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Medizin

Cochrane-Reviews bewertet Temperaturscreening, Reisebeschränkungen und Quarantäne

Donnerstag, 17. September 2020

/picture alliance, Agencia Uno, Ailen Diaz

Krems/Research Triangle Park/München – Ein Tempe­raturscreening an den Grenzen übersieht nach Einschätzung der Cochrane-Collabo­ration 80 bis 100 % aller infizierten Personen und ist deshalb kein geeignetes Instrument, um die Ausbreitung von SARS-CoV-2 aufzuhalten.

Reisebeschränkungen und Quarantäne haben nach den jetzt in der Cochrane Database of Systematic Reviews (CDSR) (2020; 9: CD013574, CD013718 und CD013717) veröffentlichten Reviews dagegen Wirkung gezeigt.

Angesichts der zunehmenden Infektionszahlen ist in den nächsten Wochen mit erneuten Einschränkungen zu rechnen. Dabei wird es darauf ankommen, die verfügbaren Ressourcen sinnvoll einzusetzen. Einmalige Screeningmaßnahmen wie das Messen der Körpertempe­ratur und/oder Befragungen zu Symptomen sind nach den Ergebnissen eines Rapid Reviews nicht geeignet, eine Ausbreitung von SARS-CoV-2 zu verhindern.

Meera Viswanathan vom der Stiftung RTI International in Research Triangle Park/North Carolina und Mitarbeiter kommen aufgrund einer Analyse von 17 Kohortenstudien und 3 Modellstudien zu dem Ergebnis, dass eine Befragung zu Symptomen zwischen 0 und 60 % der Infizierten ermittelt. Für die Temperaturmessungen, Reiseanamnese und die Befragung nach Kontakten betrug die Sensitivität nur 0 bis 23 %. Auch die Kombination aus Symptombefragung und Temperaturmessungen würde laut den Ergebnissen des Reviews nur 12 bis 69 % der Infizierten erkennen.

Effektiver, aber keinesfalls zu 100 % sicher, ist ein schneller PCR-Test an der Grenze. Die Sensitivität liegt hier bei 80 % mit einem weiten 95-%-Konfidenzintervall von 44 bis 96 %, das die Unsicherheit der Zahlen anzeigt.

Das Abstellen von Personal zu Befragungen und zum Messen der Körpertemperatur ist für den Mitautor Gerald Gartlehner von der Donau-Universität Krems in Österreich deshalb kein sinnvoller Einsatz von Ressourcen, um SARS-CoV-2 Infektionen zu vermeiden. Besser wäre es, dieses Personal für die Kontaktverfolgung oder die raschere Durchführung von PCR-Screening-Tests bei Personen einzusetzen, die mit SARS-CoV-2 Infizierten Kontakt hatten, meint der Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation.

Anders ist die Situation an den Kliniken. Hier könnte ein wöchentliches Screening des Personals mit PCR-Tests nach dem Review durchaus die Ausbreitung von SARS-CoV-2 auf die Patienten verhindern.

Als effektiv stufen die Cochrane-Experten eine Quarantäne ein. Bei Personen, die Kontakt zu Infizierten oder Verdachtsfällen hatten, könnte die Selbstisolierung 44 bis 96 % der Erkrankungen und 31 bis 76 % der Todesfälle vermeiden. Mit der Quarantäne könnte auch die Basisreproduktionszahl um 37 bis 88 % gesenkt werden.

Nach dem Review, den das Team um Barbara Nussbaumer-Streit von der Donau-Universität Krems erstellt hat, kann die Wirksamkeit der Quarantäne gesteigert werden, wenn sie mit anderen Präventions- und Kontrollmaßnahmen wie Schulschließungen, Reisebeschrän­kungen und sozialer Distanzierung kombiniert wird. Nussbaumer-Streit gesteht allerdings ein, dass die Evidenzbasis noch immer begrenzt ist. Sie basiert im wesentlichen auf mathematischen Modellberechnungen.

Effektiv sind nach den Ergebnissen eines dritten Rapid Reviews auch Reisebeschränkungen an den Grenzen. Voraussetzung ist laut Jacob Burns vom Institut für Medizinische Informa­tions­verarbeitung, Biometrie und Epidemiologie der Ludwig-Maximilians-Universität München allerdings, dass der Einreisestopp aus Risikogebieten frühzeitig erfolgt. Dann könnte die Anzahl neuer Fälle um 26 bis 90 % gesenkt werden.

Das verhindere nicht unbedingt einen Ausbruch, könne den Beginn nach der Studienlage jedoch um 2 bis 26 Tage hinauszögern. Die Studienlage ist allerdings noch schwach. Sie beruht auf 36 Untersuchungen, die teilweise zu den beiden anderen Coronaviren SARS-CoV-1 und MERS-CoV durchgeführt wurden, die nicht unbedingt mit SARS-CoV-2 vergleichbar sind.

© rme/aerzteblatt.de

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