betroffen und müssen zusammenarbeiten.“

Sie verlieh der Hoffnung Ausdruck, dass die derzeitige gesamtgesellschaftliche Aufmerk­samkeit dazu beitragen könnte, neue Strukturen für die Versorgung von Infektionsfolgen umzusetzen.

Sepsisfolgen verursachen dem Gesundheitssystem schon heute hohe Kosten“, so Hartog, eine strukturierte Versorgung könnte dem gegenüber möglicherweise sogar Ressourcen einsparen. © nec/aerzteblatt.de

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