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Ärzteschaft

Coronapandemie legt Schwachstellen bei Patientensicherheit offen

Dienstag, 15. September 2020

Auch überlastetes medizinisches Personal kann zum Risiko für die Patientensicherheit werden/picture alliance, Zoonar, Robert Kneschke

Berlin – Die Coronapandemie hat die Versorgung bestimmter Patientengruppen einbrechen lassen. Bevor die Fallzahlen im Herbst möglicherweise wieder ansteigen, müsse eine Lösung für dieses strukturelle Problem gefunden werden, fordert das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) anlässlich des zweiten Welttags der Patientensicherheit am 17. September.

Neben Versorgungsproblemen etwa von chronisch Kranken oder auch Herzinfarktpatienten habe die Krise die auch unter normalen Umständen vielfach vorhandene psychische Überlastung des medizinischen Personals verschärft.

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„Patientensicherheit erfordert auch Mitarbeitersicherheit“, erklärte Reinhard Strametz, APS-Generalsekretär, der heute gemeinsam mit der APS-Vorsitzenden Ruth Hecker und dem stellvertretenden APS-Vorsitzenden Constantin Gosch über das Thema diskutierte.

Strametz rief dazu auf, medizinisches Personal, dass sich als Second Victim fühle, also nach unerwünschten Ereignissen in der Behandlung von Patientinnen und Patienten unter großer Belastung stehe, besser zu unterstützen, um langfristig eine höhere Patientensicherheit zu erreichen.

Patientenschäden entstehen oft aus Überlastung der Behandler

Denn viele Patientenschäden entstünden erst aus der Überlastung der Behandelnden heraus. So sei etwa in Italien die psychische Belastung des medizinischen Personals maßgeblich für die Übersterblichkeit gewesen und habe wesentlich dazu beigetragen, dass das dortige Gesundheitssystem an seine Grenzen gestoßen sei.

„Zum Schutz der Mitarbeiter gehört eben nicht nur ausreichend Schutzkleidung, sondern psychosoziale Unterstützung, die jederzeit verfügbar ist und auch proaktiv angeboten wird“, so Strametz. Darüber hinaus sei eine strukturierte Aufarbeitung und das Abstellen systemischer Mängel nötig.

Und die habe es schon vor der Krise gegeben. „Durch die Pandemie sind psychische Probleme von medizinischem Personal jetzt in den Fokus gerückt“, sagte Strametz. Um Patientensicherheit auch im regulären Betrieb zu gewährleisten gelte es daher, selbstkritisch zu bleiben, aber auch möglicherweise überlastete Kollegen in den Blick zu nehmen und nötigenfalls zu unterstützen, ergänzte Ruth Hecker.

Versorgung von Hochrisikopatienten ist eine Schwachstelle

Nach Ansicht von Constantin Grosch hat die Pandemie aber noch mindestens eine weitere Schwachstelle des Gesundheitssystems offen gelegt: Die Versorgung von chronisch Kranken und Hochrisikopatienten. Grosch ist selbst chronisch muskelerkrankt und engagiert sich unter anderem als Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss.

Er könne aus eigener Erfahrung etwa berichten, dass die Pflege im eigenen Zuhause durch die Umstände der Pandemie erschwert und teils unmöglich gemacht wurde. „Privat angestellte Pflegekräfte konnten nicht von den verschiedenen Förderungen partizipieren und hatten auch keinen Zugang zu regelmäßigen Coronatests“, so Grosch.

Der schon unter Normalbedingungen umständliche Wechsel aus stationärer in eine Anschlussbehandlung habe unter Coronabedinungen teils gar nicht mehr funktioniert. Patienten hätten stationär bleiben müssen und mussten damit potenziell gebrauchte Betten belegen oder Angehörige seien mit der Anschlussversorgung allein gelassen worden.

Als dramatisch sei darüber hinaus der Rückgang bei Notfallbehandlungen zu werten: „Es gab einen Rückgang von 30 Prozent bei Herzinfarkten im Vergleich zum Vorjahr, 18 Prozent bei Schlaganfällen und 37 Prozent bei Vorstufen von Schlaganfällen“, so Grosch.

Es sei nicht davon auszugehen, dass es durch die Pandemie weniger dieser Notfälle gegeben hätte. Vielmehr könne man annehmen, dass Patienten aus Angst vor Ansteckung kein Krankenhaus aufgesucht hätten.

„Eine Situation der völligen Hilflosigkeit“

Darüber hinaus seien 40 Prozent weniger Patienten hausärztlich betreut worden, 40 Prozent weniger auch in der Krebsversorgung, Augenärzte hätten einen Rückgang um etwa ein Drittel verzeichnet. In den meisten medizinischen Feldern seien merklich weniger Patienten behandelt worden.

Für einen Teil der Patienten sei vorübergehend gar keine ambulante Versorgung in Praxen möglich gewesen. Zeitweise sei aber aufgrund der Pandemiesituation auch das Krankenhaus als alternative Option ausgefallen. „Für viele Patienten eine Situation der völligen Hilflosigkeit“, so Grosch, der unter anderem Schmerzpatienten und chronisch Erkrankte, die bei einem Schub zeitnahe Arzttermine bräuchten, als besonders betroffen anführte.

Sämtliche verfügbaren Zahlen müssten nun ausgewertet und in einen Gesamtkontext gestellt werden. Doch viele Daten würden dazu noch fehlen. Etwa, wie viele Patienten zu den Hochzeiten der Pandemie abgewiesen wurden oder wie viele der Behandlungen nicht hätten aufgeschoben werden dürfen.

„Eine systematische Erhebung findet allerdings bisher nicht statt, es gibt keine Stelle, die Daten zur Verletzung von Patientensicherheit erhebt", kritisierte Grosch. Die Politik müsse sich darauf konzentrieren, so eine Stelle zu schaffen. © alir/aerzteblatt.de

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Hortensie
am Dienstag, 15. September 2020, 19:17

Auch weiterhin herrschen "Corona-Bedingungen" ...

In dem Artikel werden die Auswirkungen der Pandemie so beschrieben, als hätten wir das hinter uns.
Da es immer noch keinen Impfstoff gibt, bleiben die Hochrisikopatienten weiter zu Hause und können nicht zum Arzt oder in eine Klinik gehen, auch nicht im Notfall.
Denn die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung ist beim med. Personal am höchsten.
Das med. Personal wird nicht mal fortlaufend getestet, so dass damit das Risiko besonders hoch für alle Patienten ist. Denn ohne Tests muss man von einer hohen Dunkelziffer an Infizierten gerade beim med. Personal augehen.
Zu glauben, dass die Hochrisikopatienten derzeit zum Arzt oder in eine Klinik gehen, ist daher unrealistisch.
Diejenigen, die zum Arzt oder in eine Klinik derzeit gehen, sind wohl Patienten ohne erhöhtes Risiko.

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