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Fair Priority Model: Bioethiker fordern faire Verteilung von COVID-19-Impfstoffen

Montag, 14. September 2020

/M.Rode-Foto, stock.adobe.com

Philadelphia – Obwohl sich mittlerweile 35 Impfstoffe in der klinischen Testphase befinden, ist ein Mangel absehbar. Verschiedene Länder haben bereits Verträge mit einzelnen Herstellern abgeschlossen, und auch die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) strebt eine einfache quotenartige Zuteilung auf die einzelnen Länder an.

Eine faire und den Bedürfnissen entsprechende Verteilung würde nach den Vorschlägen eines internationalen Teams von Bioethikern in Science (2020; DOI: 10.1126/science.abe2803) anders aussehen.

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3 gesellschaftliche Gruppen werden über die Verteilung der Impfstoffe entscheiden. Neben den Regierungen der einzelnen Länder, die sich derzeit in einem „Impfstoff-Nationalismus“ einen Wettbewerb liefern und damit nach Ansicht von Kritikern nur die Preise in die Höhe treiben, werden auch öffentlich-private Allianzen wie die „Coalition for Epidemic Preparedness Innovations“ (CEPI) und die Impfallianz Gavi mit ihrem Programm COVAX bestimmen, welche Menschen zuerst geimpft werden und wer länger warten muss. Schließlich haben auch die Hersteller ein Mitspracherecht darüber, an wen sie die Impfstoffe verkaufen, wobei hier andere als rein wirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielen könnten.

Die Vorstellungen der einzelnen Parteien dürften unterschiedlich sein. Eine Gruppe von 19 Ethikern, Philosophen und „Public health“-Forschern aus 8 Ländern (ohne deutsche Beteiligung) sieht vor diesem Hintergrund eine Chance, Regeln für eine faire Verteilung vorzuschlagen.

Quotenregelung garantiert keine gerechte Verteilung

Zunächst kritisiert das Team um Ezekiel Emanuel, der an der Perelman School of Medi­cine in Philadelphia Medizinische Ethik und Gesundheitspolitik lehrt, nicht nur die Verteidiger des „Impfstoff-Nationalismus“, der nach Ansicht einiger Philosophen durchaus eine gerechtere Verteilung innerhalb eines Landes gewährleisten könnte als internatio­nale Organisationen. Auch die Quotenregelung, die die WHO anstrebt, garantiert nach Ansicht der Medizinethiker keine faire und bedarfsgerechte Verteilung.

Die WHO möchte in den einzelnen Ländern zunächst Impfstoffe für 3 % der Bevölkerung bereitstellen und die Quote langsam auf 20 % erhöhen. Dies würde nach Ansicht von Emanuel Länder benachteiligen, denen es nicht gelungen ist, die Reproduktionszahl unter 1 zu drücken und die deshalb eher auf einen Impfstoff angewiesen wären.

Eine faire und den Bedürfnissen entsprechende Verteilung sollte laut der Gruppe auf 3 Grundwerten beruhen. Die erste Prämisse wäre ein größtmöglicher Nutzen für die Menschen bei einer Begrenzung der Schäden.

Ein erfolgreicher Impfstoff bringe nicht nur direkte Vorteile, indem er Menschen vor Krankheit und Tod schützt, schreiben die Medizin­­­ethiker. Es gebe auch indirekte Vorteile durch die Entlastung des Gesundheits­wesens (das sich anderen Krankheiten zuwenden könnte) und die Vermeidung von Armut infolge der wirtschaftlichen Auswirkungen von der COVID-19-Pandemie.

Hilfe für Notleidende ist ein Grundwert der medizinischen Ethik

Zum Zweiten sollten benachteiligte Bevölkerungsgruppen bevorzugt geimpft werden. Die Hilfe für Notleidende ist für Emanuel ein Grundwert der medizinischen Ethik und der globalen Gesundheit. Die größte Unterstützung benötigten deshalb die Länder, deren Bevölkerung durch die Pandemie am meisten in Armut gestürzt werde und in denen der Verlust an Lebenserwartung am größten sei.

Das dritte Prinzip ist die Gleichbehandlung aller Menschen. Unterschiede hinsichtlich Geschlecht, ethnischer Herkunft und Religion dürften nicht gemacht werden.

Die Medizinethiker schlagen für die Verteilung der Impfstoffe ein „Fair-Priority-Modell“ aus 3 Phasen vor. In der Phase 1 müsste die Verhinderung von Todesfällen im Vorder­grund stehen. Maßstab sollte hier die „Standard Expected Years of Life Lost“ (SEYLL) sein. Sie gibt an, wie viele Lebensjahre im Vergleich zur normalen Lebenserwartung ohne Impfstoff verloren gehen würden. Die SEYLL könnte für jedes Land berechnet werden.

In Phase 2 sollten die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie im Vorder­grund stehen. Das ist die Vermeidung von Armut in der Bevölkerung und die wirtschaft­liche Erholung. Die Forscher schlagen hier 2 weitere Maßstäbe vor: Der erste misst die Armutsvermeidung („poverty gap“), der zweite die Einbrüche des Bruttosozialprodukts.

In einer Phase 3 sollten dann Länder mit höheren Übertragungsraten priorisiert werden. Am Ende sollte jedoch jedes Land genügend Impfstoff zur Verfügung haben, um eine ausreichende Immunität von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung zu erreichen.

Gegen Priorisierung von Gesundheitspersonal und älteren Menschen

Die Forscher sprechen sich übrigens gegen eine Verteilung der Impfstoffe auf die einzelnen Länder nach der Zahl der Beschäftigten im Gesundheitswesen und der Menschen über 65 Jahren aus.

Die Beschäftigten im Gesundheitswesen seien – zumindest in den Ländern mit einem höheren Einkommen – bereits ausreichend durch den bevorzugten Zugang zu persön­licher Schutzausrüstung vor einer Erkrankung geschützt. Die Impfungen könnten hier kaum noch zu Verminderungen der Erkrankungszahlen führen, meint Emanuel.

Der gleiche Einwand gelte für die bevorzugte Impfung von Senioren, die nicht notwen­diger­weise die Ausbreitung des Virus aufhalten würde. Außerdem sei der Anteil der Alten in den Ländern, die die Impfstoffe am meisten benötigen, nicht sehr hoch. © rme/aerzteblatt.de

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