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Medizin

Befinden der Ärzte: Welle von posttraumatischen Belastungsstörungen durch Pandemie vermeiden

Dienstag, 22. September 2020

/Robert Kneschke, stock.adobe.com

Lugano/Köln – Krebserkrankungen werden die Gesundheitssysteme der Europäischen Union (EU) auch in Zukunft stark belasten. In den 27 Ländern der europäischen Union wird die Zahl der Neuerkrankungen für 2020 auf knapp 2,7 Mio Menschen geschätzt und die Zahl der Krebstoten auf knapp 1,3 Mio.

In vielen europäischen Ländern hat die Inzidenz in den letzten Jahren deutlich zugenom­men, so in Irland, Dänemark und den Niederlanden. In Deutschland steigt sie leicht an. Für 2020 nahm sie im Vergleich zu 2019 um 0,26 % zu.

Die Daten wurden bei der Jahreskonferenz der European Society of Medical Oncology (ESMO) vorgestellt (Dyba T, et al.: Estimation of Europaen Cancer Burden for the Year 2020. Abstr. No. 1581O). Die Tagung findet virtuell statt.

Tendenziell ansteigende Patientenzahlen und die Komplexität von Diagnostik und Therapie bedeuten eine hohe Arbeitsbelastung für Onkologen. Hinzu kommt aktuell die SARS-CoV-2-Pandemie. Wie zufrieden oder belastet sich Ärzte seit Ausbruch von SARS-CoV-2 fühlen und welche Parameter dafür von Bedeutung sind, hat eine Arbeitsgruppe der europäischen Fachgesellschaft (ESMO Resilience Task Force) untersucht (Banerje S, et al.). Es sei die bislang größte Studie zu dieser Fragestellung, sagte Susana Banerjee vom Royal Marsden Hospital NHS Foundation Trust im britischen Sutton.

Arbeitssituation von Onkologen in der Pandemie

Es wurden 1.520 Onkologen in 101 Ländern befragt. 67 % der Ärztinnen und Ärzte arbeiteten in Europa, unter anderem an deutschen Zentren, und fast 60 % (58 %) hatten bereits mehr als 10 Jahre Berufspraxis nach Abschluss der Ausbildung. „Das waren erfahrene Ärzte“ sagte Banerjee.

Die erste Umfrage erfolgte zwischen Mitte April und Anfang Mai (S1) und die zweite Umfrage zwischen Mitte Juli und Anfang August (S2). Drei Fragenkomplexe standen im Zentrum der Studie: erstens Wohlbefinden/Distress, zweitens Burnout und drittens Arbeitsleistung und -erfolg während der Pandemie.

Die Daten zu Inzidenz und Mortalität von Malignomen in der EU

führt das European Cancer Information System (ECIS). Bei den Frauen sind europaweit und auch in Deutschland Mammakarzinome am häufigsten (Anteil der Malignome bei Frauen in der EU: 28,7 % und in D: 27,9 %) gefolgt von kolorektalen Karzinomen (EU: 12,2 % und in D: 10,7%) und Lungenkarzinomen (EU: 9,1 % und in D: 10,6 %). Bei den Männern liegen Prostatakarzinome auf Platz 1 (Anteil der Malignome bei Männern in der EU: 23,2 % und in D: 23,5 %), an zweiter Stelle stehen die Lungentumore (EU: 14,2 % und in D: 13,3 %) und an dritter kolorektale Karzinome (EU: 13,2 % und in D: 10,7 %). Für Deutschland wird die Zahl der Neuerkrankungen in diesem Jahr auf 538 719 Patienten geschätzt und die Zahl der Krebstoten auf knapp 251 000.

67 % der Befragten berichteten, die Arbeitsanforderungen hätten sich durch die Pandemie erhöht und 78 % fürchteten, sie könnten sich mit SARS-CoV-2 infizieren. Das Empfinden von Distress stieg im Zeitraum zwischen der ersten und der zweiten Befra­gung von 25 % auf 33 %. Von Burnout berichteten im Frühjahr 38 % und im Sommer 49 %.

Sterblichkeit der Patienten beeinflusst Befinden der Ärzte

Was sich in dieser Zeit verbesserte, war eine angemessene Arbeitsleistung im Kontext von COVID-19: 34 % bewerteten die Arbeitsleistung schon im Frühjahr als gut und 51 % waren es im Sommer.

„Möglicherweise haben sich die Ärzte mit ihrer Arbeitsleistung rasch an die neuen Anforderungen angepasst“, kommentierte Evandro De Azambuja, Leiter des Medical Support Teams am Jules-Bordet-Institut in Brüssel. Die Werte für Wohlbefinden/Disstress und Burnout wiederum waren umso schlechter, je höher die Mortalitätsrate an COVID-19 in den Ländern war.

„Aus den Daten wird erkennbar, dass Onkologen ihren Status in Bezug auf Überforderung und Burnout auch in Abhängigkeit davon bewerten, wie hoch die Risiken durch COVID-19 für ihre Patienten sind“, resümierte De Azambuja. „Für die Zukunft bedeutet dies: Wir müssen verhindern, dass es während oder nach der SARS-CoV-2-Pandemie zu Wellen von posttraumatischen Belastungsstörungen bei den Onkologen kommt. Dazu müssen wir Copingstratgien und Resilienzmechanismen der Ärzte durch spezifische psychosoziale Unterstützung verbessern.“

Die Fachgesellschaften könnten dazu beitragen, indem sie Empfehlungen für den Umgang mit Patienten weiterentwickeln, aber auch spezifische Angebote für die psychosoziale Untersützung von Ärzten und Patienten. Diese Angebote müssen auch online zugänglich sein.

Die Arbeitgeber könnten beitragen, indem sie die Arbeitszeiten soweit wie möglich flexibilisieren und ärztliche Tätigkeiten auch aus dem Homeoffice ermöglichen. De Azambuja: „Diese Aufgaben stellen sich langfristig.“ © nsi/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Freitag, 25. September 2020, 22:51

Inflationärer Missbrauch

Als Psychotherapeut bin ich entsetzt, in welchem Ausmaß banale Belastungs- und Stressreaktionen zur "Posttraumatischen Belastungsstörungen" aufgeblasen werden!
"Für die Diagnose einer PTBS nach ICD-10 müssen folgende Kriterien erfüllt sein: Der Betroffene war (kurz oder lang anhaltend) einem belastenden Ereignis von außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß ausgesetzt, das bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.Für die Diagnose einer PTBS nach ICD-10 müssen folgende Kriterien erfüllt sein: Der Betroffene war (kurz oder lang anhaltend) einem belastenden Ereignis von außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß ausgesetzt, das bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde."
Ist dieses Kriterium NICHT erfüllt, darf die Diagnose "posttraumatische Belastungsstörung" nicht gestellt werden - unabhängig vom Vorhandensein anderer Symptome.
Avatar #808829
Arne Hofmann
am Mittwoch, 23. September 2020, 12:32

PDF Dateien fehlen!

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bedaure sehr, dass seit einiger Zeit bei vielen wichtigen Artikeln die Möglichkeit fehlt, den Artikel als PDF Datei herunterzuladen und so auch zu archivieren und an die Weiterbildungsassistenten weiter zu reichen.
Könnten Sie dies nicht wieder einrichten?
Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Arne Hofmann
Facharzt für innere und psychosomatische Medizin
leitender Arzt Traumaklinik im Gezeitenhaus Klinik Schloss Eichholz
LNS

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