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Politik

Landarztquote in Baden-Württemberg wird konkret

Freitag, 25. September 2020

/Thomas Reimer, stock.adobe.com

Stuttgart – Nach langen Diskussionen bringt die grün-schwarze Landesregierung in Baden-Württemberg die Landarztquote auf den Weg. Am Dienstag soll nach jetzigem Stand eine entsprechende Kabinettsvorlage zur konkreten Ausgestaltung beschlossen werden.

75 Studienplätze sollen demnach ab 2021 jährlich an Studienanfänger in der Human­medizin vergeben werden, die Landarzt werden möchten, aber nach dem herkömmlichen Verfahren keinen Studienplatz bekommen haben. Diese Studierenden verpflichten sich, nach ihrem Abschluss für zehn Jahre als Hausarzt in einem Gebiet zu arbeiten, in dem es einen Ärztemangel gibt. Halten sich die Absolventen nicht an den Vertrag, droht ihnen laut aktueller Kabinettsvorlage eine Strafe von bis zu 250.000 Euro.

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In der Landesregierung verspricht man sich von der Landarztquote eine Verbesserung der ärztlichen Versorgung auf dem Land auch über den Pflichtzeitraum hinaus. „Es ist zu erwarten, dass viele dieser Ärztinnen und Ärzte auch nach Ablauf der Verpflichtungszeit von zehn Jahren weiterhin an dem Praxisort tätig bleiben werden, da sie sich dann bereits über einen längeren Zeitraum etabliert haben“, heißt es in einer Anlage zur Kabinettsvorlage.

Man befinde sich mit der Einführung im Zeitplan, schrieb Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in einem Brief an CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart, der seit längerem auf die Quote pocht. Für die Quotierung von Studienplätzen müsse man aber ein rechtssicheres Auswahlverfahren schaffen.

Man rechne aber fest damit, bereits zum Sommersemester 2021 in Tübingen die ersten Plätze über die Quote vergeben zu können, betonte Kretschmann. An anderen Standorten im Land starte das Verfahren erst zum Wintersemester, da dort nur dann das Medizin­studium beginnt. Die Quote sei Teil eines Maßnahmenbündels, sagte Kretschmann – so werde auch ein Neigungsprofil „Landarzt-Track“ eingeführt, für das sich jeder Studierende der Humanmedizin entscheiden kann.

„Es ist gut, dass es jetzt endlich vorangeht und wir so den Zeitplan hoffentlich einhalten können“, betonte Reinhart. „Die Landarztquote wird mithelfen, den Ärztemangel in der Fläche zu mildern.“ Reinhart hatte den Grünen zuvor vorgeworfen, das Projekt zu verschleppen.

Im Frühjahr 2021 soll das Auswahlverfahren starten. Die Landesregierung rechnet mit rund 1.350 Bewerbungen im Jahr. Für die Bewerbung, die Beratung und die Überwachung soll extra eine Stelle eingerichtet werden, vermutlich am Regierungspräsidium Stuttgart. Die Landesregierung plant mit Kosten von rund 1,3 Millionen Euro in 2021 und ab 2022 rund 1,2 Millionen Euro pro Jahr. Die grün-schwarze Koalition baut die Medizin-Studienplätze insgesamt um 150 aus, im Studienjahr 2021/22 soll es damit rund 1700 Plätze im Land geben.

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) geht von derzeit knapp 640 unbesetzten Stellen für Hausärzte aus. Von den 7.073 Hausärzten (Stand: 1. Juli) im Land sind demnach 37 Prozent über 60 Jahre alt. Die KVBW zeigt sich skeptisch mit Blick auf die Quote.

„Allen Beteiligten ist klar, dass die Quote uns in den Fragestellungen, die uns beschäftigen, nicht weiterhelfen kann“, sagte Sprecher Kai Sonntag. Es dauere mindestens zwölf Jahre, bis der erste Arzt damit auf dem Land seine Arbeit aufnehme. © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #88767
fjmvw
am Montag, 28. September 2020, 08:42

Ob die wissen, was sie gerade tun? Vermutlich nicht.

Wer es über den Abischnitt nicht zu einem Medizin-Studienplatz geschafft hat, bekommt eine neue Chance: Verpflichtung als Landarzt. Für die Patienten eine gute Sache, denn so bekommt man in Zukunft wenigstens Hausärzte.
Das dürfte ungefähr der Denke von Politikern entsprechen. Und weiter denken sie in der Regel nicht, auch wenn schon die alten Römer davor gewarnt haben: Quidquid agis prudenter agas et respice finem.

Stellen wir uns jetzt mal für einen klitzekleinen Augenblick vor, wir hätten Ahnung von Volkswirtschaftslehre. Was würde uns dann u. a. zur Landarztquote einfallen?

