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Medizin

„Wir brauchen jetzt zeitnah Daten aus den klinischen Krebsregistern“

Dienstag, 22. September 2020

Lugano/Köln – Krebskranke sind Risikopatienten für Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 und für schwere Verläufe der dadurch verursachten Erkrankung COVID-19. Die Qualität der onkologischen Versorgung in Zeiten der Pandemie ist eines der Schwerpunktthemen bei der Jahrestagung der European Society of Medical Oncology (ESMO), die vom 19. – 21. September virtuell stattfindet.

Es geht allerdings nicht nur um die Sicht auf die Krebspatienten, sondern auch um die Frage, wie sich für die Onkologen Arbeits-, Weiterbildungs- und Forschungsbedingungen verändern. Die aktuelle Situation in Deutschland erläutert Prof. Dr. med. Lorenz Trümper im Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Er ist Direktor der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie am Universitäts­klinikum Göttingen und Geschäftsführender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO).

5 Fragen an Lorenz Trümper, Direktor der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie am Universitätsklinikum Göttingen

DÄ: Beim Kongress der ESMO wird eine große, internationale Umfrage unter mehr als 1.500 Onkologen aus 101 Ländern vorgestellt. Der überwiegende Teil der Befragten, darunter deutsche Onkologen, gibt an, im klinischen Alltag stärker belastet zu sein als vor der Pandemie, und zwar auch nach den Lockdowns in den jeweiligen Ländern. Wie schätzen Sie die Situation in Deutschland ein?
Lorenz Trümper: Natürlich sind durch die Pandemie sehr viele gesellschaftliche und berufliche Gruppen belastet, nicht nur Ärzte und Pflegepersonal. Aber in der Ärzte­schaft und speziell in der Onkologie verstärken sich Belastungen, die schon im normalen Alltag hoch sind.

Die meisten unserer Patienten sind sehr vulnerabel, schon das kann einen Arzt oder eine Ärztin psychisch belasten. Hinzu kommt ein potenziell erhöhtes Risiko für Infektionen und für schwere Verläufe von COVID-19. Zwar ist die Mehrbelastung der Onkologen durch coronabedingte Personalknappheit im Moment etwas zurückgegangen. Es bleibt aber ein erhöhter organisatorischer Aufwand und die immer wiederkehrende Frage, ob und wie eine onkologische Behandlung an eine individuelle Coronarisikosituation angepasst werden muss.

Die hohe Belastung wird vor allem von den jungen Onkologen innerhalb der deutschen Fachgesellschaft thematisiert und das ist sehr gut. Die DGHO hat gerade auch für Assis­tenz­ärzte Weiterbildungsangebote entwickelt, mit denen sich Resilienz und Mechanismen des Selbstschutzes bei Ärzten stärken lassen.

DÄ: In einer weiteren, beim ESMO präsentierten internationalen Studie, ebenfalls mit Beteiligung deutscher Zentren, gaben fast zwei Drittel der Onkologen an, eine poten­zielle Unterversorgung der Patienten während der Pandemie mache ihnen Sorge. Wie ist die Situation in Deutschland?
Trümper: Soweit bekannt, haben in Deutschland alle Patienten eine lebensnotwendige onkologische Behandlung erhalten. Das ist ein Unterschied zum Beispiel zu Italien. Aber im Zeitraum zwischen März und Mai hat es bei uns deutlich weniger Krebsneudiagnosen gegeben als im Vorjahreszeitraum, im Juli dagegen sind die Neudiagnosen angestiegen.

Dafür gibt es keine andere Erklärung als eine pandemiebedingte Verzögerung der Diagnosestellung. Spätere Diagnose bedeutet spätere Therapie. Ob sich dies konkret schon auf Behandlungsergebnisse auswirkt, ist eine wichtige Frage, die sich nur aus den Daten der klinischen Krebsregister beantworten lässt.

DÄ: Der Umfrage zufolge sind auch laufende Therapien angepasst worden. Die Onko­logen berichten zum Beispiel von vermehrten Hypofraktionierungen bei der Strahlen­therapie und Reduktionen von Zytostatika, Immuntherapien und Glukokortikoiden.
Trümper: Ja, solche pandemiebedingten Anpassungen der Behandlung und Empfehlungen dazu gibt es. Die drei deutschsprachigen Fachgesellschaften haben dazu Leitlinien entwickelt, die über Onkopedia zugänglich sind. Sie werden von den Ärzten extrem gut angenommen und sind bis zum Juli schon 13 Mal überarbeitet worden.

DÄ: Können Sie Beispiele für solche Anpassungen nennen?
Trümper: Am Universitätsklinikum Göttingen haben wir ebenso wie andere Kliniken in Deutschland während der Peakphase der Pandemie die Intensität einer Erhaltungs­therapie bei Patienten mit kompletter Remission maligner Lymphome reduziert.

Statt alle 2 bis 3 Monate Rituximab wurden die Patienten auf alle 4 bis 6 Monate Rituximab umgestellt, um Klinikbesuche auszusetzen. Natürlich hoffen und vermuten wir, dass diese Umstellung keinen Einfluss auf die Rezidivhäufigkeit und damit auf das Über­leben der Patienten hat. Aber sicher belegen können das nur Daten aus den klinischen Krebsregistern.

Das gilt auch für die Reduktion von Immuntherapien wie Checkpoint-Inhibitoren bei COVID-19-Kranken mit fortgeschrittenen Bronchialkarzinomen. Es wird ein negativer Effekt von Checkpoint-Inhibitoren auf den Verlauf von COVID-19 in dieser Patientenpopu­la­tion vermutet. Ob eine Reduktion der Immuntherapien nun wiederum die Krebsüber­lebens­wahrscheinlichkeit senkt, lässt sich für Deutschland nur auf Basis der klinischen Krebsregister beantworten.

Die Bundesländer sind 2013 gesetzlich verpflichtet worden, solche Register einzurichten, aber offenbar können manche frühestens bis zum Ende des Jahres Daten liefern. Das ist eindeutig zu spät. Zu diesen praxisrelevanten Fragestellungen benötigen wir zeitnah Informationen.

DÄ: In beiden beim ESMO präsentierten Studien berichten Onkologen, dass sie weniger bei klinischen Studien aktiv sind.
Trümper: Einen Rückgang bei der Rekrutierung in klinische Studien haben wir auch in Deutschland beobachtet, und zwar für circa 3 Monate ab März/April. Der Grund waren Personal- und Zeitknappheit bei den Mitarbeitern und Betreuern von Studien. Jetzt sind die Rekrutierungen von onkologischen Patienten in klinische Studien zum Glück wieder angelaufen. © nsi/aerzteblatt.de

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