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Medizin

Dyslexie: Wechselstrom­stimulation verbessert Leseleistung

Mittwoch, 30. September 2020

/Robert Kneschke, stock.adobe.com

Genf – Eine transkranielle Wechselstromstimulation der linken Hörrinde, die eine Störung im EEG korrigieren soll, hat in einer experimentellen Studie in PLoS Biology (2020; DOI: 10.1371/journal.pbio.3000833) die Lesefähigkeit von Patienten mit Dyslexie verbessert. Bei schnellen Lesern kam es dagegen eher zu Störungen.

Die Ursache der Dyslexie, unter der bis zu 7 % aller Schulkinder leiden, ist nicht bekannt. Hirnforscher vermuten sie interessanterweise nicht in den Sprach- sondern in den Hörzen­tren des Gehirns. Dort sollen die Phoneme, die Bausteine der gesprochenen Worte, gespeichert sein.

Das Lesen besteht darin, bei der visuellen Aufnahme der Grapheme, den Bausteinen der gelesenen Worte, in Echtzeit die dazu passenden Phoneme zu finden und an die motorischen Sprechzentren weiterzureichen.

Dies gelingt Menschen mit Dyslexie auch im Erwachsenenalter häufig nicht. In den Ableitungen des EEGs lassen sich über dem linken auditorischen Cortex Defizite in den Gammawellen im Frequenzbereich von 30 Hz nachweisen. Da die Hörrinde direkt unter der Schädeldecke liegt, können die Gammawellen in diesem Bereich von außen beeinflusst werden. Dies ist beispielsweise mit einer transkraniellen Wechselstromstimulation („transcranial alternating current stimulation“, tACS) möglich, die deshalb als Behandlungs­ansatz in der Diskussion ist.

Ein Team um Silvia Marchesotti und Anne-Lise Giraud von der Universität Genf hat die Behandlung bei 15 jungen Erwachsenen mit Dyslexie und 15 fließenden Lesern erprobt. Die Probanden trugen während der 20-minütigen Behandlungen, die an 4 aufeinander folgenden Tagen durchgeführt wurden, eine Mütze mit Elektroden zur EEG-Ableitung, die an 5 Stellen über dem auditorischen Cortex zusätzlich mit Elektroden ausgerüstet war. Hier wurde das Gehirn einem Wechselstrom ausgesetzt, um über ein elektrisches Feld die Aktivität der Neurone in der darunter liegenden Hirnrinde zu beeinflussen.

Das gleichzeitig abgeleitete EEG zeigte, dass die Stärke der Signale im 30 Hz-Bereich bei den Dyslexiepatienten tatsächlich gesteigert werden konnte, während es in der Kontroll­gruppe zu keinen Veränderungen kam. In anderen Frequenzbereichen ließen sich die EEG-Signale auch bei den Dyslexiepatienten nicht verstärken.

Unmittelbar nach den einzelnen Behandlungen wurden Sprachtests durchgeführt. Bei den Dyslexiepatienten kam es zu einer Verbesserung in der Sprachanalyse („phonemic awareness“) und der Lesegenauigkeit. Die größten Effekte wurden laut den Forschern bei den Dyslexiepatienten mit den größten Defiziten erzielt. Bei den gesunden Probanden kam es dagegen zu einer leichten Verschlechterung, die bei den sehr guten Lesern am stärksten ausgeprägt war.

Bei den Dyslexiepatienten waren die therapeutischen Vorteile jedoch von kurzer Dauer. Bereits eine Stunde nach dem Ende der Behandlung war in den beiden Tests keine Wirkung mehr erkennbar.

Die Bedeutung der Studie liegt in erster Linie im Bereich der Grundlagenforschung. Sie bestätigt, dass der Dyslexie eine Störung im Bereich der Hörrinde zugrunde lieg. Für die Autoren beweisen die Ergebnisse zum ersten Mal die kausale Rolle der EEG-Aktivität im 30 Hz-Bereich.

Ob sich aus den Erkenntnissen neue Ansätze für eine Therapie der Dyslexie ergeben werden, bleibt abzuwarten. Die beiden Forscherinnen könnten sich durchaus vorstellen, dass die transkranielle Wechselstromstimulation den Weg für eine nicht-invasive therapeutische Intervention ebnen wird, die darauf abzielt, die Oszillationsfunktion im auditorischen Cortex zu normalisieren und die phonologische Verarbeitung bei Personen mit Dyslexie zu verbessern. © rme/aerzteblatt.de

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Christine Salzer
am Samstag, 3. Oktober 2020, 20:10

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