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Barmer plädiert für Verordnung bestimmter Arzneimittel nur in Zentren

Donnerstag, 24. September 2020

/Eisenhans, stock.adobe.com

Berlin – Die Barmer hat gefordert, dass bestimmte neue Arzneimittel nur in Zentren verordnet werden dürfen. „Wir sollten uns als Gesellschaft fragen, ob wir ein neues Arzneimittel überall in der Republik einführen sollten oder nur in Zentren, wo die Erfahrung und das Wissen vorhanden sind“, sagte Mani Rafii, Mitglied im Vorstand der Barmer, vorgestern auf dem Versorgungs- und Forschungskongress der Kasse in Berlin.

Zudem plädierte er in diesem Zusammenhang für ein Zweitmeinungsverfahren sowie für eine bessere Datengenerierung. „Wir sollten intensiver über Register nachdenken“, meinte er. „Wenn wir neue Arzneimittel nur in bestimmten Strukturen zulassen, kommen wir schneller zu neuen Erkenntnissen, zum Beispiel auch im Bereich der Lebensqualität.“

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Daniel Grandt, Chefarzt der Inneren Medizin I am Klinikum Saarbrücken, gab ihm teilweise recht. Bei manchen Therapien sei es sinnvoll, neue Arzneimittel nur in Zentren zu verabreichen. „Bei anderen Erkrankungen, wie bei Hepatitis C, können wir die Vergabe nicht an Zentren konzentrieren, weil es zu viele Patienten gibt“, betonte er.

Preise sind deutlich gestiegen

Grandt kritisierte zudem, dass die Preise neuer Arzneimittel nicht mit ihrem Nutzen korrelierten. „Zum Beispiel in der Onkologie ist der Nutzen keine entscheidende Determinante für den Preis“, kritisierte er. „Der Preis hängt davon ab, was der Markt zahlen kann. Im internationalen Vergleich sind die Kosten für ein Arzneimittel im teuersten Land viermal so hoch wie im preiswertesten.“ Auch mit den Entwicklungskosten korreliere der Preis nicht.

Analysen verschiedener Krankenkassen hatten in den letzten Wochen gezeigt, dass die Preise neuer Arzneimittel im vergangenen Jahr weiter deutlich gestiegen sind. So hat der AMNOG-Report der DAK ergeben, dass die durchschnittlichen Kosten für neu auf den Markt gekommene Medikamente im vergangenen Jahr bei 150.000 Euro pro Jahr und Patient lagen. Im Jahr 2010 waren es noch 40.000 Euro.

Die Gewinnmarge in der pharmazeutischen Industrie liege etwa doppelt so hoch wie im nicht-pharmazeutischen Bereich, sagte Grandt.

Hagen Pfundner, Vorstand der Roche Pharma AG, rechtfertigte die hohen Preise. „Bei der Herstellung neuer Arzneimittel bezahlen Sie nicht nur die Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionskosten, sondern auch die gedankliche Leistung: die Innovation.“ Das zeige nun auch die Pandemie, in der Staaten in die Entwicklung von Impfstoffen investierten. „Man muss investieren, um ein neues Produkt auf den Markt zu bringen – zu einem Zeitpunkt, an dem man noch gar nicht weiß, ob man am Ende wirklich ein neues Arzneimittel bekommen wird“, sagte Pfundner. „Das ist ein hohes Risiko. Und Sie brauchen Geldgeber, die bereit sind, dieses Risiko einzugehen.“

„Heute investieren 140 Unternehmen in die Herstellung von Impfstoffen gegen SARS-CoV-2“, erklärte Pfundner. „Ich prognostiziere, dass am Ende nur vier bis fünf davon übrigbleiben. Der Rest bleibt auf der Strecke und das Geld ist weg.“ Wenn dann aber ein neues Arzneimittel die Marktreife erlange, müsse die Prämie entsprechend hoch sein. „Deshalb können Innovationen nicht billig sein“, so der Roche-Vorstand. Die Phase der hohen Preise sei jedoch kurz. Vor zehn Jahren habe man sich zum Beispiel Sorgen wegen der neuen TNF-Inhibitoren gemacht. Heute bekomme man diese Medikamente für einen Bruchteil des damaligen Preises.

Kritik an fehlender Information nach der Zulassung

Grandt kritisierte, dass die Hersteller nach der Zulassung keine weiteren Informationen über die Wirkung ihrer Arzneimittel vorlegten. „Die Gewinne werden heute vielfach durch eine beschleunigte Zulassung neuer Arzneimittel erhöht“, sagte er. „Für Patient und Arzt ist das aber ein therapeutisches Dilemma. Denn um Nutzen und Risiken einschätzen zu können, braucht man Daten. Die stehen aber für immer mehr neue Arzneimittel nicht zur Verfügung.“

Manchmal gebe es nicht einmal randomisierte Studien und manchmal seien nur Surrogatparameter untersucht worden. Zudem gebe es nach wie vor zu wenige Informationen über die Lebensqualität der Patienten.

„Es gibt heute noch immer nicht den zweiten Schritt nach der Zulassung, bei dem man nachschaut, ob sich der Nutzen so entwickelt hat wie erwartet“, kritisierte Grandt. „Dabei geht es nicht darum, dass Arzneimittel nicht teuer sein dürfen. Ich möchte aber nicht für etwas zahlen, das gar nicht den Wert hat, den man erwartet hat und der auch beworben wurde.“ © fos/aerzteblatt.de

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Paul-a
am Sonntag, 27. September 2020, 12:07

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