Die Anzahl der Studienplätze steigt. Aus mehr Studienplätzen folgen jedoch nicht unbedingt mehr erfolgreiche Absolventen. Und aus mehr Absolventen folgt nicht zwangsläufig, dass mehr dieser Absolventen in der ärztlichen Versorgung ankommen werden. Ohne geeignete zusätzliche, flankierende Maßnahmen kann es daher passieren, dass in 15 Jahren trotz Landarztquote nicht genügend Ärzte in die landärztliche Versorgung nachrücken wollen.
Wir haben heute schon realen, deutlichen Ärztemangel. Da hilft es nicht wirklich, wenn in 12 Jahren (vielleicht) zusätzliche Ärzte kommen.
Ärztemangel beschränkt sich nicht auf Haus- bzw. Landärzte, Ärztemangel gibt es auch bei Fachärzten. Zudem tritt Ärztemangel sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich auf. Der stationäre Bereich kann den Mangel an deutschen Ärzten zu großen Teilen mit Ärzten anderer Nationalität kompensieren, deswegen fällt es nicht so sehr auf.
Es gibt drei große Nachfragesegmente nach ärztlichem Nachwuchs. Den stationären Bereich sowie Haus- und Fachärzte im ambulanten Bereich. Wenn die Nachfrage in allen drei Segmenten gleich hoch wäre, würden sich in jedem Segment ein Drittel des Nachwuchses einfinden. 90 Nachwuchsärzten würden sich in 30 / 30 / 30 aufteilen.
Angenommen, es gäbe 30 zusätzliche, über die Landarztquote eingetütete, Ärzte, so dass insgesamt 120 Ärzte für die drei Bereiche zur Verfügung stehen. Da die Nachfrage in allen Bereichen gleich groß ist, kommt es zu einer Verteilung 40 / 40 / 40. Was hätten 30 Landarztquotenärzte somit in 12 Jahren für einen Effekt? Es gäbe 10 Landärzte mehr als zuvor. Denn all die Nicht- Quotenärzte würden sich auf Grund ihrer Präferenzen in Kenntnis der Marktsituation genau so rational verhalten wie zuvor. Das Verhältnis von 40 / 40 / 40 ist rational und wenn der freie Nachwuchs weiß, dass von den 40 Hausarztstellen schon 30 "gesetzt" sind, dann werden sie sich auf die verbleibenden 90 Stellen entsprechend verteilen. Statt der erhofften 30 zusätzlichen Landärzte am Ende lediglich 10.
Hätte man "einfach nur" 30 Absolventen ohne Landarztquotengedöns mehr produziert, hätte man denselben Effekt gehabt. Da man sich den gesamten administrativen Overhead erspart hätte, wäre es zudem deutlich kostengünstiger.
Wenn man, um bei obigem Beispiel zu bleiben, von den 120 Ärzten 60 als Haus(- bzw. Land-)ärzte bekommen will, dann müsste man entweder weitere 30 Stipendien / Zulassungen mit entsprechender Auflage vergeben. Oder man müsste dafür sorgen, dass es attraktiver wäre sich als Hausarzt niederzulassen wie eine der anderen beiden Optionen zu wählen. Wenn man allerdings die Attraktivität des Hausarztes so steigern könnte, dass man das Ziel erreichen würde, dann wiederum stellte sich die Frage, warum man das nicht schon heute so macht - ganz ohne Landarztquote.
Neben dem ambulanten und dem stationären Sektor gibt es u. a. noch den Öffentlichen Gesundheitsdienst oder auch Bundeswehr, Feuerwehr, ...... Die Realität ist somit deutlich komplexer als in dem oben skizzierten Modell. Der ÖGD klagt seit langem, dass die Jobangebote für Ärzte nicht attraktiv genug sind. In der logischen Folge sind u. a. in Berlin sehr viele Stellen bei Gesundheitsämtern unbesetzt. In Corona-Zeiten ist das kurzfristig etwas mehr in die allgemeine Öffentlichkeit gerückt und sollte der Trend anhalten, dann wird man demnächst auch im ÖGD "besser" bezahlen, um mit den anderen Stellen konkurrenzfähig zu werden. Das wiederum hätte zur Folge, dass ein Arzt nicht mehr zwischen 3 Segmenten sondern 4 oder noch mehr wählen kann.
Fährt man die Extremwerte an, stellt sich am Ende folgendes Szenario ein:
Landärzte werden ausschließlich über die Landarztquotenärzte besetzt.
Alle anderen Stellen werden von den Übrigen besetzt.
Die Bewerber mit den besseren Abiturprüfungen, denen man häufig auch bessere Fähigkeiten zuspricht, werden überall sonst sein - aber nicht als Landarzt praktizieren.
Damit werden "die Landärzte" mit dem Stigma versehen sein "Für einen regulären Studienplatz hat es nicht gereicht. Und jetzt müssen wir uns auf dem Land mit dem zufriedengeben was die Stadt und die Krankenhäuser und der ÖGD und ..... übriggelassen haben. Zweite Wahl." Obwohl alle Ärzte dieselben Prüfungen bestehen müssen und wer das schafft, war richtig gut, werden es in den Augen der Bevölkerung nur Ärzte zweiter Wahl sein.
Umgekehrt folgt daraus, dass sich Ärzte ohne Landarztquotenzugang, die für ihr Studium u. a. schon in der Schule viel getan haben, tendenziell eher nicht auf dem Land niederlassen wollen. Weil "auf's Land geht die zweite Wahl".

Würde man einem Volkswirt die Frage stellen, wie er den Ärztemangel (oder den Landarztmangel oder den ÖGD-Arztmangel oder den ....Arztmangel) schnell und effizient beheben würde, wäre die Antwort trivial: Angemessene Bezahlung der Ärzte. Dann regelt sich das Problem von ganz alleine.

Alle, die der Auffassung sind, Ärzte würden bereits heute angemessen oder gar zuviel verdienen, haben von Ökonomie keinen blassen Schimmer. Wer dazulernen möchte, hier ein Link: http://www.wirtschaftslexikon24.com/d/preisfunktionen/preisfunktionen.htm
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